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Evotec-Chef Lanthaler „Die Biotechindustrie ist die Zukunft nach den Automobilen“

Eine Bazooka für Biotech? Bis zur Marktreife eines Produkts vergehen bei Biotechnologiefirmen oft Jahrzehnte – um so lange durchzuhalten, benötigen die Firmen viel Kapital.   Quelle: dpa

Mehr Geld für Biotech in Deutschland. Das wünscht sich Evotec-Chef Werner Lanthaler. Doch private Investoren würden vor Wissenschaft oft zurückschrecken. Ein Gespräch über Aufträge vom Pentagon, Kunstsammlungen und Schampus auf dem Campus.  

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Dr. Werner Lanthaler ist seit März 2009 Vorstandsvorsitzender von Evotec. Die Biotechnologie-Firma wurde 1993 vom Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen und anderen Wissenschaftlern des Göttinger Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen gegründet, heute ist sie rund 3500 Mitarbeiter groß. Zuvor war Lanthaler Finanzvorstand der Intercell AG. Er ist gebürtiger Österreicher.

WirtschaftsWoche: Herr Lanthaler, das Pentagon hat bei Ihnen die Produktion eines Antikörper-Mittels gegen Corona bestellt, der Auftrag umfasst mehr als 20 Millionen Euro. Hat Sie der Anruf aus Arlington überrascht? 
Werner Lanthaler: Eigentlich gab’s schon vorher einen Anruf, denn der Auftrag wurde im Rahmen eines weltweiten Wettbewerbs vergeben. Das Pentagon hat uns gebeten, dabei mitzumachen. Dass es dann auch geklappt hat, freut uns sehr. Übrigens schon zum zweiten Mal, eine erste Ausschreibung zur Antikörper-Entwicklung und -Auswahl haben wir bereits im Sommer gewonnen. Das ist ein echter Ritterschlag, wenn man unter den besten Anbietern der Technologie erneut ausgewählt worden ist. 

Und gleich ein doppelter Grund zu feiern? 
Nein, da gibt’s bei uns keinen Schampus auf dem Campus, im Gegenteil, Ärmel hoch und los. 

Evotec ist 1993 von Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen und anderen Göttinger Wissenschaftlern gegründet worden, in der Anfangsphase wurden die Firma mit Millionen unterstützt von Roland Oetker, Neffe des Bielefelder Backmittelkönigs und Biotech-Investor. Biontech wurden groß mithilfe der Milliardäre Andreas und Thomas Strüngmann, Curevac mit dem Investor Dietmar Hopp. Können Biotech-Firmen in Deutschland nur mit Superreichen überleben?
Deutschland sollte den Vieren wirklich einen goldenen Orden verleihen. Die sind ins volle Risiko gegangen und haben ein Scheitern in Kauf genommen, statt sich drei neue Fußballvereine zu kaufen, obwohl sie dafür deutlich mehr Applaus bekommen hätten. Zumindest vor der Pandemie.

Werner Lanthaler ist seit März 2009 Vorstandsvorsitzender der Biotechnologie-Firma Evotec. Quelle: PR

Es sei großes „Glück“, dass sich solche Kapitalgeber für Biontech und Curevac gefunden hätten, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem Digitalgipfel der Bundesregierung im Dezember. Dürfen solche standortpolitischen Fragen tatsächlich eine Glücksfrage sein?
Nein, natürlich nicht. Aber in Deutschland ist die Angst vorm Risiko noch immer zu groß. Lieber wird Altbekanntes gefördert, etwas, das kurzfristig Arbeitsplätze schafft oder erhält. 

Beispielsweise?
Man baut eine Autofabrik und weiß, dass da dann 100 Leute arbeiten werden. Das lässt sich politisch super verkaufen. In der Biotechnologie geht das nicht, weil der Durchbruch eben nicht vorhersagbar ist und Jahrzehnte dauern kann. Wie beim mRNA-Impfstoff.

Die Technologie hat der Biologe Ingmar Hoerr bereits 1999 als Doktorand entdeckt. 
Das ist mehr als 20 Jahre her. Wenn der Durchbruch dann klappt, ist das Durchschlagpotenzial gewaltig, wie man ja jetzt bei Biontech sieht. Da kann so ein Unternehmen dann irgendwann 10.000 Leute beschäftigen. Aber das Risiko des Scheiterns ist immer da. 

Aber die Deutschen bemühen sich doch nun schon seit Jahren, die Coolness des Scheiterns zu lernen?
Diese Idee von einer Industrie, die auch scheitern kann, ist weiter sehr unpopulär. Schnell greifbare Gewinne gehen besser. Vielleicht setzt langsam ein Umdenken ein, aber das ist natürlich schwer, wenn es komplett gegen die Natur unserer bisherigen Industriepolitik geht. 

Was sollte denn aus dem Erfolg von Biontech, Curevac und Evotec gelernt werden?
Biotech ist ja keine neue Sache in Deutschland, es gibt hunderte Firmen – neu aber ist sicher die Aufmerksamkeit, die die Branche jetzt bekommt. Vorher gab es diese Sichtbarkeit nicht, weil viele erfolgreiche Firmen durch die Amerikaner aufgekauft worden sind, wie Micromet durch Amgen. Ist ja auch kein schlechtes Geschäftsmodell: Die tolle Wissenschaft aus Deutschland aufzukaufen und zu kommerzialisieren. 

Das klingt jetzt durchaus frustriert. 
Nein, gar nicht. Ich bin eher hoffnungsvoll optimistisch, denn wenn die Pandemie eines gezeigt hat, ist es doch: Große Probleme können nur mit und über Wissenschaft gelöst werden und nicht allein durch Technik. Und dafür hat Deutschland doch die besten Voraussetzungen. 

Weshalb denn das?
Kein anderes Land hat solche Kapazitäten und Kompetenzen: Es gibt einerseits die großen Forschungsinstitute von Max Planck über Helmholtz und Delbrück bis zu Fraunhofer. Und andererseits exzellentes Ingenieurswesen und datengetriebene Technologieunternehmen wie Evotec, Curevac und Biontech. Wenn Deutschland beides noch besser verbindet, dann hat es exzellente Chancen, da weltweit führend zu werden. Die Biotechindustrie ist die Zukunft nach den Automobilen. 

Moment, so schnell sollten Sie die deutsche Automobilindustrie nicht aufgeben
Will ich auch gar nicht, aber der Erfolg der Biotechfirmen zeigt ja gerade, dass Deutschland auch andere Exportschlager hat als PS und Gummireifen. Aber die Biotechindustrie ist eben deshalb so spannend, weil sie datengetrieben ist, damit skalier- und weltweit einsetzbar, sie ist nachhaltig und wird nachhaltig gebraucht. 

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