Diskreter Abverkauf der Energy-Anteile: Siemens schadet mit einem buchhalterischen Trick seinen Aktionären

Anlass für den Freudensprung: Siemens verschiebt ein weiteres Siemens-Energy-Aktienpaket in seinen Pensionsfonds und senkt damit den direkt gehaltenen Anteil von 25,1 auf 17,1 Prozent. Der Vorzug des Manövers ist offensichtlich: Statt immer wieder teils milliardenschwere Wertberichtigungen oder Wertaufholungen auf Siemens Energy zu buchen, kann Siemens das Paket künftig als Finanzinstrument bilanzieren. Das heißt: Die Dramen um Siemens Energy und deren angeschlagene Windtochter Siemens Gamesa mögen sich fortsetzen – im Siemens-Ergebnis werden sie sich aber nicht mehr niederschlagen. Das gefällt logischerweise den Siemens-Aktionären. Die hätten das Problem Siemens Energy am liebsten schon längst ausgebucht.
Aus einer Managementperspektive fällt die Einschätzung jedoch anders aus: Siemens Energy ist ein Lehrbeispiel dafür, wie man Abspaltungen nicht managen sollte.
Siemens hatte sich beim Spin-off im September 2020 rund 35 Prozent der Energy-Aktien zurückbehalten – und von Anfang an klargestellt, dass man den Anteil in 12 bis 18 Monaten reduzieren wolle. Tatsächlich wäre das eine gute Idee gewesen: Ein Jahr nach dem Spin-off hätte man noch für über 20 Euro je Aktie verkaufen können, Banker sollen Siemens-Finanzchef Ralf Thomas auch zugeraten haben. Thomas indes wollte lieber auf bessere Kurse warten. Er schlug selbst dann noch nicht zu, als der Kurs Anfang 2023 wieder über 20 Euro stieg. Auch der zeitweise erwogene Paketverkauf an einen strategischen Investor wurde nie finalisiert.
Riesiger Schaden für die Siemens-Aktionäre
Den Schaden haben nun die Siemens-Aktionäre: Der Wert ihrer Beteiligung schmolz durch ständige Verluste in der Windkraft sowie durch Siemens Energys völlig verunglückte Übernahme der restlichen Gamesa-Anteile immer weiter dahin. Und auch Siemens Energy selbst hat inmitten großer wirtschaftlicher Turbulenzen schwer zu tragen an einem Großaktionär, der immer aussteigen will, aber es nicht hinbekommt.
Die mögliche Milliardensumme, die Siemens durch schlechtes Beteiligungsmanagement bei Siemens Energy wirklich versenkt hat, wird kaum jemand leicht ausrechnen können. Das liegt auch daran, dass Thomas den Siemens-Pensionsfonds immer wieder als Abverkaufsvehikel missbraucht – und so die dabei auflaufenden Verluste kaschiert.
Trickreiches Verschieben in den Pensionsfonds
Schon beim Spin-off schob Siemens knapp zehn Prozent Anteile an Siemens Energy in den Pensionsfonds, die mittlerweile komplett über die Börse abverkauft sind. Der Pensionsfonds meldet Aktienverkäufe nur, falls Meldeschwellen berührt werden. Zu welchen Kursen und ob mit Gewinn oder Verlust veräußert wird, ist in Siemens-Geschäftsberichten nicht ablesbar. Vergangenen Juni übergab Siemens nochmals 6,8 Prozent Energy-Anteile in den Pensionsfonds, nun weitere acht Prozent. Damit hält der Pensionsfonds, der das Pensionsvermögen für jetzige und künftige Siemens-Betriebsrentner eigentlich mit diversifizierten Anlagen und guten Renditen professionell managen soll, nunmehr 14,8 Prozent an dem Hochrisikounternehmen Siemens Energy. Aus Anlageperspektive ist das ziemlich absurd.
Die Pensionäre muss das nicht stören. Ihnen gegenüber ist stets die Siemens AG in der Pflicht, die Betriebsrenten wie vereinbart zu zahlen. Anders gesagt: Was der Pensionsfonds an Renditen versäumt zu erwirtschaften, muss die Siemens AG ausgleichen. Es geht also auf Kosten der Siemens-Aktionäre. Wieviel Geld Siemens mit der Dekonsolidierung von Siemens Energy jedoch wirklich versenkt hat, kann von außen kaum nachvollzogen werden.
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