Ernährung Zucker ist die neue Zigarette

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Egal, ob Nestlé, Coca-Cola oder die Regierung: Alle wollen den Zuckerkonsum bremsen. Doch die Industrie wehrt sich – wie einst die Tabakbranche.

Wenn Hartwig Fuchs das ganze Problem seiner Branche auf den Punkt bringen möchte, fasst er sich mit beiden Händen an die Hüften. Fuchs ist Chef des zweitgrößten deutschen Zuckerkonzerns Nordzucker. Ein paar Kilo zu viel habe er drauf, das wisse er. Doch als Hamburger liebe er rote Grütze, die brauche Zucker; echten Zucker, wie ihn sein Nordzucker aus den Zuckerrüben norddeutscher Landwirte gewinnt. Ein Naturprodukt, betont Fuchs. Dann reibt er mit den Händen den Bauch: „Und sobald mir jemand eine rote Grütze mit synthetischem Ersatzstoffen hinstellt, kann er die gerade behalten.“

Hinter welchen Bezeichnungen sich Zucker versteckt

Auch Eddy Nikolic lehnt sich zurück und klopft mit beiden Händen auf seinen Bauch, um das ganze Problem auf den Punkt zu bringen. „Ich liebe Kuchen, doch dafür brauche ich keinen Zucker. Mein Körper ist doch kein Mülleimer“, sagt der Dortmunder. Ein Sportlertyp, drahtig mit starken Oberarmen und einem flachen Bauch. Nikolic schaut zur Kuchenvitrine seines Bistros: Schokoladentarte, Zitronenkuchen, Pflaumenmus – alle zuckerfrei. Gesüßt mit Honig. Dass er damit einen Nerv trifft, zeigt sich an der Kuchentheke seines Lokals. Ein junges Paar in Fahrradtrikots kann sich nicht entscheiden: sechs verschiedene Sorten hat er heute im Angebot, manchmal muss er tagsüber einen Kuchen nachbacken. Vor seinem Lokal sitzen zwei Maler in ihrer Pause bei Kaffee und zuckerfreiem Schokokuchen. Die Dortmunder Nachbarn lieben Nikolics zuckerfreie Kuchen, viele grüßen ihn mit Vornamen.

So vehement Fuchs auf echten Rübenzucker in der roten Grütze besteht, so penibel versuchen immer mehr Deutsche mithilfe von Leuten wie Nikolic Zucker zu vermeiden. Der Verbrauch ging in den vergangenen zehn Jahren von 36 Kilo pro Kopf und Jahr auf 32 Kilo zurück. Andere Süßungsmittel wie Honig, Agavendicksaft und Ahornsirup gehören längst zum Standardsortiment der Einzelhändler. Das Image von Zucker ist desaströs: dick, krank und schlechte Zähne mache er. Wer auf seinen Körper achte, halte sich fern davon, warnen Ernährungswissenschaftler, Foodblogger, Fitnessfans und Eltern.

Diese Schreibtischsnacks halten Sie fit
ChicoreeBitter, aber gesund! Chicoree hat eine hohe Nährstoffdichte. Wem die Rübe zu bitter ist, kann sie vorher Zuhause dünsten oder leicht anbraten.
WasserkresseAls eher unbekanntes Gemüse taucht Wasserkresse kaum als Schreibtisch-Snack auf. Dabei besteht das Gemüse zu 100 Prozent aus Nährstoffen und ist damit optimal geeignet als Energiekick für zwischendurch. Geschmacklich erinnert das Gemüse an Rettich oder Senf. Um in den Genuss des vollen Aromas zu kommen, sollten Sie die Wasserkresse roh verzehren. Man kann die Blätter klein schneiden und über Salate streuen. Auch auf einem Butterbrot, als Zusatz zu Frischkäse oder Quark und in Dips macht sich die Brunnenkresse gut.  
China-KohlChina-Kohl ist ein echtes „Power-Veggie“. Es schmeckt roh im Salat oder auch mit einem leckeren Dipp. Nur rund dreizehn Kilokalorien nimmt man pro 100 Gramm zu sich, da das Gemüse zu 95 Prozent aus Wasser besteht - also greifen Sie ordentlich zu!
GrapefruitWer er lieber fruchtig mag, kann sich die Mittagspause mit Grapefruit versüßen. Wem die Frucht roh zu sauer ist, kann sie als Beilage für diverse Gerichte wie zum Beispiel Obstsalat verwenden. Ähnlich wie viele andere Zitrusfrüchte haben auch Grapefruits nur wenige Kalorien. 100 Gramm enthalten durchschnittlich zwischen 38 und 50 Kalorien. Damit ist die Grapefruit eine der gesündesten Früchte überhaupt.
KräuterZusammen mit Salat sind Kräuter, insbesondere Schnittlauch, ein gesunder Snack für die Mittagspause. Meist enthalten sie größere Mengen an Vitamin A und C. Außerdem wirken sie bakterienhemmend, anregend auf Appetit und Verdauung und regulieren schonend erhöhten Blutdruck.
KohlblätterEine wahre Vitaminbombe: Früher noch als Arme-Leute-Essen verschrien, ist Kohl heute der perfekte Manager-Snack. Besonders reich ist Kohl an Vitamin C. Und wem das Grünzeug roh nicht schmeckt – es gibt tolle Kohl-Smoothie-Rezepte.
PetersilieLässt sich super zwischendurch knabbern, oder auch auf dem Brötchen. Macht nicht dick, stillt aber den kleinen Hunger, der uns im Büro so oft heimsucht. Auch in Salaten kommt Petersilie gut.
KarottenKarotten sind eine gesunde Alternative für den kleinen Hunger. Aber Vorsicht: Wer die Möhre vor dem Essen schält, lässt sich gute Nährstoffe entgehen. Deswegen lieber waschen und ungeschält essen.
BlattsalatDarf’s auch ein bisschen grüner sein? Salat macht fit und ist gesund – und somit ein toller Snack für zwischendurch. Aber Achtung bei der Wahl der Soße - mit fettigen Joghurtsoßen oder Fertigsoßen wird aus einem vermeintlich gesunden Salat schnell eine Kalorienbombe.
MangoldAuch als Rohkost geeignet ist der spinatähnliche Mangold. Er enthält viel Vitamin K, A und E und hat eine Nährstoffdichte von 89,27.
RadieschenRundliche Formen, scharfer Geschmack: Das Radieschen ist ein idealer kalorienarmer Schreibtischsnack. Die roten Kugeln lassen sich roh knabbern oder in Scheiben schneiden. Die Nährstoffdichte ist hier 16,01.
BroccoliMit einer Nähstoffdichte von 34,89 ist Broccoli eine gesunde Alternative zum Schokoriegel für zwischendurch. Und nicht genug damit: Broccoli gilt auch als Wunderwaffe gegen Krebs. Wer das Gemüse nicht gerne roh ist, kann sich auch Broccolisprossen ziehen, die noch gesünder sind.
BrombeereEbenfalls fruchtig, aber süßer als die saure Grapefruit ist die Brombeere. Brombeeren enthalten viel Vitamin C, die Mineralstoffe Kalium, Eisen und Calcium und reichlich Ballaststoffe. Am besten kaufen Sie sie zwischen Juli und Oktober an. Im Idealfall essen Sie Brombeeren gleich frisch, denn diese halten sich nur 1 bis 2 Tage. Dann ist auch deren Vitamin-C-Gehalt am höchsten. Lassen Sie die Brombeeren bei deren Reinigung aber nicht im Wasser liegen. Das laugt sie nur aus - und die Nährstoffe landen unnötig im Reinigungswasser.

Und als ob das nicht schwierig genug wäre, demontiert nun auch die Politik die Branche langsam, aber sicher. Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) hat gerade eine „nationale Strategie“ zur Reduktion von Zucker vorgelegt. Joghurt oder Frühstückscerealien, so fordert der Minister, sollten künftig weniger Zucker enthalten. Nie zuvor wurde die Zuckerindustrie so direkt und so im Kerngeschäft attackiert. Fuchs’ Nordzucker, 1,7 Milliarden Euro Jahresumsatz, und sein größerer Rivale Südzucker, 6,5 Milliarden Euro Umsatz, haben ein Imageproblem. Sie verkaufen einen Stoff, den niemand mehr haben möchte. Nicht einmal mehr die Nahrungsmittelmultis. Sie haben bereits begonnen, die süßen Kristalle auszutauschen. Für Fuchs und die Zuckerbranche ist das eine Katastrophe. Ihnen droht ein Schicksal wie einst der Tabakindustrie. Und mit ähnlichen Mitteln wehrt sie sich jetzt: indem sie offensiv lobbyiert und sich neue Märkte im Ausland sucht.

Dem Süßen setzt es Saures

Dies zeigt sich etwa in einem Labor in Lausanne. Hier sitzt das Forschungszentrum des größten Nahrungsmittelkonzerns der Welt. Seit Jahrzehnten trägt Nestlé zur weltweiten Zuckerüberdosis bei. Denn gerade in hochverarbeiteten Lebensmitteln, wie sie das Unternehmen herstellt, steckt all der Zucker. Dosenravioli, Salatdressings, Fertigpizza, alles Zuckerbomben. Gleichzeitig weiß der Konzern, dass das nicht mehr gut ankommt, zumal Nestlé neuerdings als gesundheitsbewusst gelten möchte. „In einer Zeit, in der eins von drei Kindern übergewichtig oder adipös ist, müssen wir noch mehr tun, um diesen Kindern gesündere Alternativen zu bieten und einen aktiven Lebensstil zu fördern“, sagt Europachef Marco Settembre.

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