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Dubioser Rippchen-Deal Westfleisch-Chef Soennichsen freigestellt

Der genossenschaftliche Fleischproduzent Westfleisch aus Coesfeld steht vor einem Chefwechsel. Quelle: imago images

Der Coesfelder Fleischproduzent Westfleisch hat seinen hauptverantwortlichen Vorstandssprecher Steen Soennichsen freigestellt. Die Entscheidung soll auf der Hauptversammlung den Mitgliedern der Genossenschaft mitgeteilt werden.

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Soennichsen sollen nach Informationen der WirtschaftsWoche die Zahlen eines schwachen Geschäftsjahres 2020 und die Nachwirkungen eines missglückten China-Geschäfts in 2018 zum Verhängnis geworden sein. Bei der letzten Jahreshauptversammlung hatte der Däne, der seit Dezember 2017 bei Westfleisch in der Verantwortung gestanden hatte, wegen des Millionenverlusts auf eine Entlastung verzichtet.

Der geplatzte China-Deal beschäftigt seit dem vergangenen Jahr auch die Staatsanwaltschaft. Die Behörden hatten wegen des Anfangsverdachts der Untreue vor rund einem Jahr die Geschäftsräume der Firmenzentrale in Münster sowie den Produktionsstandort in Coesfeld durchsucht und weitere Untersuchungen eingeleitet. Im Visier der Ermittler steht der Verkauf von rund 12.000 Tonnen Schweinefleisch über einen Zwischenhändler in den Vereinigten Arabischen Emiraten an einen Kunden in der Volksrepublik China. Die WirtschaftsWoche hatte exklusiv über das dubiose Geschäft zu branchenunüblichen Bedingungen berichtet.

Für den Verkauf der Ware hatte Westfleisch nicht auf seine etablierten Vertriebskanäle in China zurückgegriffen. Stattdessen hatte die Genossenschaft eine Firma in Dubai eingeschaltet, die erst kurz zuvor gegründet worden war und keinerlei Expertise aufweisen konnte. Eingefädelt wurde das Geschäft allerdings über eine Aktiengesellschaft in Dänemark, deren Geschicke zum Zeitpunkt des Geschäfts von Steen Soennichsen Bruder Torben geleitet wurden. Ein weiteres Vorstandsmitglied der dänischen AG war zudem Geschäftsführer der Firma in Dubai.

Gegenüber der WirtschaftsWoche hatte Westfleisch damals eingestanden, dass die Firma aus Dänemark beratend zur Seite gestanden habe. Das Geschäft sei jedoch vom Zwischenhändler abgekoppelt worden, nachdem Hunderte Container nach China verschifft worden waren und dann monatelang im Hafen von Shanghai ohne Abnehmer und damit auf Kosten der Genossenschaft gelagert werden mussten. In der Folge übernahm Westfleisch den Weiterverkauf der Ware in Eigenregie, musste aber ein sattes Minus verzeichnen.

Im Jahresbericht 2019 hatte Westfleisch deshalb Rückstellungen in Höhe von 8,5 Millionen Euro als ausstehende Forderungen gegenüber einem „Kunden im Drittland“ gebildet. Nach Informationen der WirtschaftsWoche reicht diese Rückstellung jedoch nicht aus, um den Schaden aufzufangen. Die Summe soll sich im zweistelligen Millionenbereich befinden.

Die Verantwortung für das Dubai-Geschäft schrieb die Genossenschaft damals zwar ihrem „langjährig erfahrenen und in Asiengeschäften versierten“ Vertriebsleiter zu. Branchenkenner bezweifelten aber, dass ein Vertriebsleiter ein solch umfangreiches Geschäft ohne Einzelvertreterberechtigung überhaupt allein hätte durchführen dürfen. Das Vier-Augen-Prinzip verlangt bei Abwicklungen einer solchen Größenordnung nach einer Bestätigung durch den Vorstand. Intern dürfte Soennichsen damit in Erklärungsnot geraten sein.

Gelitten hat Westfleisch allerdings, wie die gesamte deutsche Schweinefleischbranche, im vergangenen Jahr auch unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie und einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Europa. Zunächst hatte Westfleisch seinen Standort Coesfeld zeitweise schließen müssen, nachdem sich Hunderte Mitarbeiter, meist osteuropäischer Herkunft, angesteckt hatten. Das geschah ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als die Nachfrage aus China wieder angezogen hatte.

Besonders schmerzhaft getroffen wurden die deutsche Schweinebauern zudem von einem vorübergehenden Importverbot durch die Volksrepublik, nachdem die Afrikanische Schweinepest auch hierzulande aufgetreten war. „Die Preise für die Züchter gingen dramatisch in den Keller, weil sich die Ware in den Schlachthöfen gestapelt hat“, bestätigte einer der Westfleisch-Lieferanten gegenüber der WirtschaftsWoche.



Bei der anstehenden Jahreshauptversammlung dürfte die Mitglieder neben den Geschäftszahlen auch die Rolle des Aufsichtsrats und des Vorstandsvorsitzenden Dirk Niederstucke beim geplatzten China-Geschäft interessieren. Die Freistellung von Soennichsen wirft Fragen auf, inwieweit andere handelnde Personen der Genossenschaft Kenntnis über die 12.000 Tonnen über Dubai nach China gehabt hatten.

Mehr zum Thema: Die Genossenschaft Westfleisch gehört zu den Schwergewichten der Fleischindustrie. Ein Exportgeschäft nach China könnte jetzt gründlich schiefgelaufen sein. Über die Hintergründe eines zweifelhaften Deals.

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