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Flowtex-Skandal „Betrugsfälle wie Flowtex wird es auch in Zukunft geben“

Quelle: dpa

Im Februar 2000 flogen die Luftbuchungen und Milliardengaunereien beim Spezialbohrmaschinen-Konzern Flowtex auf. Einer der größten Wirtschaftskrimis der deutschen Geschichte begann – und beschäftigt Insolvenzverwalter Eberhard Braun bis heute. Was sind seine Lehren aus dem Fall?

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Herr Braun, vor 19 Jahren flog der Flowtex-Skandal, einer der größten Betrugsfälle in der deutschen Nachkriegsgeschichte, auf. Sie wurden damals als Insolvenzverwalter von Flowtex eingesetzt. Wie weit sind Sie mit der Abwicklung und Aufarbeitung des Falls?
Das Flowtex-Insolvenzverfahren ist im Prinzip abgeschlossen. Die Vermögenswerte haben wir schon vor geraumer Zeit gesichert und veräußert. Die insolvenzrechtlichen Ansprüche wurden geltend gemacht und das Geld großteils an die Gläubiger ausgeschüttet. 

Trotzdem läuft das Verfahren noch. Warum? 
Nach all den Jahren haben sich natürlich einige Gläubigerdaten geändert, Anschriften stimmen nicht mehr, Kontoverbindungen sind veraltet, Firmen existieren nicht mehr. Wir aktualisieren derzeit diese Daten, um auch wirklich allen Gläubigern ihre ausstehenden Zahlungen zukommen zu lassen. Danach kann das Verfahren offiziell aufgehoben und damit beendet werden.

Wie viel Geld konnten sie insgesamt an die Flowtex-Gläubiger verteilen? 
Ausgezahlt haben wir insgesamt 63 Millionen Euro, das entspricht einer Quotenzahlung an die ungesicherten Gläubiger von 5,2 Prozent. Hinzu kamen Millionenbeträge aus sogenannten Sonderverfolgungssachverhalten. Dazu zählen etwa Vergleichszahlungen von Wirtschaftsprüfern und Banken, oder auch Vermögenswerte, die wir bei den Flowtex-Gründern Manfred Schmider und Klaus Kleiser sichern konnten. Insgesamt kommen wir damit auf etwa 240 Millionen Euro, die an die 396 Gläubiger geflossen sind. 

Zur Person

Damit bleiben Banken, Leasingfirmen und Kleingläubiger trotz allem auf einem Milliardenschaden sitzen. Wie konnte es zu einem Betrugsfall solchen Ausmaßes kommen? 
Im Grunde wurde ein ernsthaftes Geschäftsmodell für ein Schneeballsystem missbraucht. Das Unternehmen war dabei Mittel zum Zweck. Die beiden Gründer hatten in den USA ein Patent für ein Bohrsystem erworben, mit dem sich Kabel und Rohrleitungen unter Straßen verlegen lassen, ohne diese aufreißen zu müssen. Die dafür von Flowtex entwickelten Horizontalbohrmaschinen sind teilweise heute noch in Betrieb.

Worin lag dann der Betrug?
Es wurde so getan, als gebe es einen Massenmarkt für diese Bohrsysteme. Schmider und Kleiser gelang es so, im großen Stil Spezialbohrgeräte zu verkaufen, von denen die meisten allerdings nur auf dem Papier existierten. Käufer waren Leasing-Firmen. Als Leasingnehmer trat ein anderes Unternehmen der Flowtex-Gruppe auf. Die fälligen Leasingraten finanzierte Flowtex mit den Einnahmen aus dem Verkauf von immer mehr nicht vorhandenen Maschinen. 

Was war Ihre erste Amtshandlung als Sie erfahren haben, dass Sie bei Flowtex Insolvenzverwalter werden?
Die beiden Gründer saßen bereits in Untersuchungshaft als die Sparkasse Bremen als eine der finanzierenden Banken den Insolvenzantrag stellte. Ich bin trotzdem völlig unvoreingenommen zur Firma gefahren und davon ausgegangen, dass wir vor Ort die klassischen Werkzeuge des Insolvenzrechts nutzen können, um den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren. Doch schon am ersten Tag war klar, dass es bei Flowtex etwas anders laufen würde.

Woran haben Sie das festgemacht?
Das Frappierende war, dass sämtliche Mitarbeiter, mit denen man dort sprach, ihre eigene Rolle so darstellten, als befänden sie schon länger auf dem Rückzug und hätten mit Flowtex im Grunde gar nichts mehr zu tun. Normalerweise haben die Leute Angst um ihren Arbeitsplatz, wenn ein Insolvenzverwalter ins Unternehmen kommt. Sie fragen, was aus ihrem Urlaubsanspruch wird. Bei Flowtex wollten alle nur weg. Die haben uns keine vernünftigen Antworten gegeben. Die meisten Mitarbeiter wussten wahrscheinlich auch gar nicht im Detail, wie und in welchem Ausmaß betrogen wurde. Aber dass es im Unternehmen nicht korrekt lief, war vielen klar. Das erschwerte natürlich auch die Aufklärungsarbeit.

Flowtex - „Ein Schneeballsystem par excellence“

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Wir haben schlicht und einfach damit angefangen, die Maschinen zu zählen und zu inventarisieren.

Was kam dabei heraus?
Wir haben 270 Bohrsysteme gefunden, die von Flowtex produziert worden waren. Über diese Anlagen waren allerdings 3400 Leasingverträge abgeschlossen worden. Das war ein Schneeballsystem par excellence, aber es war interessanterweise kein Betrug, der von Anfang so geplant worden war.

Sondern?
Der spätere Strafprozess hat gezeigt, dass die Unternehmenschefs Schmider und Kleiser nach und nach ein immer größeres Rad gedreht haben. Sie sind am Anfang völlig normal gestartet und dann ist ihr Unternehmen nicht so schnell in die Gänge gekommen, wie sie sich das offenbar vorgestellt hatten. Das Geld wurde knapp und um diese Liquiditätsprobleme zu lösen, haben sie begonnen, Leasingverträge bereits einzubuchen, bevor die finalen Unterschriften der Geschäftspartner vorlagen. Einige Deals kamen nicht zustande, blieben aber eingebucht. So hat sich das nach und nach hochgeschaukelt. Dann wurde es irgendwann zu einer Art Geschäftsmodell, das sich im Grunde auch nicht mehr stoppen ließ.

Warum? Schmider und Kleiser hätten das System doch jederzeit beenden können.
Die Verkäufe haben zunächst zwar neues Geld eingespielt, gleichzeitig musste aber immer mehr für die Leasingverträge bezahlt werden. Die Finanzierungslast wurde dadurch immer größer, weshalb immer neue Verträge abgeschlossen wurden. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, sind die Flowtexmanager schließlich auf die Idee gekommen, eine Anleihe aufzulegen. Hätte das geklappt, wäre wohl ein dreistelliger Millionenbetrag ins Unternehmen geflossen. Das hätte Flowtex Luft verschafft, am Ende wäre der Schaden aber womöglich noch größer geworden. Nur kurze Zeit vor der Emission der Anleihe wurden Schmider und Kleiser verhaftet.

In der Folge wurde auch der aufwendige Lebensstil der Flowtex-Gründer bekannt. Sie leisteten sich Yachten, Villen, Gemälde und Privatjets. Wurde so das Geld aus der Firma gezogen?
Die privaten Ausgaben haben sicherlich nicht dazu beigetragen, die wirtschaftliche Lage von Flowtex zu verbessern. Man muss aber zwischen den Personen an der Spitze unterscheiden. Der Strafprozess hat gezeigt, dass die beiden Chefs sehr unterschiedlich agierten. Kleiser verbrachte seine Freizeit gerne in einer kleinen Blockhütte im Wald. Schmider pflegte dagegen durchaus kostspielige Interessen.

Kleiser und Schmider mussten auch Privatinsolvenz anmelden. Laufen diese Verfahren noch?
Anders als bei klassischen Verbraucherinsolvenzverfahren gibt es bei Insolvenzen, die mit Straftaten in Verbindung stehen, keine Möglichkeit der Restschuldbefreiung. Daher laufen die Verfahren noch und werden auch noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Das hängt insbesondere mit Vermögenstransfers in die Schweiz und deren komplexer rechtlicher Aufarbeitung zusammen. Vor allem geht es dabei um den Verkaufserlös eines Hauses in St. Moritz, den wir für die Insolvenzmasse beanspruchen.

Was kann man aus dem Flowtex-Fall lernen? 
Flowtex zeigt, dass man seinen gesunden Menschenverstand nicht ausschalten sollte, wenn jemand von märchenhaften Renditen und Geschäftsaussichten schwärmt. Wäre der Wille vorhanden gewesen, das Geschäftsmodell von Flowtex wirklich zu durchdringen, hätten auch Außenstehende schnell bemerkt, dass die Zahlen nicht plausibel und das Marktvolumen nicht realistisch waren. Erst recht hätten das die Wirtschaftsprüfer bemerken müssen. 

Lassen sich solche Betrügereien verhindern?
Schneeballsysteme sind letztlich dem freien Wirtschaftssystem inhärent. Solange der Mensch nicht ausschließlich gut ist, wird es auch immer Betrügereien geben. Das wird man am Ende auch nicht verhindern können. Fliegt ein Fall auf, werden zwar oft die Kontrollen verschärft. Das Problem ist, dass das Wissen um solche Fehler generationsgebunden ist. Betrugsfälle wie Flowtex wird es damit auch in Zukunft geben. Nehmen sie den Containeranbieter P&R, der im vergangen Jahr Insolvenz angemeldet hat und inzwischen als einer der größten Anlegerskandale Deutschlands gilt. Der Fall weist einige Parallelen zu Flowtex auf. Gleichzeitig muss man natürlich sehen, dass nur ein kleiner Teil aller Insolvenzen einen kriminellen Hintergrund hat. In der Regel scheitern Unternehmen schlicht, weil ihr Geschäftsmodell nicht mehr trägt, die Verschuldung zu hoch ist oder Aufträge wegbrechen. 

Davon war in den vergangenen Jahren wenig zu spüren. Die Insolvenzzahlen gingen spürbar zurück. 
Das ändert sich gerade. Insbesondere für Unternehmen aus Branchen, die ohnehin kämpfen müssen, könnte es 2019 eng werden. Das trifft Bäckereien ebenso wie Textilhändler und Warenhausbetreiber. Kritisch ist die Lage auch im Automotivebereich. Viele Hersteller von Komponenten, die im Elektroauto nicht benötigt werden, könnten mittelfristig erhebliche Probleme bekommen. 

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