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Es gibt kein Tabu mehr Thyssen steigt aus Dax ab, doch das ist nicht das größte Problem

Thyssenkrupps Abstieg aus dem Dax: Der nächste Schlag für den Industriekonzern Quelle: imago images

Der Essener Industriekonzern Thyssenkrupp fliegt aus dem Dax, der Gruppe der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Es ist ein weiterer Abstieg für den Konzern. Doch Vorstandschef Guido Kerkhoff hat wichtigere Baustellen.

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Eines muss man Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff lassen: Der Mann hat Humor oder besser Galgenhumor. Ihn totzuschreiben sei nicht besonders schwer, das könne er sogar selber, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem „Spiegel“. Und dann legte er los mit der Selbstjustiz: „Der Kerl ist schon acht Jahre da, hat den Umschwung nicht geschafft und alle alten Entscheidungen mitgetragen, dazu ist er ein trockener Finanzer, und jetzt muss er schon wieder die Strategie ändern.“ Wer Kerkhoff schon persönlich erlebt hat, der kann sich sicher sein, dass er sich bei so viel Selbstkritik auch noch kaputtlacht. Das Lachen als Kraut gegen den Tod ist einem Guido Kerkhoff noch nicht vergangen.

Noch eine Zahl, die sein Dilemma untermauert: In den 13 Monaten seit seinem Amtsantritt als Konzernlenker von Thyssenkrupp steht ein Kursverlust von fast 50 Prozent zu Buche. Und deshalb fliegt sein Unternehmen jetzt auch noch aus dem Dax, dem wichtigsten Index der größten deutschen börsennotierten Konzerne, nach 30 Jahren. Natürlich ist das ein weiterer Schlag für den Industriekonzern. Und doch hat Kerkhoff Recht, wenn er sagt, er hätte wichtigere Probleme als dem Abstieg aus diesem Index hinterher zu trauern.

Ganz so harmlos ist der Abstieg dann aber doch nicht: Das Image leidet, nicht schön. Allerdings seien die Folgen für die Aktie schlimmer, meint Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. Bis zu sieben Prozent aller Dax-Aktien lägen in passiven Fonds, die den Dax nachbauten, sagt Schiereck. Und das bedeute, dass demnächst bis zu sieben Prozent der Thyssenkrupp-Aktien den Besitzer wechseln könnten. Damit sei ein Angriff auf den Essener Konzern einfacher, weil mehr Aktien verfügbar seien. Ob das so kommen wird, ist ungewiss. Das Gespenst einer Zerschlagung des Essener Industrieunternehmens geht schon lange um. Bislang ist sie noch immer nicht passiert. Der Aktienkurs selbst steckte den Abstieg aus dem Dax mehr als gut weg. Zeitweise lagen die Thyssen-Papiere um mehr als vier Prozent im Plus.

Sicher ist nur: Konzernlenker Kerkhoff muss langsam Lösungen für die wichtigsten Probleme finden. Für das Geschäftsjahr 2018/2019, das am 30. September endet, rechnet Kerkhoff nur noch mit einem bereinigten Ergebnis von rund 800 Millionen Euro nach 1,4 Milliarden Euro im Vorjahr. Unter dem Strich erwartet er einen Nettoverlust. Es gibt für ihn kein Tabu mehr: Die Geschäftsbereiche mit Grobstahl, mit Federn und Stabilisatoren und der System Engineering kommen auf den Prüfstand. Da geht es immerhin um 9300 Mitarbeiter. Und darüber hinaus sollen weitere 6000 der weltweit 160.000 Jobs gestrichen werden. Aber Stellenstreichungen sind noch kein Zukunftsmodell.

Baustelle Nummer eins: Wie geht es mit dem Stahlgeschäft weiter? Je länger die Ungewissheit andauert, wie Kerkhoff den Konzern für die Zukunft aufstellen will, desto wilder die Gerüchte – und die sind weder gut fürs Geschäft noch für die Moral im Konzern. Eine Fusion mit dem Konkurrenten Salzgitter, ein alter Hut, kommt plötzlich wieder auf. Weiter geht das Gemunkel über eine irgendwie geartete Zusammenarbeit mit dem Duisburger Stahlhändler Klöckner. Der Duisburger Konzern kam mit 8500 Mitarbeitern zuletzt auf einen Jahresumsatz von 6,8 Milliarden Euro. Spruchreif ist noch nichts. Aber was soll ein Zusammengehen mit Klöckner bringen? Ein Ersatz für die geplatzte Stahlfusion mit der indischen Tata wäre es nicht, sie hilft nicht gegen Überkapazitäten und Preisdruck im Stahl.

Die Fusion der Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata Steel Europe war am Widerstand der EU-Kommission gescheitert. Und Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff hatte deshalb auch die geplante Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige, börsennotierte Gesellschaften abgesagt. Das Verbot der Brüsseler Behörde will Thyssenkrupp nicht auf sich sitzen lassen und klagt deshalb dagegen vor Gericht.

Die Essener rechnen allerdings nicht damit, dass sie auf diesem Weg die Fusion doch noch durchsetzen können. Thyssenkrupp misst der Klage, die in der ersten Instanz zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen dürfte, eine grundsätzliche Bedeutung zu. „Die Konsolidierung der europäischen Stahlindustrie ist nach wie vor richtig und notwendig, das zeigt auch die aktuell für die Stahlhersteller kritische Marktsituation“, heißt es in Essen. Thyssenkrupp-Vorstand Donatus Kaufmann warf der Kommission vor, bei Verpackungsstahl und Blechen für die Autoindustrie erstmals eine so enge Marktabgrenzung vorgenommen zu haben. „Die Überkapazitäten und der hohe Importdruck aus Asien schafften ein Umfeld, in dem das geplante Joint Venture mit Tata Steel den Wettbewerb nicht beeinträchtigt hätte, so Kaufmann. Die Entscheidung der Kommission sei deshalb falsch.

Die Abhängigkeit Thyssenkrupps vom wechselhaften und kapitalintensiven Stahlgeschäft ist mit der geplatzten Fusion jedenfalls wieder gestiegen. Alle europäischen Stahlproduzenten haben wegen der nachlassenden Nachfrage, ihre Produktion zuletzt ein weiteres Mal runtergefahren. Die Rohstahlproduktion sei im Juli um 5,3 Prozent auf 3,2 Millionen Tonnen gesunken, teilte die Wirtschaftsvereinigung Stahl vergangene Woche mit. Von Januar bis Juli habe die Schwerindustrie mit knapp 24 Millionen Tonnen ein Minus von 5,1 Prozent in den Büchern. Der Branche machen hohe Rohstoffkosten und eine sinkende Nachfrage der Kunden aus der Automobilindustrie zu schaffen.

Baustelle Nummer zwei bei Thyssenkrupp: das Geschäft mit Aufzügen. Mit ihm verdient Thyssenkrupp mehr Geld als in allen anderen Sparten zusammen. Deshalb ist es eigentlich keine Baustelle, sondern eher der heilige Gral im Thyssenkrupp-Reich. Aber was tun mit der Perle? An die Börse bringen oder Investoren reinholen? Beides soll Geld in die klamme Kasse spülen. Geld, mit dem auch der Stahlbereich stabilisiert werden kann.

Wie auch immer sich Kerkhoff entscheidet, es ist die wohl wichtigste Weichenstellung für den Konzern. Wahrscheinlich dauert sie auch deshalb so lange. Doch die Uhr tickt immer lauter.

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