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Curevac-Gründer Ingmar Hoerr „Ich dachte, der KGB hätte mich entführt“

Curevac-Gründer Ingmar Hoerr Quelle: imago images

Curevac-Gründer Ingmar Hoerr ist 2020 gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen. Im Interview spricht er über die Folgen seiner Hirnblutung, seine RNA-Entdeckung und den Konkurrenten Biontech.

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Ingmar Hoerr, 52, ist promovierter Biologe und Mitgründer von Curevac. Seit 2018 war er Aufsichtsratschef. Im März 2020 Rückkehr als CEO. Kurz darauf erkrankte er schwer. Sein Unternehmen Curevac arbeitet an einem Impfstoff gegen Corona, der sich in der finalen Testphase befindet und Mitte 2021 die Zulassung erhalten könnte.

WirtschaftsWoche: Herr Hoerr, schön, Sie bei guter Gesundheit zu sehen. Sie erlitten im März während einer Dienstreise nach Berlin eine lebensgefährliche Hirnblutung. Wie geht es Ihnen inzwischen?
Ingmar Hoerr: Danke, gut. Ich bekomme zwar noch eine Reihe von Medikamenten, aber ich kann inzwischen wieder sprechen, denken, mich bewegen. Meine wesentlichen Funktionen sind wiederhergestellt.

Wie blicken Sie auf das Jahr 2020?
Das Jahr 2020 war sicher das schwierigste meines Lebens. Die Ärzte, die mich an der Charité behandelten, haben mir zu Beginn nur eine geringe Überlebenschance gegeben. Aber ich habe eine Art Kämpfer-Gen in mir, das habe ich schon häufiger festgestellt. Ich war zum Beispiel zuerst Realschüler und habe mich später bis zum Abitur und der Promotion durchgeboxt. Aber das Ringen um mein Leben in den vergangenen Monaten war sicherlich der schwerste Kampf.

Erst kurz vor der Hirnblutung waren Sie aus dem Curevac-Aufsichtsrat wieder auf den Chefposten bei Curevac zurückgekehrt…
Ja, ich wollte im Hinblick auf die Pandemie wieder ans Ruder, wieder mehr vor Ort sein.

Um den Wechsel gab es einigen Wirbel. Ihr Vorgänger Daniel Menichella musste im März das Unternehmen verlassen, kurz nachdem er bei einem Dinner im Weißen Haus US-Präsident Donald Trump erläuterte, wie Curevac den Corona-Impfstoff entwickelt. Musste Menichella gehen, weil er Curevac zu sehr in die USA verlagern wollte?
Nein, darum ging es nicht. Ich forsche seit zwei Jahrzehnten an der mRNA-Technologie, die unserem Impfstoff zugrunde liegt – diese Kompetenz war nun wieder stärker gefragt. Dass ich Dan Menichella wieder ablösen würde, war im Übrigen auch schon vor dem Dinner im Weißen Haus im Gespräch.

„Im Delir wusste ich nicht, wer ich bin“

Angeblich wollte Trump sogar Curevac kaufen. Wie lief das ab?
Dieses Gerücht hat Curevac ja umgehend dementiert, allerdings habe ich davon nichts mitbekommen; ich lag damals wochenlang im Koma und habe keinerlei Erinnerungen an diese Zeit. Der ganze Wirbel um Curevac führte aber dazu, dass mir die Ärzte in der Charité ein Pseudonym verpasst und mich auch damit angesprochen haben. Ich war sehr verwirrt. Im Delir wusste ich gar nicht, wer ich bin. Da es in der Klinik einige russischsprachige Pfleger gab, habe ich zeitweise gedacht, ich wäre vom KGB entführt worden. Erst langsam habe ich die Kontrolle über meine Identität zurückgewonnen und verstanden, dass ich Ingmar Hoerr bin.

Im Juni ist dann der Bund mit 300 Millionen Euro bei Curevac eingestiegen. Konnten Sie das verfolgen?
Zum Teil. Es kamen ja dann auch noch andere Investoren hinzu, etwa der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline oder der katarische Staatsfonds. Nachdem ich aus dem Koma erwacht und wieder klar war, hat mich unser Vorstandsvorsitzender Franz-Werner Haas, der für mich eingesprungen war, darüber telefonisch auf dem Laufenden gehalten. Ich musste dann noch bis August in der Reha-Klinik bleiben. Wenige Tage nach meiner Heimkehr ging Curevac in den USA an die Börse. Ich bin dann in die Firma gefahren und warmherzig empfangen worden. Unser Hauptinvestor Dietmar Hopp war zugeschaltet, hat eine Ansprache gehalten und gesagt, es sei ein großes Geschenk, das ich wieder dabei bin. Das hat mich sehr bewegt. Am meisten gefreut hat mich aber, hautnah zu erleben, welche großartige Leistung das Team um Franz-Werner Haas und die ganze Curevac Familie in meiner Abwesenheit vollbracht haben.



Wie geht es nun weiter? Kehren Sie zu Curevac zurück – und wenn ja, in welcher Funktion?
Darüber wird noch gesprochen. Franz-Werner Haas bleibt aber unser Vorstandschef.

Ohne Sie gäbe es Curevac wohl gar nicht. Sie haben als junger Doktorand in Tübingen um die Jahrtausendwende entdeckt, dass das Botenmolekül RNA eine Reaktion des Immunsystems auslöst – und damit die Grundlage für die heutigen Impfstoffe von Biontech, Moderna und Curevac gelegt. Wie kamen Sie zu der Erkenntnis?
Ich habe mit DNA an Mäusen experimentiert und dabei die RNA – ein Molekül, das natürlich im Körper vorkommt – als Negativ-Kontrollsubstanz eingesetzt. Da habe ich gemerkt, dass die RNA eine viel stärkere Immunreaktion auslöst als die DNA. Ich dachte mir zuerst, das kann nicht sein, ich muss da etwas vertauscht haben. Denn die RNA ist sehr instabil. Ich hab den Versuch dann noch einmal wiederholt – und kam zum gleichen Ergebnis. Und langsam dämmerte mir, dass ich da einer großen Sache auf der Spur war..

Die Versuchsanordnung klingt erstmal unspektakulär. Warum haben gerade Sie das entdeckt?
Tja, gute Frage. Wahrscheinlich, weil ich die Kontrolle ernst genommen habe. Es war damals eher üblich, in solchen Experimenten Kochsalz als Kontrollsubstanz zu verwenden. Ich habe es eben mit RNA gemacht.

An RNA wurde auch damals schon seit zehn Jahren geforscht…
Ja, aber bis dahin war noch kaum jemand darauf gekommen, RNA in Lebewesen zu injizieren. Über RNA hat da kaum jemand gesprochen. Das war ja damals, um das Jahr 2000 herum, die Zeit, als das menschliche Genom entschlüsselt wurde. Die meisten Wissenschaftler sind dann dem Herdentrieb gefolgt, haben mit DNA experimentiert und Genomanalysen erstellt. Wir haben dann 2000 Curevac gegründet – mit dem Slogan: The RNA people.

„Wir haben Fehler gemacht und waren oft zu blauäugig" 

Wer war denn noch bei der Gründung dabei?
Meine Professoren Günther Jung und Hans-Georg Rammensee. Meine Studienkollegen Steve Pascolo und Florian von der Mülbe, der heute noch im Vorstand von Curevac ist. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der zur gleichen Zeit wie ich in Tübingen studierte, wollte damals übrigens Anteile an Curevac erwerben. Das habe ich ihm damals ausgeredet, und das trägt er mir heute noch nach.

Zunächst hat sich Curevac überhaupt nicht rentiert, zwanzig Jahre lang kam kein Medikament auf den Markt. Inzwischen befindet sich  der Corona-Impfstoff von Curevac in der finalen Testphase, der Aktienkurs boomt. Warum hat es so lange gedauert, bis sich nun Erfolge zeigen?
Wir waren anfangs nur eine Handvoll Mitarbeiter und wir hatten schlichtweg kaum Geld. Um uns über Wasser zu halten, haben wir RNA für andere Labore produziert. Erst 2005 ist Dietmar Hopp eingestiegen, von da an wurde es finanziell besser. Aber es blieb schwierig. Wir waren ja Pioniere auf dem Forschungsgebiet und konnten uns nirgendwo Rat holen. Wir haben auch Fehler gemacht und waren oft zu blauäugig. Etwa sind wir viel zu schnell in die Krebsbekämpfung eingestiegen, ohne die Grundlagen völlig verstanden zu haben.

Biontech ist nach Curevac gestartet und mit seinem Impfstoff früher dran. Wie kommt das?
Ich kenne Ugur Sahin, er ist wissenschaftlich brillant. Biontech war von Anfang an sehr fokussiert und zielstrebig. Ich freue mich, dass es bei Biontech und Moderna funktioniert. Das zeigt, dass wir mit dem RNA-Ansatz richtig liegen. Das Schöne an der RNA ist ja, dass sie sehr flüchtig ist. Sie dient dazu, ein Protein zu bilden, das im Körper eine Immunreaktion auslöst. Danach verflüchtigt sich die RNA etwa innerhalb eines Tages. Sie zerlegt sich in ihre Bestandteile und wird aus dem Körper ausgeschieden.

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Kritiker fürchten, dass die RNA in die DNA eindringt. Und der Biontech-Impfstoff löste in Großbritannien bei zwei Allergikern eine heftige Reaktion aus.
Die Sicherheitsdaten für die mRNA-Impfstoffe sehen überall gut aus. Solche Nebenwirkungen können immer mal vorkommen, sie sind aber meist nicht schlimm und gehen in der Regel auch wieder weg. Dass die RNA in die DNA eindringt, ist schlichtweg nicht möglich.

Sind Sie selber bereits geimpft? Die Uniklinik Tübingen hat ja klinische Tests durchgeführt..
Nein, leider nicht. Gewissermaßen komme ich ja noch frisch von der Intensivstation. Aber selbstverständlich werde ich mich impfen lassen.

Warten Sie dann auf den Curevac-Impfstoff, der womöglich Mitte nächsten Jahres kommt? Oder würden sie auch Biontech oder Moderna nehmen?
Am liebsten natürlich den Impfstoff von Curevac. Aber das entscheide ich zu gegebener Zeit.

Mehr zum Thema: Curevac hat vor 20 Jahren den Ursprung für neue Impfstoffe gelegt. Aber wie organisiert man das Projekt Weltrettung personell?

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