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Energiewende Gaskraftwerke werden zu Ladenhütern

Für die Energieversorger lohnt sich der Betrieb ihrer Gaskraftwerke oft nicht mehr. Neue Anlagen werden gar nicht erst gebaut, zu unsicher ist die Investition derzeit. Das große Geschäft findet im Ausland statt.

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Ein Mitarbeiter von Siemens kontrolliert die Technik einer Gasturbine: Eine allgemeingültige Lösung für das Problem mit den unrentablen Gaskraftwerken ist bisher nicht in Sicht. Quelle: dpa

Düsseldorf Der derzeitige Star bei Siemens wiegt so viel wie ein vollgetankter Airbus A380 und hat die Kraft von 1.200 Porsche 911. Die Rede ist von der H-Klasse Gasturbine Nummer 28, sie ist so effizient wie keine andere Gasturbine weltweit. Deutschland war das erste Land, in dem sie im Jahr 2011 eingesetzt wurde, im Gaskraftwerk Irsching von Eon. Die Ironie an der Geschichte: Das hocheffiziente Kraftwerk ist inzwischen ein Fall für Staatshilfe.

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und dem Fall der Börsenstrompreise sind viele konventionelle Kraftwerke überflüssig geworden. Weil ein Überangebot an Strom besteht, werden per Gesetz erst Windkraft & Co. eingesetzt und danach aus wirtschaftlichen Gründen die Atom- und Kohlekraftwerke. Die vergleichsweise teuren Gaskraftwerke werden erst ganz zum Schluss angeschaltet. Viele Energieversorger wollen daher ihre Gaskraftwerke stilllegen, weil sich ihr Betrieb auf Grund der geringen Nutzungszeiten nicht mehr lohnt.

Die desolate Situation vieler Gaskraftwerke hat auch Folgen für die Hersteller der Turbinen. Der deutsche Markt ist zum Erliegen gekommen, das Geschäft findet im Ausland statt. Siemens Absatzzahlen der vergangenen Jahre sind ein Paradebeispiel dafür, wo der Bedarf an Turbinen hoch ist - und wo nicht. Seit 2011 hat Siemens noch weitere 27 seiner H-Klasse-Gasturbinen Nummer 28 verkauft. 13 davon gingen in die USA, 13 nach Asien und nur ein weiteres nach Düsseldorf in Deutschland.

Im Allgemeinen sei Europa derzeit ein schwieriger Markt, noch immer haben die Unternehmen mit den Folgen der Finanzkrise zu kämpfen und halten sich zurück mit Investitionen, auch der Energiebedarf hat sich noch nicht wieder erholt, heißt es von Siemens. Deutschland sei allerdings wegen der Situation der Gaskraftwerke besonders problematisch.

Das Geschäft mit den Gasturbinen ist hierzulande nahezu zum Halt gekommen. Mathias Zuber, Senior Berater und Kraftwerksexperte bei der Unternehmensberatung Ecoprog, schätzt, dass derzeit von den eigentlich geplanten Gaskraftwerken gerade mal ein Fünftel überhaupt im Bau sind. Der Rest der ursprünglich geplanten 50 Projekte liege auf Eis oder sei gleich ganz abgesagt worden.


„Der Markt für Gasturbinen befindet sich auf niedrigstem Niveau“

Das große Geschäft machen Gasturbinenhersteller derzeit vor allem in Asien und den USA. In Amerika ist es der Shale-Gas-Boom, der die Neubauten für Investoren attraktiv macht. In Asien ist es das unvermindert hohe Wachstum der aufstrebenden Volkswirtschaften. In Europa investiert nur noch die Türkei nennenswert in neue Gaskraftwerke, möglich und nötig machen das nahezu zweistellige Wachstumsraten der Volkswirtschaft.

Die schwierige Situation in Deutschland sei vor allem für deutsche Hersteller wie Alstom oder Siemens ein Problem, sagt Zuber. Dabei ist der Bereich Energie nach der Zahl der Aufträge der wichtigste Bereich von Siemens. Der Industriekonzern leidet bereits seit längerem an einer Wachstumsschwäche. Auch für dieses Jahr hat Unternehmenschef Joe Kaeser allenfalls einen stagnierenden Umsatz in Aussicht gestellt.

GE dagegen hat zumindest auf dem amerikanischen Markt einen Heimvorteil. In Deutschland durchläuft der Konzern auf Grund der schlechten Lage auf dem Gaskraftwerksmarkt dagegen ebenfalls eine Durststrecke. „Aufträge für Gasturbinen lassen sich in Deutschland an wenigen Fingern abzählen – der Markt für Gasturbinen befindet sich auf niedrigstem Niveau“, klagt Oliver Klitzke, als COO verantwortlich für das operative Geschäft von GE Energy in Deutschland.

In Asien ist die Konkurrenz für Siemens und Co Anfang Februar um einen schlagkräftigen Spieler stärker geworden. Mitsubishi und Hitachi verkündeten die Fusion ihrer Kraftwerkssparten. Die Japaner haben im asiatischen Raum einen Heimvorteil und ergänzen sich nach Expertenmeinungen zudem ideal – Mitsubishi liefert große Turbinen, während Hitachi auf kleinere Maschinen spezialisiert ist.

Eine allgemeingültige Lösung für das Problem mit den unrentablen Gaskraftwerken ist bisher nicht in Sicht. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat auch in seinem Entwurf zur Reform des Ökostromgesetzes EEG keine kurzfristige Regelung in Aussicht gestellt.

Kraftwerks-Experte Zuber betont die Dringlichkeit, dass demnächst Bewegung in die Sache kommt: „Langfristig hat die Politik ein Interesse daran, die flexiblen Gaskraftwerke am Netz zu halten und Neue zu fördern. Allerdings werden sich die Investoren weiter zurückhalten, solange sie keine Sicherheit im Markt erkennen.“ Auch GE-Manager Klitzke fordert eine Lösung des Problems: „Nötig ist ein Marktdesign, das nicht nur die Energieproduktion, sondern auch die Vorhaltung von flexibler, aber gesicherter Leistungsfähigkeit honoriert.“

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