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Fleischersatz Jede zehnte Mahlzeit ist bald vegan

Quelle: imago images

Der Verzehr von tierischen Lebensmitteln wird in vier Jahren seinen Höhepunkt erreicht haben. Danach übernehmen Proteine aus Pflanzen und Mikroorganismen die Speisekarten und Essenspläne. Das jedenfalls behauptet eine Studie von Boston Consulting und dem Investor Blue Horizon.

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In Zukunft werden weltweit immer mehr tierische Produkte wie Fleisch, Fisch oder Milch durch alternative Proteine ersetzt. Bis 2035 werde jede zehnte Mahlzeit, Snack oder Getränk aus tierischen Lebensmitteln weltweit aus alternativen Proteinen bestehen.

Demnach könnte der Markt für alternative Fleisch-, Ei-, Milch- und Meeresfrüchteprodukte bis dahin voraussichtlich mindestens umgerechnet rund 244 Milliarden Euro Umsatz erreichen, da Verbraucher zunehmend Alternativen auf Basis von Pflanzen, Mikroorganismen und tierischen Zellen konsumieren.

Derzeit liegen die Umsätze mit Ersatzprodukten zu tierischen Lebensmitteln bei rund 33 Milliarden Euro. Dies geht aus der aktuellen Studie „Food for Thought: The Protein Transformation“ der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) in Zusammenarbeit mit der Blue Horizon Corporation (BHC) hervor.

Mehr als 50 Beteiligungen

Die Beteiligungsfirma BHC aus der Schweiz hat sich auf alternative Proteine spezialisiert. Mit Co-Investoren sucht das Unternehmen gezielt nach entsprechenden Herstellern. Gegründet wurde die Blue-Horizon-Gruppe ebenso wie die Blue-Horizon-Stiftung von Roger Lienhard. Der Schweizer IT-Seriengründer, der sein Geld im Onlinemarketing machte, gilt als veganer Visionär: Er will mit Blue Horizon tierisches Protein aus der Lebensmittelkette verbannen. Seit 2016 hat er mit Blue Horizon rund 650 Millionen Dollar an Kapital eingesammelt und ist in fast 50 Start-ups weltweit investiert. BHC ist  sowohl an den kalifornischen Bulettenfabrikanten Beyond Meat und Impossible Food beteiligt, die schon auf Millionenumsätze kommen, als auch an einer Reihe von spezialisierten Start-ups, die zum Beispiel vegane Saucen für Fastfood-Gerichte, Butterersatz aus dem Kochwasser von Hülsenfrüchten sowie fleischloses Haustierfutter entwickeln.

Man wolle die Tierhaltung nicht vollständig verdrängen, heißt es bei BHC. Aber die Extreme, der Raubbau an der Natur, zum Beispiel die Abholzung von Regenwald zur Produktion von Futtermitteln für die Fleischerzeugung – das müsse aufhören.

Von 13 auf 97 Millionen Tonnen

„Alternative Proteine werden tierischen Proteinen schon bald in Geschmack, Textur und Preis in nichts mehr nachstehen. Wir erwarten, dass dies die Wachstumswelle auslöst, welche den heute noch recht jungen Markt in den Mainstream katapultiert und erhebliche Umweltvorteile mit sich bringt“, sagt Benjamin Morach, BCG-Partner und Co-Autor der Studie. Die Analyse zeige, dass der Markt für alternative Proteine bis 2035 von derzeit 13 Millionen Tonnen auf 97 Millionen Tonnen pro Jahr wachsen werde. Das entspräche in einem Basisszenario etwa elf Prozent des gesamten Proteinmarkts. Schnellere technologische Innovationen und ein vorteilhaftes regulatorisches Umfeld könnten den Marktanteil von alternativen Proteinen bis 2035 sogar auf 22 Prozent ansteigen lassen. Dabei würde der Konsum von Fleisch, Eiern und Milchprodukten in Europa und Nordamerika 2025 seinen Höchststand erreichen und der Verzehr von Proteinen aus tierischer Herkunft anschließend zurückgehen.

Ersatz muss gleichwertig sein

Der Schlüssel für die Akzeptanz der alternativen Proteine liege in der Gleichwertigkeit. Sie müssten ebenso gut schmecken und sich anfühlen wie tierische Lebensmittel, und sollten genauso viel oder sogar weniger kosten. Laut der Studie werde diese Angleichung je nach Technologie und den Produkten, die sie ersetzen sollen, zeitlich variieren. Pflanzliche Alternativen, etwa aus Soja und Erbsen, könnten schon 2023, preislich und geschmacklich konkurrenzfähig sein – wenn nicht sogar früher. Alternative Proteine aus Mikroorganismen wie Pilzen, Hefen und einzelligen Algen bis 2025 und direkt aus tierischen Zellen gewonnenen Alternativen in rund zehn Jahren.



Die Nutzung alternativer Proteine hat einen messbar positiven Effekt auf die Umwelt und unterstützt eine Reihe der „UN Sustainable Development Goals“, die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Allein durch die Umstellung auf Fleisch und Eier auf Pflanzenbasis lassen sich bis 2035 mehr als eine Gigatonne CO2-Äquivalent einsparen – das entspricht in etwa der Menge, die die Volkswirtschaft Japan pro Jahr erzeugt. Zusätzlich würden 39 Milliarden Kubikmeter Wasser eingespart: Genug, um die Stadt London 40 Jahre lang mit Wasser zu versorgen.

Chance für Investoren

„Der Markt für alternative Proteine wächst stark und entwickelt sich sehr dynamisch“, sagt Björn Witte, Managing Partner und CEO von Blue Horizon. Für Investoren böte sich dadurch die einmalige Chance, früh zu agieren und zu wichtigen Playern in der Lebensmittelbranche der Zukunft zu werden. Witte: „Um in der Branche erfolgreich zu sein, müssen sie jedoch ihr technologisches Know-how weiter ausbauen und sicherstellen, dass sie möglichen transformativen Entwicklungen einen Schritt voraus sind.“

Mehr zum Thema: Seit Jahren versuchen Gründer, Lebensmittel aus Insekten an den Markt zu bringen – ohne großen Erfolg. Jetzt naht die weitgehende Freigabe der EU. Wie überzeugt man die Verbraucher vom kräftigen Biss in die Larve? 

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