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Fleischproduzent Tönnies Die Schlachterfehde flammt wieder auf

Exklusiv
Maximilian, Clemens und Robert Tönnies. Nachdem es eigentlich eine Einigung gab, ist nun erneut Streit zwischen den Inhabern des milliardenschweren Fleischriesen Tönnis ausgebrochen. Quelle: picture alliance / Bernd Thissen

Gut zwei Jahre nach Unterzeichnung einer Einigung ist der Streit unter den Inhabern des Fleischriesen Tönnies aus dem ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück wieder im Gange. Das Ende des westfälischen Friedens?

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Auf den ersten Blick scheint die Luft raus zu sein. „Familien-Streit bei Tönnies gelöst“ titelte sogar Anfang der Woche Radio Gütersloh auf seiner Homepage, nachdem Robert Tönnies den Antrag auf eine Einstweilige Verfügung beim Landgericht Bielefeld überraschend wieder zurückgezogen hatte. Doch was sich in der unmittelbaren Nachbarschaft des Regionalsenders hinter den Kulissen des größten deutschen Schweineschlachters abspielt, ist das krasse Gegenteil einer Lösung. Die Fronten zwischen den Kontrahenten sind verhärtet, die gegenseitigen Anschuldigungen und Vorwürfe werden schärfer.

Mehr als fünf Jahre lang schwelte der Streit zwischen Clemens Tönnies, dem 63-jährigen Chef des Fleischkonzerns Tönnies, und seinem 41-jährigen Neffen Robert. Dabei ging es um die Machtverhältnisse in Deutschlands größten Fleisch- und Schlachtkonzern mit mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz. Im April 2017 einigten sich die Kontrahenten dann auf einen Einigungsvertrag. Eine der damals getroffenen Vereinbarungen lautete, dass Onkel und Neffe mit fünf weiteren Managern in einen neu gegründeten Beirat einziehen, der zu wichtigen Entscheidungen, die vertraglich definiert sind, gehört werden soll. Zusätzlich wird seitdem auch die vierköpfige Spitze der Tönnies-Holding paritätisch besetzt. Heute ist Robert Tönnies mit 50 Prozent der gewichtigste Gesellschafter, Schalke-04-Boss Clemens Tönnies gehören 44,31 Prozent, seinem Sohn Max die restlichen 5,69 Prozent. Robert ist der jüngere Sohn des 1994 verstorbenen Unternehmensgründers Bernd Tönnies.

In die Öffentlichkeit drangen die jüngsten Streitereien vergangene Woche. Robert Tönnies wollte die Übernahme von zwei deutschen Werken des schweizerischen Wurstwarenherstellers Bell inklusive der Marke „Zimbo“ verhindern, unter anderem, weil das Unternehmen ein negatives Ebit von neun Millionen Euro aufweise und die Investitionssumme jenseits von zehn Millionen Euro liege. Robert rechnet gar mit einer Summe von insgesamt 15 Millionen Euro. Damit wäre die Übernahme durch den siebenköpfigen Konzernbeirat zweifelsfrei zustimmungspflichtig.

Daher beantragte Robert Tönnies beim Landgericht Bielefeld eine Einstweilige Verfügung. In dem 18-seitigen Antrag argumentieren seine Anwälte, dass die Geschäftsführung „durch plumpe Deklarierung bzw. Splittung von Beträgen den Investitionswert künstlich unter die Grenze von 10 Millionen Euro gedrückt“ hätten. Mittels „simpler Tricksereien“ sei versucht worden, die tatsächliche Transaktionsgröße zu verschleiern. Zusätzlich sei versucht worden mit „nachträglichen, händischen Änderungen sowie gezielten Fehlinformationen den Vertragsbruch zu perpetuieren“. Ein Sprecher von Clemens Tönnies weist diese Vorwürfe zurück. Der Kauf samt der Bedingungen sei einstimmig in der vierköpfigen Geschäftsführung goutiert worden.

Robert hatte daraufhin das Thema Zimbo laut eigenen Angaben auf die Tagesordnung einer Beiratssitzung am 1. Juli setzen lassen, dann aber nicht an der Sitzung teilgenommen. Das ruft seine Kritiker auf den Plan: „Warum forciert er das Thema und erscheint dann nicht. Stattdessen stellt er einen Antrag auf Einstweilige Verfügung und behauptet, er werde nicht informiert,“ berichtet ein Kenner der Vorgänge. Die Clemens-Fraktion bekommt Rückendeckung vom Chef des Beirats: „Als Beiratsvorsitzender bin ich sehr verwundert über die gerichtlichen Aktivitäten von Robert Tönnies“, erklärte Reinhold Festge, Unternehmer und ehemaliger Präsident des Maschinenbau-Verbandes VDMA. Aus seiner Sicht sei die Mehrheit der Beiratsmitglieder grundsätzlich davon überzeugt, dass eine Genehmigung durch den Beirat aufgrund der klaren Regelungen des Einigungsvertrags zwischen Clemens und Robert Tönnies nicht erforderlich ist.

Auch das Lager um Robert Tönnies zeigt sich verwundert, allerdings über die Aussagen des Beiratschefs. Das Vorgehen sei mit ihm abgesprochen gewesen, heißt es dort. Auch die Begründung, warum Robert Tönnies nicht an der Sitzung teilgenommen habe, sei zwischen beiden diskutiert worden. Ein anderes Mitglied des Beirats habe sogar im Rahmen der Sitzung unmissverständlich erklärt, dass er bei Zimbo und einem weiteren Geschäft auf einen Investitionsbetrag von über 10 Millionen Euro komme. Damit sei das Geschäft zustimmungspflichtig. Selbst Beiratschef Festge soll im Verlauf der Sitzung angedeutet haben, dass die Argumentation der Geschäftsführung rund um die Höhe des Kaufpreises angreifbar sei. So jedenfalls lauten entsprechende Passagen im Antrag der Einstweiligen Verfügung.

Diese haben die Anwälte von Robert Tönnies mittlerweile wieder zurückgezogen, weil der Beirat nun doch für den 1. August eine außerordentliche Beiratssitzung einberufen hat. „Das eigentliche Ziel, den Beirat in die Entscheidung über den Firmenkauf einzubeziehen, ist damit erreicht“, erklärte ein Sprecher von Robert Tönnies. In der Beiratssitzung soll nun eine vorsorgliche Genehmigung des Zimbo-Erwerbes behandelt werden, teilte der Beirat mit. Damit soll ein unnötiger Rechtsstreit verhindert werden.

Das kann nicht schaden, denn es tun sich ohnehin weitere Fronten auf. Und da beide Seiten immer wieder auf den Einigungsvertrag verweisen und die Klauseln und Formulierungen darin jeweils im eigenen Sinne auslegen, dürften weitere gerichtliche Auseinandersetzungen programmiert sein. Unter anderem hat Robert Tönnies am 14.06. den von ihm in die Geschäftsführung berufenen Andres Ruff wegen der Querelen um den Firmenkauf abberufen. Robert wirft ihm mehrere Pflichtverletzungen vor. Offenbar wird die Abberufung im Konzern jedoch nicht akzeptiert. Robert hingegen pocht auf die entsprechenden Klauseln im Einigungsvertrag, die ihm ein „einseitiges, jederzeitiges Recht“ einräumen, von ihm benannte Geschäftsführer zu bestellen oder abzuberufen.

Ärger hat Robert auch mit seinem weiteren, von ihm benannten Geschäftsführer Stefan Gros. Dieser wurde von Robert Tönnies am 17. Juni abgemahnt, weil er ihn falsch und verspätet über den Zimbo-Kauf informiert habe. Das Robert sich mit den von ihm bestellten Geschäftsführern überworfen habe, ist für die Gegenseite ein Indiz dafür, dass er eine andere Meinung als seine eigene nicht akzeptieren könne.

Gerungen wird zudem über eine Entnahme einer Summe in Höhe von 20 Millionen Euro. Robert will damit unter anderem seine Schulden bei seinem älteren Bruder Clemens junior begleichen, dem er vor einigen Jahren dessen Firmenanteile abgekauft hatte. Laut Klauseln im Einigungsvertrag sei die Entnahme unstrittig, heißt es in seinem Umfeld, und seit dem 30.06. fällig, bislang aber nicht ausgezahlt worden.

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