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„Da können wir kein Auge zudrücken“ Thyssenkrupp-Aufzugsdeal: Schindler droht mit Klagewelle

Thyssenkrupp will mit dem Verkauf der Aufzugssparte Mittel für den Umbau des seit Jahren kriselnden Konzerns gewinnen. Quelle: PR

Die Entscheidung über den Verkauf der Thyssenkrupp-Aufzugsparte an Kone steht unmittelbar bevor. Nun kommt harscher Gegenwind des Schindler-Konzerns: Alfred Schindler droht Kone mit Klagen.

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Kurz vor der Entscheidung zum Verkauf der Aufzugsparte von Thyssenkrupp hat der Schindler-Konzern die Übernahmepläne des Konkurrenten Kone scharf kritisiert und mit einer Klagewelle gedroht. „Wir nehmen die Bestrebungen von Kone sehr ernst“, sagte Verwaltungsratsmitglied Alfred Schindler in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir gehen davon aus, dass weitere Wettbewerber Klagen einreichen würden, weil ein Zusammenschluss von Kone mit Thyssenkrupp Elevator zu groß wäre. Da können wir kein Auge zudrücken“, fügte er hinzu.

Alfred Schindler hatte den Konzern von 1985 bis 2011 geführt. Die Familien Schindler und Bonnard und ihnen nahestehende Parteien kontrollieren 71,1 Prozent der Stimmen des Schweizer Konzerns. Thyssenkrupp will bis Ende des Monats entscheiden, wie die Ertragsperle des Konzerns versilbert werden soll.

Der Verkauf der Aufzüge bedeutet den Abschied von einem Glanzstück im Hause Thyssenkrupp. Die Sparte erwirtschaftet einen Gewinn von 900 Millionen Euro bei einem Umsatz von acht Milliarden – keine andere Sparte ist profitabler. Aber die Essener brauchen das Geld aus einem möglichen Komplett- oder Teilverkauf, um die übrigen Geschäftszweige zu sanieren. Deshalb dürfte ein möglichst hoher Kaufpreis Priorität haben. Analysten taxieren die Aufzugsparte aktuell auf um die 15 Milliarden Euro. Auch die Option eines Börsengangs hält sich der kriselnde Ruhrkonzern allerdings noch offen.

Neben Kone sind der japanische Hersteller Hitachi und Finanzinvestoren an einem Deal interessiert. Aktuell sind ein Konsortium aus den Investoren Advent, Cinven und der Abu Dhabi Investment Authority sowie ein zweites aus Blackstone, Carlyle und dem Canada Pension Plan Investment Board im Rennen. Letztere sollen Insidern zufolge ein Angebot in Höhe von 16 Milliarden Euro vorgelegt haben. Dies sei die höchste Offerte aus dem Kreis der Privatinvestoren, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Das Konsortium wollte sich hierzu bislang aber ebenso wenig äußern wie Thyssenkrupp.

Der finnische Aufzugskonzern Kone hat ein Bündnis mit dem Finanzinvestor CVC geschlossen und nach eigenen Angaben ein Offerte in der Größenordnung von etwa 17 Milliarden Euro vorgelegt. Damit dürften die beiden Bieter gute Chancen haben, in die Endrunde einzuziehen. Kone ist schon lange an Thyssenkrupp Elevator interessiert. Durch einen Zusammenschluss der Aufzuggeschäfte von Thyssenkrupp und Kone würde der finnische Konzern nicht nur einen Konkurrenten aus dem Markt nehmen, sondern selbst an Größe gewinnen und so endlich an Otis, dem globalen Marktführer aus den USA, heranrücken. Möglicherweise entstünde so sogar ein neuer Weltmarktführer. Wie die WirtschaftsWoche kürzlich berichtete, bietet Kone offenbar eine Art Vorauszahlung, um ans Ziel zu kommen. Die könnten die Finnen bereits bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags zahlen, bei dessen Vollzug würde sie dann mit dem Kaufpreis verrechnet.

Für den Essener Konzern wäre das attraktiv. So könnte Thyssenkrupp mit der Vorabzahlung seine miserable finanzielle Lage bereits verbessern, bevor alle Bedingungen für den Vollzug des Kaufvertrags erfüllt sind. Das dürfte noch schneller Begehrlichkeiten bei Thyssenkrupp wecken: Der Manager welcher Sparte bekommt wie viel Geld aus dem Verkauf der Aufzüge? Diesen internen Kampf ums Geld hatte Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz bereits Ende 2019 angestoßen, indem sie verkündete: „Die einzelnen Geschäfte bei Thyssenkrupp stehen im Wettbewerb um zukünftige Investitionen.“

Schindlers Kampfansage macht allerdings deutlich: So schnell und einfach, wie mancher Manager sich das vielleicht erhofft, dürfte ein Thyssenkrupp-Deal mit Kone nicht über die Bühne gehen. „Wir würden voraussichtlich Klagen in Europa, den USA, Kanada, China und möglicherweise auch Australien einreichen“, sagte Schindler im Reuters-Interview. Diese Verfahren würden mindestens drei bis vier Jahre dauern.

„Otis ist seit rund 100 Jahren die Nummer Eins. Wir sind seit über 30 Jahren die Nummer Zwei“, so Schindler. „Man darf ruhig davon ausgehen, dass weder Otis noch Schindler sich damit abfinden, verdrängt zu werden.“ Schindler würde im Fall eines Zusammenschlusses auf zwei Wegen vorgehen: „Wir werden kartellrechtliche Klagen einreichen und im operativen Tagesgeschäft reagieren.“ Schindler würde sich große Mühe geben, eine Übernahme von Thyssenkrupp Elevator durch Kone zu stoppen, denn die Aufzugsbranche sei schon jetzt extrem konsolidiert. „Wir haben gar keine Wahl.“ Details wolle er nicht nennen. Überraschung sei Kern jeder Abwehr-Strategie. „Eine Strategie, die man im Voraus bekannt gibt, würde jeder Regel der Kriegsführung widersprechen.“

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