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Eurocopter Hubschrauber für Pendler

Eurocopter-Chef Lutz Bertling freut sich über die rasante Nachfrage der Öl- und Gasindustrie nach Hubschraubern. Doch auch Pendlern möchte er die Produkte des Unternehmens nahe bringen.

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Eurocopter-Chef Lutz Bertling (zweiter von rechts) mit Verteidigungsminister Thomas de Maizière (zweiter von links) und dem Vorstandsmitglied der EADS-Tochter Cassidian, Bernhard Gerwert (rechts). Quelle: dapd

Herr Bertling, sind Sie heute mit dem Hubschrauber nach Ottobrunn gekommen?

Nein, ich komme aus Berlin und habe den Flieger genommen. Bei so einer langen Strecke ist das effizienter.

Sie wollen doch den Hubschrauber Pendlern ans Herz legen. Ergibt das Sinn?

Da bin ich mir ganz sicher. Schauen Sie sich die Situation an den Flughäfen an. Die Startbahnen werden knapp. Man muss sich überlegen, ob man die Kurzstreckenflüge nicht verlagern kann. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Zug oder Hubschrauber. Mit den Hochgeschwindigkeitshubschraubern, die wir jetzt entwickeln, werden wir in Zukunft eine Alternative bieten.

Aber Hubschrauberflüge sind doch enorm teuer.

Das ist relativ. Hubschrauber müssen anders als Flugzeuge ihren Auftrieb selbst erzeugen. Deswegen werden wir immer einen höheren Energieverbrauch haben. Sie ermöglichen aber auch ein ganz anderes Einsatzspektrum. Hinzu kommen natürlich höhere Wartungskosten: Ein Hubschrauber hat wesentlich mehr drehende Teile als ein Flugzeug.

Sie müssten von Städten aus starten. Das wird den Bürgern nicht gefallen. Oder von Hochhausdächern ...

Hochhausdächer sind keine schlechte Idee. Das mindert den Lärm und Sie können nach dem Start direkt abtauchen, das ist noch einmal wesentlich leiser und effizienter. Aber einen Shuttle-Verkehr ins Büro wie in São Paulo oder New York brauchen wir in Deutschland nicht. Bei uns ergibt es Sinn, die Zubringerflüge zu internationalen Flughäfen mit Hubschraubern zu übernehmen. Das geht mit Maschinen, die 30 bis 40 Sitze haben. Die würden sich für Zubringerflüge eignen, beispielsweise von Nürnberg zum Münchener Flughafen.

Wie konjunkturanfällig ist Ihr Geschäft? In der Finanzmarktkrise sind Ihnen die Aufträge um 50 Prozent eingebrochen.

Wir haben am Ende gar nicht so stark gelitten. Unser Umsatz blieb stabil, wir haben nie Verlust gemacht. Natürlich haben wir massiv gespart. Und wir haben uns neue Kunden besorgt, in Brasilien und Malaysia zum Beispiel. Wir haben das Servicegeschäft ausgebaut. Vor der Krise hatten wir vier Flugsimulatoren. Heute haben wir 25 von den USA bis China. Und wir sind mittlerweile einer der größten Anbieter für Triebwerkswartung auf der Welt.


Nicht immer perfekt pünktlich geliefert

Und heute? Spüren Sie, dass sich die Weltkonjunktur eintrübt?

Nicht in unserem Geschäft. Wir wachsen kräftig. Im letzten Jahr waren es zwölf Prozent, in diesem Jahr werden es wohl noch einmal zehn Prozent sein, bei steigenden Margen. Und 2013 werden wir wieder über fünf Prozent wachsen. Spätestens 2015 wollen wir einen Umsatz von acht Milliarden Euro haben.

Was treibt das Wachstum?

Das Öl- und Gasgeschäft vor allem. Es gibt eine simple Regel: Bei mehr als 80 bis 90 Dollar erschließen die Ölgesellschaften neue Felder. Wir sind seit Jahren über dieser Marke, und das ist gut für unser Geschäft. Ob in Sibirien, in Kanada oder auf hoher See: Je abgelegener das Feld ist, desto mehr Hubschrauber braucht man. Aber auch in den USA zieht die Nachfrage an: etwa im Tourismus und in der Luftrettung.

Wie sieht der asiatische Markt aus?

Dort gibt es einen enormen Nachholbedarf. Hier gilt die grobe Regel: Bei mehr als 10 000 Dollar BIP pro Einwohner werden Infrastrukturen aufgebaut: Polizei, Feuerwehr, Rettungsflieger. Das haben wir in Europa in Polen und der Türkei erlebt, und jetzt erleben wir es in vielen Ländern Asiens. Malaysia ist so ein Fall, wo das gerade passiert.

Bauen die Asiaten nicht bald ihre eigene Industrie auf? Werden Sie kopiert?

Generell ist die Eintrittshürde in unserer Industrie sehr hoch. Und wir konkurrieren nicht mit den Billigsten. Aber natürlich versuchen andere Länder, in das Hubschraubergeschäft einzusteigen. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Frage nach Partnerschaften: Hier sind wir seit Jahren in Ländern wie Brasilien oder Korea sehr erfolgreich unterwegs. So können wir auch kontrollieren, was passiert.

Hierzulande macht Ihnen vor allem die Bundeswehr Sorgen. Sie will die Bestellungen bei den Hubschrauberprogrammen Tiger und NH 90 kürzen.

Wir haben zu den Gesprächen Vertraulichkeit vereinbart. Beide Seiten sind an einem verantwortungsvollen Ergebnis interessiert, bei dem auch die Kompetenzen in Deutschland, vor allem bei den Zulieferern, erhalten werden sollen.

Es gibt aber auch Vorwürfe der Militärs: Eurocopter liefert zu spät und fehlerhaft ...

Wir haben in der Vergangenheit nicht immer das perfekt eingehalten, was wir zugesagt haben. In den letzten Monaten haben wir alles pünktlich und zuverlässig abgeliefert. Das gilt insbesondere für die Maschinen, die unmittelbar gebraucht werden, wie beispielsweise die Tiger-Hubschrauber für den Einsatz in Afghanistan. Ich glaube, die Wahrnehmung hat sich geändert.


Zivile Hubschrauber für die Produktion in Deutschland

Gleichzeitig wollen Sie von der Bundesregierung eine Anschubfinanzierung über eine Milliarde Euro für den geplanten neuen Zivilhubschrauber X9. Wieso brauchen Sie das Geld?

Ohne diese Hilfe wäre für eine Firma dieser Größe eine solche Entwicklung gar nicht tragbar. Für die Regierung ist das bisher immer ein gutes Geschäft gewesen. Wir zahlen erfolgsabhängig zurück, pro geliefertem Hubschrauber. Das gilt in beide Richtungen. Nehmen Sie die EC 135: Da war das Entwicklungsdarlehen nach gut 600 Stück abbezahlt. Jetzt sind wir bei 1 100 und zahlen immer noch zurück. Die Bundesregierung hat immer mehr zurückbekommen, als sie gegeben hat.

Mit dem Argument könnte aber auch Volkswagen sagen: Wir hätten gerne eine Anschubfinanzierung für den neuen Golf.

Ich will ja gar nicht sagen, dass dieses Modell zwingend auf die Luftfahrtindustrie beschränkt werden muss. Aber wir haben schon ein sehr eigenes Geschäftsmodell: Wir haben sehr hohe Entwicklungskosten, und es dauert sehr lange, bis die wieder eingespielt sind. Wenn die deutsche Regierung unsere Industrie halten will, dann ergibt eine solche Förderung Sinn.

Weil sonst Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet sind?

Die nächsten vier bis fünf Jahre werden wir in Deutschland die Produktion sogar noch steigern. Dann aber laufen die Militärprogramme aus, das können wir auch durch Export nicht kompensieren. Deshalb brauchen wir für Donauwörth mit dem X9 ein neues ziviles Programm. Wir stellen damit auch in Zukunft die volle Fähigkeit für den Bau von Hubschraubern in Deutschland sicher.

Mit dem X9 planen Sie eine neue Maschine, die weit in die nächsten Jahrzehnte verkauft werden soll. Was muss so ein Hubschrauber können?

Die nächste Hubschraubergeneration wird nur noch halb so laut sein, wie ihre Vorgänger. Sie wird deutlich weniger verbrauchen. Und die Flugsicherung wird ein großes Thema, es wird mehr Assistenzsysteme geben, so ähnlich wie im Auto.

Herr Bertling, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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