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Ernährung Zucker ist die neue Zigarette

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Fitter und wacher ohne Zucker?

Im Publikum sitzt ein Mann, der nicht eingeladen war. Der jedoch darauf bestanden hatte, zu kommen: Zuckerlobbyist Tissen. Und so tritt auch Tissen an diesem Anti-Zucker-Vormittag auf die Bühne, direkt nach dem Plädoyer der Verbraucherschützerin für bessere Zuckerkennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen. Für die Ehrrettung seiner Branche hat er 20 Minuten Zeit; nach ihm will eine Wissenschaftlerin des Max-Planck-Instituts aufzeigen, dass Kinder dicker sind, je weniger die Eltern über den Zuckergehalt von Lebensmitteln wissen.

Diese Lebensmittel sind besser als ihr Ruf
KaffeeIst Kaffee nun gesund oder ungesund? Die Wissenschaft ist sich diesbezüglich nicht zu 100 Prozent einig. Der bekannteste Inhaltsstoff ist Koffein - und das macht in jedem Falle wach. Drei bis fünf Tassen können Konzentration und Denkfähigkeit steigern. Eine Studie der Stanford Universität hat außerdem herausgefunden, dass Kaffeetrinker weniger Entzündungen in ihrem Körper haben - und damit weniger schnell altern. Denn Koffein verhindert die Entwicklung des Proteins Interleukin-1-beta, das Entzündungen wie Krebs, Alzheimer, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. Quelle: dpa
SchokoladeEin Kakaoanteil von mindestens 70 Prozent muss es sein, damit Schokolade zu den gesunden Lebensmitteln zählen kann. Sie ist dann besonders reich an Antioxidantien, Magnesium und Eisen. Gerade Antioxidantien sollen Herz-Kreislauferkrankungen vorbeugen und entzündungshemmend wirken. Es gibt aber auch Studien, die behaupten, dass es schädlich sei, zu viele Antioxidantien zuzuführen. Deshalb gilt auch der Ausspruch, der dem Mittelalter Mediziner Paracelsus zugeschrieben wird: "Allein die Menge macht das Gift." Quelle: dpa
WeinSchädlich oder nicht schädlich: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt Frauen nicht mehr als 0.1 Liter Wein am Tag, Männern doppelt so viel - sofern sie gesund sind. Die Wissenschaft ist sich uneinig: Auf der einen Seite hat eine Übersichtsstudie mit 200.000 Teilnehmern, die 2008 auf dem Europäischen Kardiologenkongress vorgestellt wurde, festgestellt, dass ein "maßvoller Konsum" das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduzieren könnte. Gleichzeitig haben amerikanische und israelische Wissenschaftler gezeigt, dass sich der Konsum kaum bis gar nicht auf die Menge der Kalkablagerungen auswirkt. Keine der genannten Studien hat hingegen festgestellt, dass Wein in Maßen schädlich ist. Quelle: dpa
PopcornOhne Öl, Butter und Zucker ist Popcorn ungesund. Mit Salz gehört der Mais aber zu den gesündesten und kalorienärmsten Snacks - und er macht durch die Ballaststoffe lange satt. Quelle: dapd
ButterIhr Ruf ist nicht gerade gut: Dabei sind in Butter mit Linolsäure und Omega-6 die zwei wichtigsten ungesättigten Fettsäuren enthalten - und die produziert der Körper nicht selbst. Dabei könnte er ohne diese Vitamine gar nicht aufnehmen. Quelle: dpa
FleischDie Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt davor, zu viel Fleisch zu essen, gleichzeitig aber auch dafür den Konsum nicht generell zu verteufeln. Es käme auf die Menge an. Denn Fleisch sei ein guter Nährstofflieferant, darunter Eiweiß, Vitamin A, Zink und Eisen. Quelle: dpa

„Mein Name ist Günter Tissen. Ich vertrete all die, die als Zuckerhersteller den Zucker herstellen und vertreiben“, beginnt er. Und dann erzählt Tissen von Marmorkuchen. Hinter ihm erscheint eine Folie, die zeigt, was seiner Meinung nach in einen richtigen Marmorkuchen gehört: Butter, Eier, Mehl, Milch, Kakao und Zucker. „Nun kann man den Zuckeranteil reduzieren. Doch wenn wir keinen kleineren Kuchen haben möchten, müssen wir andere Zutaten erhöhen“, sagt er. Er rechnet vor: Mehl habe gleich viel Kalorien wie Zucker und Butter noch mehr. Die Zuckerreduktion führe zu einem Trugschluss: Viele Verbraucher glaubten bei den zuckerfreien Produkten mehr essen zu können, weil sie vermeintlich kalorienärmer seien. „Das führt uns zu der Frage Kann die Auslobung ‚zuckerreduziert‘ sogar zusätzlichen Schaden anrichten und zu noch mehr Übergewicht führen?“, fragt Tissen in die Runde.

Wenn man Eddy Nikolic ansieht muss man klar sagen: Nein. An diesem Nachmittag steht der 46-Jährige in der offenen Küche seines Bistros in Dortmund. Hinter der Theke lehnt sein rotes Rennrad. „Ich merkte, wie viel fitter und wacher ich war, wenn ich keinen Zucker aß“, sagt er. Vor 17 Jahren hat er den Stoff konsequent aus seiner Ernährung verbannt. Doch auf Kuchen wollte er nicht verzichten, also begann er zu experimentieren: Honig, Datteln, Bananen. „Ich halte nichts von Süßstoffen oder anderen unnatürlichen Zutaten“, sagt er. Und Zucker, das ist für ihn nichts anderes: unnatürlich, industriell hergestellt, hochverarbeitet.

„Es ist so einfach, gutes Essen auch sauber hinzubekommen“, sagt er. Und mit „sauber“ meint der Gastronom: Speisen ohne Zucker. Ohne Süßstoff. Ohne Industrie.

Die Ausweichstrategien der Zuckerchefs

Es sind genau Menschen wie Nikolic, die den Nordzucker-Chef Fuchs die Beherrschung verlieren lassen: Jede Woche werde ein anderes Lebensmittel verteufelt: mal das rote Fleisch, mal Butter und mal die Eier. Dann atmet er laut aus, macht eine dramatische Pause und sagt: „Die Politiker sollen mal aufhören, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben.“

Doch es sieht derzeit nicht aus, als ob die Politik auf ihn hört. Und an dieser Stelle bekommt das Schicksal von Fuchs und seinen Mitstreitern eine Pointe: Etwas, was sie jahrelang bekämpft haben, könnte nun zu ihrer größten Chance werden. Denn im September wird trotz jahrelangem Protest die Zuckermarktordnung wegfallen. Seit 1965 ist der Zuckermarkt ein gehütetes Territorium, das qua Gesetz Mindestpreise diktiert, Anbaumengen festlegt, Exporte beschränkt. Eine Planwirtschaft, die allen Akteuren klare Profite sicherte, planbare Absatzmengen bescherte und das Risiko aller minimierte. Nun landet die komplette Zuckerbranche in der freien Marktwirtschaft. Wie sie mit dieser Situation umgeht, wird über die weitere Existenz der Branche entscheiden.

Und so trägt Fuchs an diesem Vormittag weder Anzug noch Schlips, sondern steht mit orangenen Turnschuhen und Jeans auf einem Acker in der Nähe von Braunschweig.

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