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Corona-Impfstoff Curevacs Impfstoff-Desaster ist einfach tragisch

Der Corona-Impfstoffkandidat von Curevac galt als vielversprechend. Umso größer ist die Enttäuschung nach der Bekanntgabe neuester Daten zur Wirksamkeit des Vakzins. Quelle: imago images

Der Schock kam kurz vor Mitternacht: Der lange angekündigte Impfstoff von Curevac ist nicht so wirksam wie erhofft. Für das Unternehmen ist es ein Desaster. Wie konnte es dazu kommen?

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Der Anspruch lag ganz hoch: Den „bestmöglichen Impfstoff“ wolle Curevac entwickeln – so hatte es Großaktionär und Finanzier Dietmar Hopp angekündigt. Das Vakzin von Curevac sollte etwa länger haltbar sein und weniger Nebenwirkung aufweisen. Und tatsächlich hat sich der Impfstoff des Tübinger Biotechunternehmens als sicher und verträglich erwiesen.

Das Problem: Er wirkt kaum. Eine Zwischenanalyse, die Curevac gestern Nacht veröffentlichte, ergab lediglich eine Wirksamkeit von 47 Prozent. Das ist deutlich schlechter als bei den bisherigen Impfstoffen von Biontech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca und Johnson & Johnson. Es ist ein Desaster. Curevac-Chef Franz-Werner Haas erklärt, das Unternehmen habe auf „stärkere Ergebnisse in der Zwischenanalyse“ gehofft. Curevac will seine Tests weiter fortführen. „Die endgültige Wirksamkeit könnte sich noch verändern“, sagt Haas.

In der Folge stürzte nun die Curevac-Aktie um über 40 Prozent ab. Die Kursverluste treffen auch den Bund als Großaktionär – der deutsche Staat stieg im vergangenen Jahr mit 300 Millionen Euro bei Curevac ein; ihm gehören etwas weniger als zwanzig Prozent der Anteile. Für Gabriel Felbermayr, den Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, zeigt „der Fall Curevac wieder einmal, dass Politiker keineswegs die besseren Investoren sind.“ Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte der Ökonom weiter: „Der Staat ist ohne Not in das Unternehmen eingestiegen, das ja im letzten Frühjahr auch genügend private Investoren gefunden hatte. Auch diese verlieren jetzt Geld, aber es ist ihr eigenes, nicht das der Steuerzahler.“

Die geringe Wirksamkeit liege "sehr wahrscheinlich an der Dosis", sagt Professor Peter Kremsner von der Universitätsklinik Tübingen, der dort die CureVac-Impfstudie leitet, der Nachrichtenagentur Reuters. Mit 12 Mikrogramm war Curevac sehr niedrig dosiert. Eine höhere Dosierung bei Curevac sei aber wegen zu erwartender Unverträglichkeiten nicht möglich gewesen.  Man müsse neidlos zugestehen, dass Biontech und Moderna die besseren Impfstoffe haben., sagte Kremsner. Dort waren die Wirkstoffe deutlich höher dosiert.


Aufgrund der miserablen Studienergebnisse müssen nun auch Impfkampagnen umgeplant werden. Für die Impfungen in Deutschland ist Curevac mittlerweile nicht mehr eingeplant. Die EU hatte jedoch große Hoffnungen auf das Vakzin gesetzt – und bis zu 405 Millionen Dosen bestellt. Dabei hatten schon die jüngsten Nachrichten aus der Curevac-Zentrale in Tübingen nicht gut geklungen. Weil sich weltweit immer weniger Menschen mit Corona infizieren, wurde es schwieriger,  die für die Studie notwendigen Infektionsfälle zusammen zu bekommen.

Die zunehmenden Mutationen erschwerten die Studie zusätzlich. Hierbei enttäuscht Curevac nun besonders. Die bisherigen Vakzine von Biontech/Pfizer, Moderna, AstraZeneca und Johnson & Johnson wirken bei Mutationen zwar etwas schwächer als gegen das Ursprungsvirus. Bei allen liegt die Wirksamkeit gegen die Varianten jedoch deutlich über 50 Prozent – mit 47 Prozent fällt Curevac deutlich ab.

Es ist leider so, dass sich Curevac mit der Entwicklung zu viel Zeit gelassen hat. Der Rückstand auf Biontech und Moderna beträgt nun über ein halbes Jahr. Als Biontech im Dezember seinen Impfstoff auf den Markt brachte, begann Curevac erst mit seiner großen Studie. Als die Pandemie Anfang 2020 losbrach, schaltete die Konkurrenz schneller. Zudem fehlte es Curevac zu Beginn des vergangenen Jahres auch noch an Geld, um sich größere Studien leisten zu können. Finanziell hing das Unternehmen vor allem von Großaktionär Dietmar Hopp ab. Erst mit dem Einstieg des Bundes und weiterer Investoren im Sommer 2020 besserte sich die monetäre Lage.



Kritik übt auch der mittlerweile emeritierte Tübinger Chemieprofessor Günther Jung, einer der Mitgründer von Curevac. „Ich bin schon enttäuscht, wie langsam das geht“, erklärte Jung der WirtschaftsWoche. „Curevac hätte sich sehr viel früher mit einem potenten Partner zusammentun sollen – so wie Biontech das mit Pfizer vorgemacht hat.“ Der Doktorvater des langjährigen Curevac-Chefs Ingmar Hoerr sieht noch weitere Gründe: „2020 gab es – unter anderem wegen einer schweren Erkrankung von Ingmar – zwei Wechsel an der Spitze. Sehr viel neues Personal wurde eingestellt. Das hat auch Zeit gekostet.“ Hoerr hatte eine lebensgefährliche Hirnblutung erlitten.

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Jung hält immer noch Aktien an Curevac, die nun deutlich weniger wert sind. Gemeinsam mit Hoerr und drei weiteren Mitstreitern hat Jung Curevac um die Jahrtausendwende gegründet. Schon damals waren sie der segensreichen Wirkung der RNA-Botenstoffe auf der Spur, dem Grundprinzip der mRNA-Impfstoffe von Biontech, Moderna und Curevac. Die beiden Konkurrenten, die deutlich später gegründet wurden, haben auch von den Erkenntnissen der Curevac-Forscher profitiert.

Sie waren wirklich ganz früh dran – das macht das Scheitern von Curevac so tragisch.

Mehr zum Thema: Nach den schwachen Studienergebnissen des Impfstoffs von Curevac hat sich der Kurs des Impfstoffhoffnungsträgers halbiert. Einer der großen Verlierer ist der Bund.

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