WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Digitalisierung der Baubranche "Die Physik ändert sich nicht, aber alles wird schneller"

Seite 2/2

Verändertes Arbeiten

All diese Möglichkeiten verändern natürlich das Arbeiten. Ein Unternehmen wie Doka, das früher erst bei der Umsetzung eines Bauprojekts gehört wurde, sitzt nun schon in der Planungsphase mit am Tisch und berät. "In der Planungsphase ist die Beeinflussbarkeit der Kosten eines Objektes am höchsten, auch was seine spätere Nutzung betrifft – das holen Sie nie wieder auf", sagt Bürger. Und schon wird aus dem Hersteller eines Produktes ein Projektberater. 

Letztlich hat das auch Einfluss auf die Anforderungen an die Bauingenieure. Zwar seien die Aufgaben im Grunde die gleichen geblieben - Bauplanung, Bauüberwachung und Qualitätssicherung - was sich verändert habe, sei jedoch die Art des Arbeitens, wie Bürger sagt. "Viele Vorgänge und Prozesse sind heute dank der Technik schneller, dynamischer. Und zum Teil sind die Baupläne natürlich auch komplexer, wenn man sie in 3D statt 2D erstellt. Kommt dann noch BIM ins Spiel, wird es richtig multidimensional."

Verschließen können sich die Bauunternehmen - und damit auch deren Mitarbeiter dem nicht. Die Herausforderungen an die Branche - zunehmende Urbanisierung, Städteplanung für eine immer älter werdende Gesellschaft, nachhaltiges Bauen - lassen sich nicht mehr nur am Reißbrett bewältigen. Auch wenn auf Baustellen noch mehr ausgedruckte Pläne als Tablets zu sehen sind.

Aber schon 2020 sollen öffentliche Bauprojekte in Deutschland nur noch an Firmen vergeben werden, die BIM nutzen, heißt es in der besagten Studie von Roland Berger.

Die deutsche Baubranche in Zahlen (Stand: Juni 2017)

"BIM entwickelt sich zunehmend zum Standard für die gesamte Bauindustrie. Ohne Zugang zum System werden Unternehmen mittelfristig aus dem Markt gedrängt, da sie auf dieser Plattform nicht sichtbar sind und der Abstimmungsprozess mit ihnen zeit- und kostenaufwändig ist", warnt entsprechend auch Roland Berger-Experte Philipp Hoff. 

Die Ausbildungs- beziehungsweise Lerninhalte des Studiums von Bauingenieuren haben sich allerdings noch nicht wirklich an die neuen Herausforderungen angepasst, wie Bürger sagt. "Juristische, kaufmännische und logistische Grundkenntnisse gehören ebenso dazu wie fundiertes Wissen in Baustoffkunde, Bauinformatik, Statik und Baukonstruktion. Die Gesetze der Physik ändern sich ja nicht, sondern die technischen Instrumente und zum Teil auch die Materialien."

Diese Jobs sind durch die Digitalisierung entstanden

Sylvia Trage, Industrieexpertin bei der Unternehmensberatung KPMG, sieht das etwas anders. Ihrer Erfahrung nach sind die Anforderungen an die Ingenieure durchaus komplexer geworden. "Schon heute haben Ingenieure ganz andere IT-Kompetenzen als noch vor fünf, zehn oder 20 Jahren. Das wird sich in Zukunft nochmals verstärken. Und sowohl heute als auch morgen brauchen Ingenieure viel mehr Soft Skills. Nur fachlich gut zu sein, genügt nicht mehr", sagt sie. Ingenieure müssen ihrer Meinung nach vor allem interdisziplinär arbeiten und über den Tellerrand schauen können, was schließlich auch bei Doka der Fall ist.  "Je nach Betrieb arbeiten die Ingenieure heute mit einem Netzwerk an globalen Experten zusammen. Da ist Offenheit genauso gefragt wie Teamfähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen."

Dafür sei der Job auch wesentlich flexibler geworden, sagt Bürger. "Ein Fachberater kann mit dem Tablet unterm Arm zum Kunden fahren und dort mit ihm alle Baupläne besprechen, anschließend geht er ins Home-Office und arbeitet von dort aus weiter." Außerdem könne sich ein Ingenieur Webkonferenzen sei Dank den einen oder anderen Baustellenbesuch sparen. Das mache den Job nicht nur für junge Mitarbeiter attraktiv, auch die älteren Kollegen die Familie oder pflegebedürftige Angehörige haben, profitierten davon, sagt Bürger. "Trotz allen technischen Fortschritts bleibt aber das persönliche Gespräch unersetzlich, sowohl unter Kollegen als auch mit Kunden."

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%