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Dax-Konzern legt schlechte Zahlen vor„Der Fall Brenntag ermutigt andere aktivistische Investoren“

Selten ist ein deutsches Unternehmen mit solcher Schärfe von aktivistischen Investoren attackiert worden wie der Dax-Konzern Brenntag. Ein Branchenexperte glaubt, dass dies nur der Anfang einer ganzen Welle sein dürfte.Nele Antonia Höfler 09.08.2023 - 14:54 Uhr

Im Visier: Um die Strategie bei Brenntag ist ein öffentlicher Machtkampf entbrannt. Und ein Marktkenner sagt: Das werden wir bald öfter sehen.

Foto: dpa

Diese Zahlen dürften nicht zur Beruhigung bei Brenntag beitragen: Wie der Chemikalienhändler mitteilte, sank der Gewinn im zweiten Quartal um gut ein Viertel auf nur noch 332 Millionen Euro. Auch das Gewinnziel hat der Dax-Konzern „präzisiert“ und dabei im Mittel um 500 Millionen Euro nach unten angepasst: Statt 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro sollen es nur noch 1,3 bis 1,4 Milliarden sein. 

Den aktivistischen Investoren, die seit Monaten auf eine Strategieänderung bei dem Konzern drängen, dürfte das neue Nahrung geben. Seit Monaten schon sorgt ihre Aktivität bei Brenntag für Aufsehen. Auch andere Konzerne schauen gebannt auf das Ringen – fürchten nicht wenige ähnlich strukturierte Mischkonzerne doch, dass ihnen bald ähnliches droht. Wohl zu Recht, sagt Patrick Siebert, Managing Director der Beratung Alvarez & Marsal, der das Auftreten aktivistischer Investoren in Europa eng verfolgt. 

WirtschaftsWoche: Herr Siebert, zuletzt haben Investoren vor allem die Forderungen des britischen Hedgefonds Primestone rund um das Unternehmen Brenntag in Atem gehalten. Was macht den Fall außergewöhnlich? 
Patrick Siebert: Anders als in den USA, wo wir dieses Verhalten von aktivistischen Investoren kennen, sind Forderungen dieser Härte und Schärfe in Deutschland neu. Dass sich mit ISS und Glass Lewis gleich zwei große Stimmrechtsberater hinter die Aktivisten gestellt haben, gab es in Deutschland noch nie. 

Kann man davon ausgehen, dass dieses Verhalten einen Trend auslöst? 
Von einem Trend würde ich nicht gleich sprechen wollen. Dieses Verhalten kann aktivistische Investoren in Europa und speziell Deutschland jedoch weiter ermutigen. Auf Brenntag könnten bald weitere Fälle folgen. 

Vor einigen Wochen hat Brenntag angekündigt, die beiden Bereiche Spezialchemikalien und Prozesschemikalien eigenständiger aufzustellen. Ist die Ankündigung des Vorstands eine Reaktion auf die Forderung der aktivistischen Investoren?
Das ist nicht eindeutig erkennbar. Wir beobachten jedoch häufiger: Im Anschluss an Hauptversammlungen werden von Unternehmen strategische Ausrichtungen kommuniziert, die dem ähneln, was von aktivistischen Anlegern zuvor in der Öffentlichkeit gefordert wurde.

Wird sich Primestone mit der Ankündigung zufriedengeben? War es das jetzt erstmal mit den öffentlichen Forderungen?  
Jeden Investor interessiert, ob Wertsteigerung erzielt wird und Boden gutgemacht wird gegenüber der internationalen Konkurrenz. Das wird bei Brenntag nicht anders sein. Ein aktivistischer Investor wird darauf noch genauer achten. Ob der Dialog  weiterhin über die Öffentlichkeit ausgetragen wird? Das werden wir sehen. 

Das Ergebnis Ihrer Studie zeigt: Deutsche Unternehmen geraten immer stärker im Blickfeld aktivistischer Investoren. Was macht Unternehmen denn zu einem attraktiven Ziel für aktivistische Investoren? 
Für aktivistische Fonds sind Unternehmen interessant, die hinter der Konkurrenz zurückliegen und bei denen Investoren gleichzeitig die Chance sehen, daran etwas zu ändern. Etwa durch einen Strategie- oder Managementwechsel. Oder eben eine Aufsplittung des Konzerns, wie es bei Brenntag gefordert wird. Für aktivistische Fonds ist aber entscheidend, dass die Branche Wachstumschancen verspricht. Disruptive Einflüsse  oder politischen Faktoren sollten diese Chancen nicht eintrüben. Hexen können aktivistische Fonds schließlich auch nicht. 

Aktivistischer Investor

„Die Zeit spielt gegen Brenntag“

Aktivisten drängen den Chemikalienhändler zur Neubesetzung des Aufsichtsrates und zu einer Abspaltung der Spezialitätensparte. Kurz vor der Hauptversammlung im Juni droht ein offener Machtkampf.

von Nele Antonia Höfler

Ihrer Studie ist jedoch auch zu entnehmen, dass insbesondere die Industrie in den kommenden Jahren von Angriffen betroffen sein kann. Die Branche hat derzeit aber unter anderem mit geringer Nachfrage und hohen Energiepreisen zu kämpfen. In diesem Fall wollen die Hedgefonds also doch hexen?
Das ist tatsächlich eine Besonderheit in der Industriebranche, und zwar insbesondere am Standort Deutschland. Bei uns gibt es historisch bedingt viele große Industriekonglomerate, die unter einem Dach unterschiedliche Geschäftsfelder führen und meinen, diese damit bestmöglich, weil synergetisch zum Erfolg zu führen. Manche sind in den letzten Jahren diesen Nachweis schuldig geblieben. Wenn die angesprochenen Synergien so groß sind, warum schafft es die Geschäftseinheit dann nicht, relativ zum globalen Wettbewerb auf Augenhöhe zu performen? 

Was unterscheidet denn eigentlich aktivistische Investoren von „gewöhnlichen“ Investoren?  
Traditionelle Investoren drücken mit ihrer Investition aus: Ich bin überzeugt von der Strategie des Vorstands und erhoffe mir davon die entsprechende Rendite. Der aktivistische Investor steht dem nicht grundsätzlich konträr entgegen, erlaubt sich aber, die ein oder andere Positionierung in der strategischen Ausrichtung infrage zu stellen und eigene Forderungen zu formulieren. Die tragen aktivistische Investoren auch gerne in der Öffentlichkeit vor. Das kommt bei den Vorständen dann nur bedingt gut an. 

Wieso reagieren Vorstände darauf mit Ablehnung? Grundsätzlich haben doch beide das gleiche Ziel. 
Das stimmt: Sie wollen, dass sich der Unternehmenswert steigert. Nur bei der Frage, wie das geschehen soll, gehen die Meinungen da manchmal auseinander. Das Spannungsfeld entsteht häufig, weil Vorstand, Aufsichtsrat und Anleger Langfristigkeit unterschiedlich definieren. Der aktivistische Fonds spricht bei Langfristigkeit gerne auch mal von drei Jahren. Aufsichtsrat und Vorstand haben jedes Recht, ihre langfristige Strategie auf fünf Jahre oder mehr auszurichten. Das führt dazu, dass die Prioritäten beim Vorstand teilweise anders gelagert sind als bei aktivistischen Investoren. Da gibt es kein richtig oder falsch. 

Feinde des Unternehmens oder des Vorstands sind aktivistische Anleger also nicht?
Ich sehe aktivistische Investoren weder als Heuschrecke noch als Feinde für Unternehmen. Viel mehr sind sie Challenger. Sie geben Denkanstöße und sind mit ihren Investmenthypothesen stets gut vorbereitet. Penetrant werden die Aktivisten nur dann, wenn man sich nicht mit den Forderungen auseinandersetzt, sie nicht ernst nimmt oder falsch auf sie reagiert.  

Hat Brenntag falsch die Forderungen von Primestone reagiert?
Das kann man von außen nicht beurteilen.

Was können Unternehmen proaktiv tun, um nicht zum Ziel aktivistischer Investoren zu werden?
Sie sollten die strategische Ausrichtung fortlaufend überprüfen und eigene Denkmuster regelmäßig hinterfragen. Ganz allgemein gilt: Unternehmen sollten sich regelmäßig den Spiegel vorhalten und sich offen und ehrlich fragen: Wie kann ich im globalen Wettbewerb zu den Besten gehören, bezogen auf Umsatzwachstum und Profitabilität? Das ist eine schonungslose Analyse, die es ermöglicht, sofern die Umsetzung abgeleiteter Maßnahmen dann auch konsequent vorangetrieben wird, proaktiv wieder vom Radar eines aktivistischen Investors zu verschwinden.

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