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Coronavirus in China Deutsche Firmen in Wuhan setzen auf Prävention

Das Coronavirus greift von China aus weiter um sich. Quelle: AP

Mundschutz, Fiebermessen, Desinfektion, Homeoffice – deutsche Firmen in der chinesischen Stadt Wuhan treffen Vorkehrungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus.

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In der Provinz Hubei herrscht Ausnahmezustand: Mehr als 45 Millionen Menschen wurden in mindestens 14 Städten weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Vor allem die Stadt Wuhan, wo das Coronavirus erstmals aufgetreten war, ist praktisch abgeriegelt. In der Metropole mit elf Millionen Einwohnern wurde der Visum- und Ausweisdienst bis Donnerstag ausgesetzt. Flüge und Zugverbindungen sowie der öffentliche Nahverkehr wurden gestoppt. Selbst Metropolen wie Peking und Shanghai und mehrere Provinzen haben die Überlandverbindungen mit Bussen ausgesetzt. In sozialen Medien verbreitete Bilder aus Wuhan zeigen überfüllte Krankenhausflure. Zudem häuften sich Klagen über drastisch steigende Preise für Grundnahrungsmittel wie Gemüse.

Wuhan nimmt eine wichtige Rolle für Chinas Wirtschaft ein, die Metropole propagiert sich selbst als größtes Logistik- und Frachtverteilungszentrum im Landesinneren Chinas. Auch deutsche Unternehmen sind dort vertreten. Bislang gibt es eigenen Angaben der Firmen zufolge nur wenig spürbare Auswirkungen. Nichtsdestotrotz treffen auch die in Wuhan ansässigen deutschen Firmen Vorkehrungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus.

Der Handelsriese Metro hat etwa in jedem seiner insgesamt vier Großmärkte in der Millionen-Metropole Körpertemperatur-Kontrollpunkte eingerichtet, berichtet eine Sprecherin. Mitarbeiter und Kunden werden als Vorsichtsmaßnahme auf Fieber untersucht. Und es wird öfter geputzt – die Häufigkeit der Reinigung und Desinfektion sei gesteigert worden. Einen Mundschutz bekommen die Metro-Mitarbeiter gestellt. Damit stehen sie in der Stadt aber nicht allein, auch viele andere im Großraum Wuhan tätige Firmen rüsten ihre Beschäftigten so aus. Die Stadt gilt als Ursprungsort des neuen Stamms des Coronavirus. Der Erreger soll dort erstmals auf einem Fischmarkt aufgetreten sein, auf dem Wildtiere illegal verkauft wurden. Zahlreiche Unternehmen warnen ihre Mitarbeiter denn auch vor dem Besuch von Märkten, dem Kontakt mit lebenden oder toten Tieren und zur Vorsicht beim Verzehr von Lebensmitteln. Fleisch oder Eier sollten etwa gründlich gekocht werden.

„Alle Beschäftigten werden über vorbeugende Hygienemaßnahmen informiert und auf die lokalen Hinweise der Gesundheitsbehörden aufmerksam gemacht“, berichtet die Telekom-Tochter T-Systems. Ihre Mitarbeiter sollen nach Möglichkeit aus ihren Wohnungen heraus arbeiten – damit sinkt das Risiko, in Menschenansammlungen zu geraten. Viele Firmen haben aktuell ihre Aktivitäten in der Stadt zurückgefahren. Das liegt aber nicht am Virus: In China wird das Neujahrsfest gefeiert, viele Mitarbeiter haben also frei.

Zudem raten die Unternehmen – und nicht nur sie – ihren Mitarbeitern von Reisen in die betroffene Region ab. Volkswagen ruft etwa dazu auf, Dienstreisen nach China auf ein Mindestmaß zu beschränken. Beschäftigten, die trotzdem in die Volksrepublik fliegen müssen, geben die Konzerne zahlreiche Ratschläge mit auf den Weg. Manche beschreiben dabei auch das Offensichtliche: Man solle etwa Kontakt mit an Fieber erkrankten Menschen meiden, empfehlen mehrere Unternehmen ihren Geschäftsreisenden.

Auch BMW rät seinen Mitarbeitern von Reisen in die Provinz Hubei ab. Nicht zwingende Reisen nach China seien demnach auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, teilte der Autobauer Montagabend mit. Alle Mitarbeiter in China seien über die aktuelle Situation sowie Verhaltensempfehlungen informiert worden. BMW werde die Situation weiterhin genau beobachten und – wenn nötig – weitere Maßnahmen ergreifen.

Der Cabriodach-Hersteller Webasto aus Stockdorf bei München hat seinen Mitarbeitern ein China-Reiseverbot für mindestens zwei Wochen erteilt. Das Unternehmen unterhält sein größtes Werk weltweit in Wuhan. Am zentralen Sitz des Konzerns in Stockdorf sei es außerdem zu einem Zwischenfall gekommen, der nun geprüft werde. Bei einem chinesischen Mitarbeiter aus Shanghai, der sich vom 19. bis 22. Januar in Stockdorf aufgehalten habe, sei nach der Rückkehr am 26. Januar das Coronavirus diagnostiziert worden. Unklar sei, ob die Person bereits infiziert nach Bayern gekommen sei oder sich erst auf dem Rückflug nach China angesteckt habe.

Autozulieferer Schaeffler riet seinen 89.000 Mitarbeitern bereits am Donnerstag von Dienstreisen von und nach China ab. Ein Schaeffler-Sprecher sagte, das Dienstreiseverbot gelte bis 15. Februar. Schaeffler betreibt in China acht Werke und in Wuhan einen Logistikstandort.

In Wuhan befinden sich laut dem Auswärtigen Amt derzeit etwa 90 Deutsche. Das seien „Staatsbürger, die dort leben, arbeiten, studieren, verheiratet sind“, sagte eine Sprecherin. Das Auswärtige Amt stehe mit ihnen seit Tagen regelmäßig in Kontakt. „Wir haben im Moment keine Hinweise darauf, dass Deutsche von der Krankheit betroffen sind.“ Dennoch erwägt die Bundesregierung, ausreisewillige Deutsche aus China auszufliegen. Eine mögliche Evakuierung werde in Betracht gezogen, sagte Außenminister Heiko Maas am Montag in Berlin. Der Krisenstab sei am Vormittag zusammengekommen, um über das weitere Vorgehen zu beraten.

Andere Länder wie Frankreich und die USA haben solche Rückholaktionen bereits in die Wege geleitet. Die Botschaft stehe mit den Deutschen vor Ort in Kontakt, hieß es von Maas. „Wir prüfen und wir bereiten uns auf alle Optionen vor.“ Er riet zudem von Reisen nach China ab. „Reisende sollten überlegen, nicht zwingende Reisen nach China zu verschieben oder zu unterlassen.“

Reiseunternehmen stornieren Flüge und Reisen kostenlos

Infolge der aktuellen Entwicklungen reagiert auch die Tourismusbranche auf die Ausbreitung des Coronavirus. Die Lufthansa bietet auf Anordnung chinesischer Behörden ihren Kunden kostenfreie Umbuchungen für alle Flüge von und nach China (ohne Hongkong) an. Das gilt für Tickets, die vor dem 23. Januar gebucht wurden, und zwar für Flüge im Zeitraum von 24. Januar bis 23. Februar.

Kunden von DER Touristik mit den Marken Dertour, Meiers Weltreisen und ADAC Reisen können ihre China-Reisen bis Ende März kostenlos stornieren oder umbuchen. Aktuell sind allerdings den Angaben zufolge lediglich knapp 100 DER-Reisende in der Volksrepublik unterwegs.

Auch der Reiseveranstalter Studiosus sagte seine Reisen nach China bis Mitte April ab. „Vor dem Hintergrund einer anhaltenden Lage-Verschlechterung und der Verschärfung der Reisehinweise des Auswärtigen Amtes sehen wir derzeit keine Möglichkeit, geplante Chinareisen durchzuführen“, teilte der Anbieter auf seiner Homepage mit. Mit einer raschen Entspannung werde nicht gerechnet. Aktuell hat Studiosus nach eigenen Angaben keine Gäste in China. Der nächste Trip sollte ab dem 15. März stattfinden. Chinagäste mit Abreise bis zum 31. Mai können kostenlos umbuchen oder stornieren.

Der Winter ist nicht die Hauptreisezeit für China. Die Saison beginne erst etwa Mitte April, erklärte eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands. Deshalb dürfte man bei China-Reisen bislang gelassen. Bei seinen Empfehlungen orientiere sich der Verband vor allem am Auswärtigen Amt und beziehe auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Robert-Koch-Institut mit ein.

Das Auswärtige Amt in Berlin rät dazu, nicht notwendige Reisen in die betroffenen Gebiete zu verschieben. China ist für deutsche Veranstalter insgesamt eher ein kleiner Markt. Der Deutsche Reiseverband (DRV) wies darauf hin, dass jährlich etwa 600.000 bis 650.000 Menschen aus Deutschland nach China reisen. Davon sind etwa zwei Drittel Geschäftsreisende.

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