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Coronaschock in der Luftfahrt Wie sich Lufthansa die Zeit nach der Krise vorstellt

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Lufthansa: Ideen für die Post-Corona-Ära

1. Schrumpfen
Fest steht für Spohr: Die neue Lufthansa werde spürbar kleiner sein als heute, denn die Nachfrage könnte noch auf Jahre schwach bleiben. Seine Hoffnung ist der Sommer 2021: „Wir würden uns freuen, wenn wir dann wieder richtig fliegen“, so Spohr. Bis dahin werde auch die Branche schrumpfen. „Die Luftfahrt entwickelt sich ungefähr doppelt so stark wie die Konjunktur“, so Spohr.
Laut einer Schätzung des Ratinghauses Standard & Poors könnte das Minus am Jahresende bei bis zu 20 Prozent liegen. Selbst wenn bis dahin einige Airlines Pleite gehen, dürfte die Lufthansa dann um bis zu zehn Prozent schrumpfen. Darum werde die Lufthansa dieses Jahr ihre Flotte nicht mehr aufstocken. „Wir sollten dieses Jahr alle zwei Wochen ein Flugzeug bekommen, doch wir brauchen keines“, so Spohr.

Dadurch wird sich die Zusammensetzung der Flotte verändern, meint der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. „Alles was vier Motoren hat, wird rausgehen“, meint er in Bezug auf den Superjumbo Airbus A380 – und spätestens, wenn Boeings neuen Langstreckenmodell 777X kommt, auch die Jumbojets Boeing 747-800. Beide galten mit mehr als 450 Plätzen schon vor der aktuellen Krise als zu groß. Wegen der vielen Triebwerk seien die Ausgaben für Kerosin und Wartung im Vergleich mit kleineren Langstrecken-Maschinen zu hoch.

In Summe könnte der Abbau bis zu 70 Maschinen betreffen. Das hat Folgen für das Personal. Wenn der Flugbetrieb um ein Zehntel schrumpft, werden ein paar Tausend weniger Flugbegleiter und Piloten gebraucht.

2. Weniger Geld für Personal und Lieferanten
Dazu will Spohr bei den Kosten flexibler werden. Auch das trifft das Personal. Wer Lufthanseat bleiben darf, wird künftig wahrscheinlich nicht nur weniger gut bezahlt. Die Gehälter werden auch stärker am Unternehmenserfolg hängen. „In den nächsten Tarifrunden wird Personalmanager Karlheinz Schneider mehr denn je auf Krisenklauseln drängen, die im Fall eines Rückgangs Dinge wie unbezahlten Urlaub schneller möglich machen als bisher“, so ein Insider.

Großen Widerstand und eine Fortsetzung der Streiks befürchtet Spohr offenbar nicht. In Zeiten wie diesen müssten Zwist und Streiks aufhören. Stattdessen brauche man Einigkeit und „alle Hände an Deck“.

Ähnliches wird auch Jörg Hennemann fordern. Der oberste Flugzeugeinkäufer der Lufthansa hat schon jetzt in vielen Verträgen Ausstiegsklauseln für Verkehrseinbrüche durch höhere Gewalt. „Das wird noch schärfer gefasst“, so ein Insider. Spohr rechnet offenbar mit einem Erfolg bereits in den aktuellen Verhandlungen mit Airbus und Boeing über eine Verschiebung bei der Auslieferung neuer Jets. „Wir sind schließlich inzwischen einer der größten Abnehmer“, sendet er zu den Herstellern mit dem Verweis, dass die jahrelangen Großbesteller wie Emirates aus Dubai schon länger ihre Bestelllungen stornieren.
Auf solche Verhandlungen dürfen sich auch andere Lieferanten einstellen – allen voran die Flughäfen, deren Gebühren zu den großen Ausgabekosten gehören. „Wenn der Verkehr schrumpft, gibt es selbst an den großen, lange überlasteten Airports wieder Platz – und Wettbewerb um die verbliebenen Airlines“, fürchtet der Chef eine Flughafens. „und wir werden durch Rabatte oder Marketinghilfen nachgeben müssen.“

3. Mehr Urlauber, mehr Zukäufe
Dazu wird sich die Lufthansa auch strategisch anders aufstellen. So erwartet Spohr künftig einen höheren Anteil von Urlaubern unter seinen Kunden – und weniger Geschäftsreisende. „Das Reiseverhalten wird sich ändern“, so Spohr. Er erwartet offenbar, dass Manager künftig vermehrt Videokonferenzen buchen statt Flugtickets. Die Abwanderung der Vielflieger ins Internet schreckt ihn nicht. „Das Privatreisesegment ist stabiler“, so Spohr. Im Übrigen sei die Lufthansa Generalanbieter für alle Reisefälle. „Ob Fracht, Billigflug oder Premium – wenn einer auf alles vorbereitet ist, dann wir.“
Etwas weniger deutlich denkt Spohr auch über Zukäufe nach. „In jeder Krise prüfen wir strategische Opportunitäten“, so Spohr. Die von seinem Vorvorgänger Wolfgang Mayrhuber geprägte ungelenke Formulierung übersetzen Lufthansakenner mit „Übernahmen oder zumindest festen Partnerschaften“. Im Blick hat er offenbar nach wie vor Alitalia. „Wir haben immer gesagt, eine erfolgreiche Fluglinie braucht einen Investor und Partner“, so Spohr. Der Investor sei nach der Verstaatlichung nun die italienische Regierung. Und als Partner kämen in Europa ja nicht viele infrage, bot sich der Lufthansalenker an.
Zwar muss Spohr seinen keimenden Optimismus am Ende der Pressekonferenz ein wenig einbremsen. „Bis wieder 280 Passagier pro Minute bei uns einsteigen wir vor der Krise, da müssen wir noch lange warten.“ Doch sein Tatendrang mehr als nur Krisenmanager zu sein ist deutlich. „Trotz allem: Wir verlieren die Zuversicht nicht“, betont er.

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