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„Da geht es gerade extrem hoch her“ Kampf mit harten Bandagen bei Kelvion und Enexio

Blick auf das Industriegebiet bei Bochum. Hier hat auch Kelvion einen Sitz. Quelle: imago images

Unter den Mitarbeitern der Bochumer Industriekonzerne Kelvion und Enexio wächst die Sorge, in den Sog der finanziellen Turbulenzen ihrer Muttergesellschaft zu geraten. Im Hintergrund kämpfen Anwälte von Banken, Beteiligungsgesellschaften und Gläubiger mit harten Bandagen – und juristischen Finten.

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Unter den rund 4800 Mitarbeitern des Bochumer Industriekonzerns Kelvion wächst die Sorge, in den Sog der finanziellen Turbulenzen der Muttergesellschaft zu geraten. Kelvion ist ein weltweit operierender Anbieter für industrielle Wärmetauscher und war 2014 vom Gea-Konzern für 1,3 Milliarden Euro an die Beteiligungsgesellschaft Triton verkauft worden.

Triton hatte Kelvion und die kleinere Schwestergesellschaft Enexio, die Kühlungs- und Wassersysteme produziert, daraufhin in eine Holdingkonstruktion namens Galapagos eingebracht und über hochverzinsliche Anleihen im Volumen von mehr als einer halben Milliarde Euro finanziert. Doch bald schon traten die ersten Probleme auf, Triton musste Kapital nachschießen. Harte Sanierungsprogramme wurden aufgelegt. Doch die Schuldenlast blieb hoch. Mehrfach wurden in den vergangenen Jahren Kelvion-Finanzchefs ausgetauscht.

Mitte Juni 2019 konnte Galapagos schließlich einen fälligen Zinskupon nicht zahlen und ein Verkaufsprozess für das Finanz-Vehikel und damit indirekt auch für die operativen Töchter wurde eingeleitet. Doch die komplexe Gläubigerstruktur und das forsche Vorgehen einzelner Beteiligter verhinderten dem Vernehmen nach bisher eine Lösung.

Das Problem: Die unterschiedlichen Gläubigergruppen, darunter kreditgebende Banken, Inhaber einer besicherten Anleihe, die unbesicherten Anleihegläubiger sowie Investor Triton verfolgen ganz unterschiedliche Ziele. Vor allem die unbesicherten Gläubiger hätten sich benachteiligt gefühlt, heißt es in Finanzkreisen. Sie würden kritisieren, dass der Verkaufsprozess darauf zugeschnitten sei, dass Triton erneut zum Zuge kommt und sie leer ausgehen würden. Tatsächlich hatte Triton bis zum 22. August als einziger Bieter ein Angebot für Galapagos S.A. abgegeben. Für Unruhe sorgte zudem, dass kurz vor dem Zinsausfall der Galapagos-Firmensitz eigens von Luxemburg ins englische Fareham verlegt worden war.

Ein Privatdetektiv, der von Beteiligten wenig später eingeschaltet wurde, kam zu dem Ergebnis, dass die Sitzverlagerung nur „auf dem Papier“ stattgefunden habe. Das mögliche Kalkül dahinter: Über den Adresswechsel lässt sich eine Finanzsanierung in England durchziehen, bei der die Altverbindlichkeiten abgeschnitten werden.

„Grabenkämpfe“

Tatsächlich leitete Galapagos S.A. am Morgen des 22. August ein Insolvenzverfahren nach britischem Recht ein – und löste eine prompte Gegenreaktion bei den unbesicherten Gläubigern aus. Sie vollstreckten kurzerhand in die Geschäftsanteile der Galapagos S.A. und ersetzten die bisherige Galapagos-Geschäftsführung durch den Frankfurter Restrukturierungsjuristen Jan Bayer. Gleichzeitig wurde der Sitz erneut verlagert – diesmal nach Düsseldorf. Neu-Geschäftsführer Bayer stellte beim dortigen Amtsgericht sofort Insolvenzantrag und da über den britischen Antrag zu dem Zeitpunkt noch nicht entschieden worden war, bestellte das deutsche Gericht den Sanierungsspezialisten Frank Kebekus zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Er muss den Fall nun prüfen und auch den Schwerpunkt des wirtschaftlichen Interesses (comi) von Galapagos klären. Dem Vernehmen nach bezweifeln die Banken und Triton unterdessen die Zuständigkeit des Düsseldorfer Gerichts.

Das Galapagos-Hickhack beschäftigt inzwischen zahlreiche Insolvenzkanzleien und Restrukturierungsberater. Neben Kebekus als vorläufigem Verwalter und Bayer als Geschäftsführer sind nach Informationen der WirtschaftsWoche auch Anwälte von Görg, Linklaters, Kirkland & Ellis, Milbank und Wellensiek im Einsatz. „Da geht es gerade extrem hoch her“, sagt ein Beteiligter, ein anderer spricht von „Grabenkämpfen“. Man arbeite mit dem vorläufigen Verwalter zusammen, sagt ein Sprecher von Triton, will sich zu Details aber nicht äußern.

Problematisch könnte die Auseinandersetzung am Ende vor allem für die operativen Tochtergesellschaften Kelvion und Enexio werden. Die Finanzen der Bochumer Unternehmen sind eng mit denen von Galapagos verflochten. Bislang laufen die Geschäfte dort zwar ohne Beeinträchtigung weiter, damit das aber so bleibt, muss schnell eine Lösung gefunden werden.

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