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Feinkosthersteller Homann Mitarbeiter ergreifen nach Umzugschaos die Flucht

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Braindrain am Heringsstipp

So lange, bis Müller sich offenbart, werden viele Mitarbeiter nicht warten wollen. Die Wirtschaft brummt in der Region. In der Stadt und im Landkreis Osnabrück lag die Arbeitslosenquote im Dezember auf dem Rekordtief von 4,4 Prozent. Zum Vergleich: In Niedersachsen beträgt sie 5,7 Prozent, in ganz Deutschland 5,3 Prozent.

Noch besser für die Homänner und -frauen: In der Gegend sind jede Menge Nahrungsmittelhersteller zu Hause wie etwa Fertigkuchenspezialist Coppenrath & Wiese im kaum 40 Kilometer entfernten Mettingen oder Süßwarenproduzent Storck (Toffifee, Dickmanns, Knoppers). Der ist nur 15 Kilometer weiter in Halle, Westfalen, beheimatet. Seit Sommer haben schon rund 150 Mitarbeiter Homann verlassen. In einzelnen Abteilungen soll der Kündigungsstand zeitweise bei 20 Prozent gelegen haben.

Der Exodus ist gar so groß, dass er den Produktionsablauf beeinträchtigt. Mit befristeten Kräften und Leiharbeitern können die Löcher in Dissen zwar bisher gestopft werden. Am Standort in Bad Essen mit ursprünglich 200 Mitarbeitern sollen laut Insidern die Probleme deutlich größer sein. Damit der Betrieb an den aktuellen Standorten bis zu deren geplanter Schließung Anfang 2020 aufrechterhalten werden kann, zahlt Homann den Beschäftigten eine Bleibeprämie in Höhe eines Monatsgehalts pro Jahr. Ob das hilft? Coppenrath & Wiese etwa will bis 2022 500 zusätzliche Stellen schaffen. 100 davon sind bereits 2017 dazugekommen, rund 30 Mitarbeiter kamen direkt von Homann. Süßwarenriese Storck will seinen Standort Halle ausbauen, 1700 neue Arbeitsplätze sollen auf diese Weise entstehen.

Die größten Lebensmittelhersteller der Welt

Müllers Manager versuchen nun, mit einer Volte Fach- und Führungskräfte zu halten beziehungsweise neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Sie lagern zentrale Unternehmensbereiche wie Marketing und Vertrieb in die attraktivere Wirtschaftsmetropole Düsseldorf aus. Dazu wurde vor wenigen Monaten die Homann Service GmbH gegründet. Laut Handelsregister erbringt die neue Tochter „Dienstleistungen im Bereich Finanzen, IT, Human Resources, Recht, Forschung und Entwicklung, Marketing und Vertrieb sowie Produktion und Technik“. Für den Standort Düsseldorf werden aktuell Key Accounter, Marketingassistenten oder Projektleiter gesucht. In dem Bürokomplex residiert auch eine Firma von Exbrötchenkönig Heiner Kamps. Kamps hatte Homann 2007 übernommen und später in die Unternehmensgruppe von Müller eingebracht. Kamps ist heute Aufsichtsratschef bei Homann.

Auf der Chefetage kommt die Charmeoffensive ohnehin zu spät. Dort haben sich die wichtigsten Protagonisten im Umzugsgewirre längst neue Jobs gesucht. So heuerte Ex-Homann-Chef Norbert Weichele Ende 2016 in der Geschäftsleitung seines ehemaligen Arbeitgebers Zentis an.

Vor allem aber der überraschende Weggang von Volker Fiege, Chief Operating Officer und damit für das Tagesgeschäft zuständig, dürfte geschadet haben: Fiege galt in Dissen als treibende Kraft. Der Manager war in Leppersdorf mal Produktionsleiter bei Sachsenmilch und später für die Leitung des Neubauprojekts verantwortlich. Er wechselte im Oktober in den Vorstand des Backwarenherstellers Lieken. „Fiege war immer für Leppersdorf“, sagt ein ehemaliger Mitstreiter. Ohne ihn werde es „schwer, das Projekt im Zeitplan und mit dem angedachten Automatisierungsgrad zu realisieren“.

Verantwortlich für die Überprüfung des „Projekts Iris“ sind jetzt Homann-Chef Sönke Renk und der neue COO Jürgen Fabian. Wenn sie denn lange genug ausharren. Und der Posse rund um den Umzug nicht ein weiteres Kapitel hinzufügen.

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