Ex-ThyssenKrupp-Manager Kremer Telekom-Sittenwächter unter Beschuss

Thomas Kremer ist beim Telefonunternehmen Compliance-Vorstand. Bei ThyssenKrupp war er Chefjurist und soll dort angeblich ein Kartell übersehen haben. Nun bricht ein Shit-Storm über ihn herein. Doch was wusste Cromme?

Der ehemalige Compliance-Chef von ThyssenKrupp soll angeblich ein Kartell übersehen haben. Quelle: Presse

Hat er? Hat er nicht? Bei ThyssenKrupp war der Jurist Thomas Kremer Chef aller Rechtsangelegenheiten. Von Rechtshändeln, Gutachten und juristischen Persilscheinen gab es beim Essener Revierkonzern eine ganze Menge. Beispiele gibt es genügend: Der Aufsichtsrat soll seine Pflichten verletzt haben, als er zwei Stahlwerke in Übersee genehmigte, deren Kosten unkontrolliert ins Astronomische hochschnellten. Der Vorstandsvorsitzende soll den Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme nicht immer sachgerecht informiert haben.

Gutachten über Gutachten wurden von ThyssenKrupp zur Entlastung von Cromme bei renommierten Rechtsanwaltskanzleien in Auftrag gegeben. Thomas Kremer hatte mehr zu tun als normale Dax-Chefjustitiare. Und dann kam noch das Schienenkartell hinzu, der Club der „Schienenfreunde“, an dem ThyssenKrupp beteiligt war. Kremer soll Hinweise, so wabert es gerüchteweise durch das Revier, auf das Kartell im Konzern übersehen haben.

Die Tatorte der Stahlkartelle
ThyssenKrupp fördert AufklärungMitarbeiter, die mehr über die Kartell- und Korruptionsfälle beim Industriekonzern wissen, sollen jetzt auspacken, ohne mit Entlassung oder Schadenersatzklagen rechnen zu müssen. Konzernchef Heinrich Hiesinger hat ein Amnestieprogramm aufgelegt - bis zum 15. Juni können Beschäftige gefahrfrei ihr Schweigen brechen. Die harten Sanktionen gegen Mitarbeiter, die an Kartellen beteiligt waren, hatten dazu geführt, dass sich niemand mehr zu den Vorfällen äußern wollte. ThyssenKrupp war an mehreren Kartellen in den Bereichen Schienen, Aufzüge und wohl auch Autoblech beteiligt. Die Details. Quelle: dpa
AutoblechDas Bundeskartellamt verdächtigt ThyssenKrupp, Preisabsprachen für Autoblech getroffen zu haben. Am 10. April 2013 wurde bekannt, dass die deutsche Autoindustrie möglicherweise seit über einem Jahrzehnt zu viel beim Stahleinkauf bezahlt hat. Schon seit dem Jahr 1998 hätten sich die Konzerne ThyssenKrupp, Voestalpine und ArcelorMittal beim Verkauf von Autoblechen abgesprochen, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung auf Branchenkreise. Diese Jahreszahl sei auch in einer Anzeige vermerkt, die anonym beim Bundeskartellamt eingereicht worden ist. Die Behörde hatte Ende Februar Büros und Privaträume von Mitarbeitern der drei Konzerne durchsucht und umfangreiche Unterlagen beschlagnahmt. Im September 2013 hat das deutsche Bundeskartellamt Lieferanten von Autoblechen, Hutablagen und Kofferraumisolierungen durchsucht. Die Industrie rechnet nun mit weiteren hohen Strafzahlungen, mindestens im dreistelligem Millionenbereich. Allein der deutsche Wälzlagerspezialist Schaeffler hatte unlängst 380 Millionen Euro wegen zu erwartender Bußgelder zurückgestellt. Quelle: gms
Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, dann drohen den Unternehmen neben einem hohen Bußgeld auch Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe. Allein ThyssenKrupp erzielt im europäischen Stahlgeschäft ein Drittel des jährlichen Umsatz von elf Milliarden Euro mit der Automobilindustrie. Die Geschädigten: Die Deutschen Autobauer wie Volkswagen, Mercedes und BMW - die seit Jahrzehnten dem Stahlunternehmen aus Essen die Treue halten, obwohl andere Hersteller zum Teil preiswerter anbieten. Auch Daimler, Ford und General Motors mit seiner deutschen Tochter Opel zählen zu den wichtigsten Kunden. Vertreter von ThyssenKrupp und Voestalpine betonten im Bericht des "Handelsblatt", dass sie intensiv an der Aufklärung der Vorwürfe arbeiteten. Quelle: dpa
Schienen und WeichenDer Stahlriese ThyssenKrupp nannte die an den Absprachen beteiligten Unternehmen auch "Schienenfreunde". Den Schaden hatten die Nahverkehrsbetriebe der Kommunen, die den Stahlunternehmen drei Jahrzehnte lang überteuerte Schienen und Weichen abkauften. Auch die Deutsche Bahn gehörte zu den Opfern. Sie verklagte ThyssenKrupp im Dezember 2012 auf Schadensersatz in Höhe von 550 Millionen Euro. Auch einige Städte bereiten eine Klage gegen ThyssenKrupp vor. Die Preise hatte ThyssenKrupp gemeinsam mit dem österreichischen Konzern Voestalpine und dem Bahntechnikunternehmen Vossloh ausgehandelt. Das Bundeskartellamt erließ gegen den Essener Stahlriesen bereits ein Bußgeld in Höhe von 103 Millionen Euro. Weitere Bußgeldbescheide in Millionenhöhe erhielten die seit 2010 zum Vossloh-Konzern gehörende Firma Stahlberg Roensch und die Voestalpine-Töchter TSTG Schienen Technik und Voestalpine BWG. Quelle: dpa
Arcelor Mittal wusste von den Preisabsprachen auf dem deutschen Schienenmarkt - und schwieg gegenüber den Behörde, wie das Handelsblatt seiner Zeit in Erfahrung brachte. Ab dem Jahr 2009 wurde der Weltmarktführer einer der größten Lieferanten der Bahn. Da Arcelor-Mittal gewusst habe, wie das Kartell ticke, sei es ein Leichtes gewesen, die Preise des Kartells zu unterbieten, hieß es in der Branche, so das Handelsblatt im November 2011. Juristisch war Arcelor-Mittal nicht verpflichtet, Behörden und Bahn über das Kartell zu informieren. Ob der Konzern moralisch richtig handelte, ist eine andere Frage. Quelle: dpa
AufzugskartellDie Städte und die Bahn verklagen ThyssenKrupp auch wegen des Verdachts auf Preisabsprachen bei Aufzügen und Rolltreppen.
Die EU-Kommission hatte schon 2007 wegen des Aufzugskartells eine Geldbuße in Höhe von fast einer Milliarde Euro verhängt. Die betroffenen Unternehmen: der US-Gigant Otis, Schindler AG aus der Schweiz, Kone aus Finnland - und ThyssenKrupp. Die Deutschen übernahmen den Löwenanteil von 480 Millionen Euro. Später korrigierte ein EU-Gericht den Betrag auf 320 Millionen Euro. Quelle: dpa/dpaweb
DrahtkartellSie nannten sich "Club Zürich" oder "Club Europa": Arcelor Mittal, Voestalpine Austria Draht, Emesa und Global Steel Wire legten über zwei Jahrzehnte hinweg Lieferquoten und Preise für Spannstahl fest. Quelle: dpa/dpaweb
Die EU-Kommission ermittelte wegen des Drahtkartells acht Jahre lang und verhängte 2010 eine Geldbuße in Höhe von einer halben Milliarde Euro. Quelle: ZB

Eigentlich war Kremer fein heraus. 2012 wechselte er als Vorstand zur Telekom. Telekom-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner warb Kremer von Essen nach Bonn ab. Zuvor war Kremer bei ThyssenKrupp karrieremäßig übergangen worden. Der Starjurist, solide und vertrauenserweckend im Auftritt, hatte die vielen externen und internen Rechtshändel der Spitzengremien unter Gerhard Cromme und dem damaligen ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz juristisch elegant über die Bühne gebracht, und viele Konzernmanager bei ThyssenKrupp sahen ihn schon als Compliance-Vorstand im Konzern.

Doch dann wurde er offenbar übergangen, der Pressechef Jürgen Claassen wurde Compliance-Chef. Claassen ist kein Jurist und so wunderten sich viele, warum ausgerechnet der Kommunikationsmeister, die Stimme Crommes und das Ohr des verstorbenen Berthold Beitz die Vorstandsposition einnahm, die normalerweise für Rechtskundige reserviert ist. Doch Kremer bekam das Vorstandsangebot woanders. Es kam von der Telekom.

Anfragen von der WirtschaftsWoche beschied Kremer stets negativ. Die Vergangenheit bei ThyssenKrupp interessierte Kremer nach Berichten seines Umfeldes nicht mehr. Innerhalb des Konzerns ThyssenKrupp heißt es noch heute, Kremer fühlte sich von Cromme nicht gerade fair behandelt. Einen Kommentar dazu hat Kremer bisher nicht abgegeben.

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