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Deutsches Biotechunternehmen Morphosys gelingt Rekord-Start an US-Technologiebörse Nasdaq

Für deutsche Biotechfirmen wird der US-Kapitalmarkt immer wichtiger und attraktiver. Das zeigt jetzt das erfolgreiche Börsenlisting von Morphosys an der Nasdaq.

Höhere Forschungskosten sorgen bei dem Unternehmen aus München für einen hohen Verlust. Dennoch konnte das Unternehmen ein erfolgreiches Börsenlisting in den USA feiern. Quelle: dpa

FrankfurtDer Gang an die US-Technologiebörse Nasdaq hat sich für das deutsche Biotechunternehmen Morphosys als voller Erfolg entpuppt. Das Münchner Unternehmen, aktuell die Nummer zwei der deutschen Biotechszene, platzierte im Zuge des US-Börsengangs eine üppige Kapitalerhöhung, konnte damit seine Finanzbasis erheblich verstärken und wurde an der Börse dafür sogar mit zusätzlichen Kursgewinnen belohnt.

Insgesamt platzierte Morphosys 2,075 Millionen neue Aktien in Gestalt von 8,3 Millionen American Depositary Shares (ADS) an der Nasdaq und erzielte dabei einen Emissionserlös von brutto knapp 208 Millionen Dollar (rund 169 Millionen Euro). Den Münchnern gelang damit der bisher größte IPO eines deutschen Biotechunternehmens in den USA und eine der größten Aktienplatzierungen der deutschen Biotechbranche überhaupt. Die Aktien des Unternehmens waren bisher nur in Deutschland gelistet.

Mit dem frischen Kapital rüstet sich Morphosys für den weiteren Ausbau seiner klinischen Forschung und die möglicherweise 2020 anstehende Markteinführung für den ersten eigenen Produktkandidaten.

„Wir sind absolut happy“, sagte Morphosys-Finanzchef Jens Holstein im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Mit der Emission haben wir eine ganze Reihe neuer prominenter Investoren in den USA gewonnen und die Sichtbarkeit des Unternehmen in den USA deutlich gestärkt.“ Schon bisher befanden sich knapp 48 Prozent des Morphosys-Kapitals im Besitz von US-Investoren. Dieser Anteil dürfte nunmehr noch weiter gestiegen sein.

Das Aktienangebot war nach den Worten Holsteins kräftig überzeichnet. Morphosys hat damit Chancen, dass die Konsortialführer Goldman Sachs, Morgan Securities und Leerink Partners in den nächsten Wochen auch noch die zusätzlich eingeräumte Option zur Platzierung weiterer 1,25 Millionen ADS nutzen. Der Platzierungserlös könnte sich damit noch um rund 25 Millionen Euro erhöhen.

Der Erfolg des Manövers zeigt sich auch daran, dass der Aktienkurs von Morphosys unter der Ausgabe neuer Aktien nicht gelitten hat. Im Gegenteil: Seit Bekanntgabe der Platzierungspläne legte die Aktie um rund acht Prozent zu und notiert am Freitag mit 85,20 Euro in der Nähe eines 17-Jahres-Hochs. Insgesamt bringt Morphosys nunmehr gut 2,8 Milliarden Euro Börsenwert auf die Waage und ist damit der zweitschwerste Wert der deutschen Biotechbranche nach Qiagen und vor Evotec.

Der frische Mittelzufluss vergrößert die Liquiditätsreserven des Münchner Unternehmens auf etwa 450 Millionen Euro und macht Morphosys damit zum bestfinanzierten Unternehmen der deutschen Biotechbranche.

Allerdings verfolgt Morphosys auch sehr ehrgeizige und kostenträchtige Entwicklungspläne. Für 2018 plant die Firma mit um die 100 Millionen Euro Forschungskosten und 110 bis 120 Millionen Euro Betriebsverlust. Das Münchner steuern damit einen ähnlichen Kurs wie viele US-Biotechfirmen, die in der Regel ebenfalls sehr hohe Verluste in Kauf nehmen, um ihre Forschungsprojekte voran zu treiben .

Strategisches Ziel von Morphosys ist es, mit eigenentwickelten Medikamenten zu einem „vollintegrierten kommerziellen biopharmazeutischen“ Unternehmen zu werden. In dieser Hinsicht bewegen sich die Münchner in einem globalen Wettbewerb insbesondere mit starken US-Firmen. „Wenn die amerikanischen Wettbewerber finanzielle Vorteile haben, dann müssen wir uns auch in die Richtung bewegen“, sagt Holstein.

Wichtigster Hoffnungsträger von Morphosys ist bisher ein Wirkstoff mit der Bezeichnung Mor208, den das Unternehmen in abschließenden so genannten Phase-III-Studien gegen bestimmte Formen von Blutkrebs, so genannte B-Zell-Lymphome testet. Er könnte – wenn sich die bisher vielversprechenden Daten weiter bestätigen – im kommenden Jahr in die ersten Zulassungsverfahren gehen und 2020 auf den Markt kommen. Die US-Arzneimittelbehörde hat diesem Medikamentenkandidaten einen Status als „Therapiedurchbruch“ bescheinigt. Weitere vier eigene Produktkandidaten befinden sich in früheren Phasen der klinischen Entwicklung.

Darüber hinaus laufen derzeit bei Partnern aus der Pharmabranche klinische Tests mit gut zwei Dutzend Wirkstoffen, die auf der Technologie von Morphosys beruhen. Das heißt, diese Medikamenten-Kandidaten werden bereits an Menschen getestet. Im Falle einer Zulassung hat das Münchner Unternehmen Anspruch auf Lizenzgebühren für diese Wirkstoffe. Ein erstes Produkt aus diesen Partnerprogrammen, das von Johnson & Johnson entwickelte Schuppenflechte-Medikament Tremfya ist seit 2017 zugelassen.

Zahlreiche weitere Projekte auf Basis der Substanz-Bibliotheken von Morphosys befinden sich in der früheren, präklinischen Phase der Forschung. Es handelt sich dabei durchweg um so genannte Antikörper, eine spezielle Klasse von Proteinwirkstoffen, die inzwischen eine prominente Rolle im Pharmageschäft spielen.

Dank dieser zweigleisigen Strategie mit der Entwicklung von eigenen Wirkstoffen und Technologiepartnerschaften verfügt Morphosys inzwischen über eine relativ breite Basis und ist im Prinzip nicht von einzelnen Projekten abhängig, auch wenn derzeit der Wirkstoff Mor208 sehr stark im Vordergrund steht. Für amerikanische Kapitalgeber sei diese Struktur relativ interessant, schätzt Holstein. „Das bietet ihnen eine Investitionsmöglichkeit, die sie auch in den USA nicht alle Tage haben.“

Die erfolgreiche Platzierung an der Nasdaq bestätigt zugleich die Erfahrung, dass der US-Kapitalmarkt weiterhin wesentlich aufnahmefähiger ist für Biotech-Emissionen als die deutsche Börse. Das zeigte sich zuletzt etwa auch beim US-Börsengang der Jenaer Firma InflaRX, die an neuartigen Medikamenten gegen Entzündungen arbeitet und bei ihrem Bedüt an der US-Börse 86 Millionen Euro herein holte.

Diesen Erfolg konnte habe InflaRX letztlich nur an der Nasdaq und in Verbindung mit einer professionellen Wegbereitung in den USA erzielen können, heißt es im jüngsten Biotech-Report der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgruppe EY. „Dies wird sicherlich für andere wegweisend sein, sollte aber der Deutschen Börse Anlass zum Nachdenken geben.“

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