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Ernährung Zucker ist die neue Zigarette

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Hichtechsüße ersetzt Alltagszucker

Insgesamt 18.000 Tonnen Zucker will Nestlé deshalb in Europa einsparen, mehr als 800 vollgeladene Lkws. Das Problem ist nur: Die Produkte sollen genauso süß schmecken wie immer. Und so haben die Lebensmittelchemiker in den Unternehmenslaboren monatelang mit Zuckermolekülen experimentiert. Sie höhlten die kleinen Kristalle von innen aus, sodass sie sich im Mund schneller auflösen. Angeblich brauche man dadurch weniger Menge für gleich süßen Geschmack. Zumindest lässt sich Nestlé den geschmackseffizienteren Zucker derzeit patentieren.

Investitionen-in-der-Zuckerindustrie

Doch die Hightechsüße kann nicht dort eingesetzt werden, wo der meiste Alltagszucker verbraucht wird: in Getränken. Rund 17 Prozent des deutschen Zuckerkonsums ist flüssig. Und hier ist vor allem ein Unternehmen am täglichen Süßschock beteiligt: Coca-Cola. Wer ein 0,3-Liter-Glas des klebrig-schwarzen Getränks trinkt, hat damit mehr Zucker aufgenommen, als die Weltgesundheitsorganisation für den gesamten Tag empfiehlt: zehn Zuckerwürfel. Und genau wie Nestlé hat auch Coca-Cola erkannt, dass die Zuckerbrause immer weniger zum Lebensstil vieler Deutscher passt. Gleichzeitig gibt es neben den Gesundheitsbewussten noch genug Menschen, die die rote Kernmarke mögen, Zucker hin oder her. Also fährt Coca-Cola eine andere Strategie: Sortimenterweiterung.

In den letzten Jahren hat das Unternehmen über 230 kalorienarme oder zuckerfreie Getränke eingeführt, die mittlerweile mehr als zwei Drittel des Gesamtportfolios ausmachen. So gibt es Cola in den Varianten 35 Zuckerwürfel pro Liter, 22 Zuckerwürfel pro Liter oder zuckerfrei mit künstlichem Süßstoff. Die Zero- und Lightvarianten werden mit einem doppelt so großen Werbeetat beworben und sollen damit „leichter zugänglich“ sein, wie Colas Europachef Dan Syre betont. Der Konzern scheint vom Getränkehändler ins Lager der Drogendealer gewechselt zu sein: So hebt das Unternehmen hervor, keine Werbung in Medien zu schalten, die sich an Minderjährige richten. Wer versichert, sich von Kindern fernzuhalten, hat längst erkannt, dass das eigene Produkt ein Imageproblem hat. Und so will selbst Coca-Cola ausgewogen und gesünder sein, ganz so wie der Zeitgeist es im Deutschland des Jahres 2017 verlangt.

Der Kampf der Lobby

Zeitgeist. Wenn Günter Tissen dieses Wort ausspricht, setzt er mit seinen Händen sarkastische Anführungszeichen in die Luft. „Wir wehren uns gegen diesen Zeitgeist, der ein natürliches Produkt bekämpfen will“, sagt der Hauptlobbyist der Zuckerbranche, Vorsitzender der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker und des Vereins der Zuckerindustrie. Zuletzt war er sehr damit beschäftigt, Minister Schmidt seine Antizuckerstrategie auszureden. „Wenn Sie Zucker aus der Ernährung streichen und dafür mehr von anderen Lebensmitteln essen, die mehr Kalorien haben, dann bringt das am Ende nichts. Sie können sich auch an Vollkornbrot dick essen“, sagt der Zuckerfan. Manchmal geht er mit dieser Botschaft auch an die Vollkornfront.

Vor einigen Wochen baute er zum Beispiel einen Informationsstand auf, am Rande des Bundesparteitags der Grünen. Es dauerte wenige Minuten, bis eine Frau herantrat und sagte, sie verwende keinen Zucker, sondern süße lieber mit Honig oder Agavendicksaft. „Da frage ich: Was ist mit Sozialstandards? Wir haben keine Kinderarbeit auf unseren Feldern. Außerdem gibt es kein natürlicheres Süßungsmittel aus Deutschland als Rübenzucker“, sagt er.

Doch nicht alles, was natürlich ist, ist gesund, warnen Wissenschaftler. Die Weltgesundheitsorganisation WHO etwa empfiehlt: Nicht mehr als 25 Gramm sollte man täglich aufnehmen – in Deutschland liegt der tägliche Verzehr bei 90 Gramm. Deshalb versammelten sich Ende Juni 160 Menschen in einem Bürogebäude in Berlin-Mitte, um den Zucker aus den deutschen Küchen zu scheuchen. Es war der erste „Zuckerreduktionsgipfel“, organisiert von der AOK. Deutschlands größte Krankenkasse hat auch ein wirtschaftliches Interesse daran, dass die Menschen weniger von den süßen Kristallen essen. „Wesentliche Ursache für Übergewicht, Folgeerkrankungen und Folgekosten ist der erhöhte Zuckerkonsum in unserer Gesellschaft“, sagt AOK-Chef Martin Litsch an jenem Vormittag zur Begrüßung des Anti-Zucker-Tags.

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