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Drägerwerk-Chef „Wir arbeiten fast rund um die Uhr“

Aufträge ohne Ende: Allein die Bundesregierung hat 10.000 Beatmungsgeräte bei Dräger bestellt. Quelle: ®Drägerwerk AG & Co. KGaA

Drägerwerk kann sich vor Aufträgen kaum retten: Das Unternehmen liefert Beatmungsgeräte und Atemschutzmasken. Wie lebt es sich als Krisengewinner? Was lässt sich aus der Krise lernen? Fragen an Firmenchef Stefan Dräger.

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Stefan Dräger leitet die Lübecker Drägerwerk AG seit Juli 2005 als Vorstandvorsitzender. Im Unternehmen ist er bereits seit 1992. Zuvor hat er ein Duales Studium in Elektrotechnik mit Beschäftigung bei Hewlett-Packard in Böblingen absolviert.

Herr Dräger, noch vor Monaten war die Auftragslage bei Dräger bescheiden. Inzwischen können Sie sich vor Bestellungen, insbesondere von Beatmungsgeräten und Atemschutzmasken, nicht mehr retten. Sehen Sie sich auch als Krisengewinner?
Abgerechnet wird zum Schluss. Wir sind derzeit vollauf mit der Produktion beschäftigt. Während andere Unternehmen ihre Kapazitäten herunterfahren, haben wir hochgefahren.

Die Bundesregierung hat im März 10.000 Beatmungsgeräte bei Dräger bestellt. Wie weit sind Sie?
Der Lieferauftrag erstreckt sich auf das ganze Jahr. Es braucht natürlich Zeit, bis die Produktion dafür hochgefahren ist. Daher haben wir bislang nur einen kleineren Teil produziert. Und wir produzieren ja nicht nur für die Bundesregierung. Andere deutsche Kunden beliefern wir auch. Und das Ausland bekommt mehr als doppelt so viele Geräte wie Deutschland.

Schafft Ihre Produktion das?
Wir haben vor einigen Jahren 70 Millionen Euro in eine Zukunftsfabrik hier in Lübeck investiert. Dort arbeiten wir jetzt fast rund um die Uhr – in zwei Zehn-Stunden-Schichten. Und zwar so, dass sich die Mitarbeiter in den jeweiligen Schichten nicht begegnen. Das ist ja wichtig in diesen Zeiten, um Ansteckungen zu vermeiden. Die Kollegen haben sich bereits vor einigen Wochen deswegen gegenseitig frohe Weihnachten gewünscht. Bei uns in der Produktion erwarte ich keine Probleme. Einen Engpass könnte es aber geben, wenn Zulieferteile nicht rechtzeitig ankommen oder wenn es gar längere Lieferausfälle gibt. Das ist schon kritisch; ein durchschnittliches Beatmungsgerät besteht aus etwa 500 Teilen von ungefähr 120 verschiedenen Zulieferern.

Stefan Dräger leitet die Lübecker Drägerwerk AG seit Juli 2005 als Vorstandvorsitzender. Quelle: ®Drägerwerk AG & Co. KGaA

An der US-Ostküste baut Dräger eine eigene Fabrik für Atemschutzmasken; bereits im September soll die Produktion starten. Gibt es entsprechende Pläne auch für Europa?
Die US-Regierung war da sehr schnell und entscheidungsfreudig. Auch in Europa wären weitere Produktionsstätten denkbar. Es gibt dazu auch Gespräche mit vielen Regierungsstellen, aber noch keine Entscheidung.

Dabei dürfte die gegenwärtige Nachfrage doch unendlich hoch sein…
…der Weltmarkt braucht ungefähr das Hundertfache dessen, was bereits produziert wird. Leider sind in dem Geschäft auch viele Glücksritter unterwegs, die Schutzausrüstung in fragwürdiger Qualität anbieten. Und manche Zulassung ist auch fragwürdig. Bei Dräger können wir die Qualität von Masken sogar in eigenen Labors überprüfen.

Macht es ihre Mitarbeiter eigentlich stolz, für ein systemrelevantes Unternehmen zu arbeiten?
Und wie! Unser Krankenstand liegt unter zwei Prozent, das gab es vorher noch nie. Für Karfreitag haben sich über 90 Prozent unserer Mitarbeiter freiwillig zur Produktion gemeldet. Mitte März habe ich beim Bundesgesundheitsministerium nach einer Bescheinigung gefragt, mit der unsere Mitarbeiter belegen können, dass sie in einem systemrelevanten Unternehmen arbeiten. Etwa für den Fall, dass mal eine Kollegin oder ein Kollege von der Polizei aufgehalten wird. Zwei Tage später lag das Schreiben vor, so richtig mit Adler auf dem Briefkopf. Die Leute waren davon hoch motiviert, weil ihnen damit amtlich ihre Wichtigkeit bescheinigt wurde.

Was hat sich denn für Sie durch die Coronakrise geändert?
Es gibt mehr Miteinander. Die Kooperation, etwa mit den Zulassungsstellen, ist viel besser, viel flexibler geworden. Und die Inhalte der Gespräche sind andere geworden. Früher ging es in vielen Verhandlungen ums Geld. Das ist deutlich weniger geworden. Inzwischen stehen, gerade wenn es etwa um Beatmungsgeräte oder Atemschutzmasken geht, Themen wie Stückzahl, Termine und Qualität im Vordergrund.

Was lässt sich aus der Coronakrise lernen?
Wieder mehr zu diskutieren, etwa über Werte. Die Demokratien leben ja von der Diskussion – und sind deswegen ja auch besser durch die Pandemie gekommen als viele autoritäre Staaten. Herr Schäuble hat gerade eine wichtige Debatte angestoßen, als er gesagt hat, dass der Schutz des Lebens nicht über allem steht.

Wie ist denn Ihre Meinung dazu?
Als Gesellschaft müssen wir drei Punkte miteinander in Einklang bringen. Da sind zunächst Gesundheit und Wirtschaftlichkeit. Ohne gesunde Mitarbeiter kann eine Wirtschaft nicht existieren. Und ohne Wirtschaftlichkeit lässt sich Gesundheit nicht finanzieren.

Und der dritte Punkt?
Die Fröhlichkeit, die wir uns dabei alle bewahren sollten. Das muss dann jeder auf seine Weise regeln. Bei mir entsteht Fröhlichkeit vor allem durch den liebevollen Austausch mit anderen Menschen.

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