WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Elektroautos Die Stromer legen eine Zwangspause ein

Der zwangsverordnete Volt-Produktionsstopp bei GM war das letzte Indiz: Die Euphorie um Elektroautos ist bei Verbrauchern und Herstellern verflogen. In Genf sucht die Branche nach neuen Erfolgsrezepten.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Nissan zeigt bei einer Präsentation des Kompaktwagens Leaf, wie sich Besitzer des ersten Großserien-Elektroautos im internationalen Verkauf per Smartphone über den Ladezustand der Akkus informieren können. Quelle: Reuters

Genf Nachhaltigkeit bleibe ein wesentliches Ziel, betonte VW-Chef Martin Winterkorn öffentlichkeitswirksam auf dem Konzernabend zum Auftakt des Autosalons in Genf. Europas wichtigster Autobauer müsse sich auch in ökologischer Hinsicht zum führenden Automobilhersteller entwickeln. „Wir machen 2013 zum Jahr der Elektromobilität“, versprach er. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache.

VW-Edeltochter Bugatti präsentiert mit dem Grand Sport Vitesse den „schnellsten Roadster aller Zeiten“, der von einem 1.200 PS starken Verbrennungsmotor auf bis zu 410 Kilometern pro Stunde beschleunigt wird. Auch keine der neun anderen Premieren, die im Lauf des Abends präsentiert werden, verfügt über einen reinen Elektroantrieb.

Von der VW-Tochter Audi ist in naher Zukunft kein Elektroauto für den Massenmarkt zu erwarten. Im Herbst kommt zwar der R8 E-tron, aber dieser Elektroflitze in homöopathischen Mengen ist mehr als Technologieträger zu sehen. „Wir glauben, dass ein Plug-In-Hybrid auf absehbare Zeit die bessere Lösung ist“, sagt Michael Dick, Entwicklungsvorstand bei den Ingolstädtern. „Auch hier haben wir große Einsparpotenziale, aber zu einem deutlich günstigeren Preis als bei einem reinen Elektrofahrzeug.“

Bei einem Gang über die Messe fällt auf, dass die Elektrofahrzeuge aus dem Mittelpunkt verschwunden sind – aber sie sind da. Die Hersteller zeigen nochmals die bekannten Modelle und Studien, die in den vergangenen Monaten das Licht der Welt erblickt haben. Bei Opel steht neben dem Ampera die Studie RAK e, die erstmals auf der IAA im September gezeigt wurde. Toyota hat seine Brennstoffzellen-Studie FCR-V im Dezember auf der Tokyo Motor Show präsentiert, genauso wie das Hybrid-Konzept FT-Bh. 

Das zeigt: Die Hersteller haben ihr Pulver auf den großen Messen der vergangenen Monate verschossen. Ein Concept Car mit Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb jagte das nächste. Das hat die öffentliche Wahrnehmung geprägt. Doch jetzt gilt es für die Hersteller, die Konzepte der Studien in Serienfahrzeugen umzusetzen. Das ist ein langer Prozess, der hinter den Kulissen stattfindet. 

Eine der wenigen echten Elektro-Premieren des Genfer Auto-Salons bestätigt diese These. Am Stand von Infiniti gibt es die Sportwagen-Studie Emerge-E zu sehen. Zwei 204 PS starke E-Maschinen trieben das flache Leichtbau-Coupé an. Wenn die Batterie leer ist, sorgt ein Dreizylinder-Benziner mit 48 PS für neuen Strom. Auf der IAA in Frankfurt wäre Nissans Edelmarke mit diesem Concept Car kaum aufgefallen – so viele neue Studien gab es.


„Der Hype scheint verflogen“

Auch BMW-Chef Norbert Reithofer betrachtet die derzeitige Entwicklung des Elektroautos durchaus kritisch: „Der erste große Hype scheint verflogen.“ Dennoch bringe BMW  die ersten für Elektroantrieb maßgeschneiderten Modelle seiner Submarke i im kommenden Jahr  mit großen Ambitionen auf den Markt. „Wir wollen dazu beitragen, dass sich der iPhone-Effekt, Menschen und Märkte zu bewegen, einstellt.“

Reithofer rechnet damit, dass BMW seinen europaweiten CO2-Flottenausstoß bis im Jahr 2020 im Vergleich zu heute um rund ein Drittel auf dann etwa 100 Gramm pro Kilometer senken muss, um die EU-Vorschriften zu erfüllen. „Das geht nur mit Elektromobilität, wenn wir künftig nicht nur den Mini und den 1er verkaufen wollen.“ Für ihn steht fest:  „Die Automobilbranche steht vor einem Technologiesprung“, wie er kürzlich sagte, als er die technische Revolution in der Branche mit dem Übergang von der Schreibmaschine zum Laptop und Smartphone verglich, dem Wechsel von der Analog- zur Digitalfotografie oder vom Pferd zum Auto. Für ihn steht fest: „Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr.“ 

Vor dieser Herausforderung steht auch der Rivale Daimler, der nach eigenen Angaben mit einem Anteil von 28 Prozent im vergangenen Jahr Marktführer für E-Autos in Deutschland war, wo allerdings nur insgesamt 2154 Stromer zugelassen wurden. Konzernchef Dieter Zetsche sieht derzeit vor allem die Erwartungen der von Medien und Politik enttäuscht. Der Autobranche hingegen sei immer klar gewesen, dass es eine „längerfristige Überschneidung zwischen Elektromobilität und Verbrennungsmotoren“ geben werde.

Deutlich sagt Zetsche aber auch, zu alternativen Antrieben werde es in 30 Jahren gar keine Alternative mehr geben. „Die Frage ist: Wie kommen wir von A nach B?“ Daimler setzt dabei im Gegensatz zu vielen Konkurrenten auch auf die Brennstoffzelle, von der Reithofer sagt: „Wir sehen keinen nennenswerten Serieneinsatz des Wasserstoffantriebs bis 2025.“ Zetsche erwartet aber schon ein Jahrzehnt früher nennenswerte Stückzahlen.


„Meine Überzeugung ist nicht erschüttert“

Auf gute Resonanz stößt Daimlers Verleih von Elektro-Smarts beim Car-Sharing-Anbieter Car2Go. Dieses Jahr soll er elf weitere Städte erobern und in fünf Jahren erwartet Zetsche einen Umsatz von einer Milliarde Euro.

Unerschütterlich an der E-Mobilität fest hält Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn. Auf dem Auto-Salon sagt er: „Meine Überzeugung und mein Enthusiasmus sind überhaupt nicht erschüttert.“ Und Thierry Koskas, der bei Renault die Elektroautos verantwortet, fügt im Gespräch mit Handelsblatt Online hinzu: „Für uns ist das ein langfristiges Engagement und keine Modeerscheinung.“

Derzeit beginnen die Franzosen, elektrisch angetriebene Fahrzeuge zu verkaufen. Seit vergangenem Oktober gibt es den Lieferwagen Kangoo emissionsfrei, seit Dezember die Limousine Fluence, beide zu einem Einstiegspreis von rund 25.000 Euro, zu dem eine monatliche Batteriemiete von etwa 100 Euro hinzukommt.

Gekauft werden sie hauptsächlich von Flottenkunden. Ende März kommt das für Privatkunden besonders interessante City-Mobil Twizzy für 7.000 Euro hinzu, zuzüglich einer Monatsmiete von 50 Euro für die Batterie. Und wenn Renault im Oktober den Zoé einführt, ist dies das vierte E-Modell, das die Marke innerhalb eines Jahres auf den Markt bringt.

Der Nissan Leaf, der natürlich auch in Genf zu sehen ist und im April auch auf den deutschen Markt kommt, hat sich im vergangenen Jahr weltweit 25.000-mal und damit öfter als jedes andere Elektroauto verkauft. Diese Zahl will Ghosn 2012 verdoppeln. Das Reizvolle für den Konzern daran: Er gewinnt so massiv neue Kunden, 85 Prozent der Käufer sind laut ihm davor keinen Nissan gefahren.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%