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Fresenius „Wir sind vorsätzlich getäuscht und betrogen worden“

Fresenius-Chef Stephan Sturm zur geplatzten Akorn-Übernahme Quelle: imago

Fresenius hat sich offenbar mit der Übernahme von Akorn verhoben. Akorn soll Zulassungsdaten manipuliert haben, Fresenius trat darauf vom Kauf des US-Unternehmens zurück, nun klagt wiederum Akorn. Das Urteil soll in 90 Tagen fallen. Fresenius-Chef Stephan Sturm äußert sich im Interview zu den Vorwürfen und zum Stand des Verfahrens.

Am 23. August findet im Delaware Chancery Court die finale Anhörung Akorn gegen Fresenius statt. Werden Sie vor Ort sein? Sagen Sie dort aus?
Ja, selbstverständlich werde ich im Gerichtssaal sein. Ich war auch schon während der Prozess-Woche Mitte Juli da und habe meine Aussage gemacht. Jetzt werden die Anwälte beider Parteien die abschließenden Plädoyers halten. Wir haben unsere Argumente bereits vorgebracht und wollen sie jetzt noch einmal bekräftigen. Davor und danach möchte ich mich mit unseren Anwälten abstimmen.

Bei Akorn gab es bereits vor Jahren Bilanzfälschung; der Ruf des Gründers war zweifelhaft. Haben Sie die Warnhinweise unterschätzt?
Ganz im Gegenteil. Wir haben Akorn so tiefgreifend geprüft wie es rechtlich ging. Es war die intensivste Due Diligence, die ich bei Fresenius mitgemacht habe, und ich habe hier seit meinem Einstieg im Jahr 2005 schon einige große Übernahmen begleitet. Für alles, was wir vor Vertragsschluss nicht auf Herz und Nieren prüfen durften, haben wir uns von Akorn Zusicherungen geben lassen. Wie sich dann später herausgestellt hat, waren wesentliche Zusicherungen falsch. Deshalb haben wir die Übernahmevereinbarung gekündigt.

Kurz nach der Vertragsunterzeichnung haben Sie sich sehr positiv über Akorn, seine Manager und Mitarbeiter sowie über das Übernahmeverfahren geäußert. Die Äußerungen haben auch Eingang in die Klageschrift der Akorn-Anwälte gefunden. War das voreilig? Bereuen Sie Ihre Aussagen im Nachhinein?
Wir verfolgen das strategische Ziel, unser Produktangebot in Nordamerika zu verbreitern – das ist nach wie vor richtig. Aus damaliger Sicht hätte uns Akorn auf diesem Weg ein großes Stück voran gebracht. Und natürlich hatten wir uns damals gefreut – es bestand auch gar kein Grund, nicht optimistisch zu sein. Grund zu Optimismus gibt es im Übrigen auch jetzt, denn man darf das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren: Alle Unternehmensbereiche von Fresenius wachsen kontinuierlich aus eigener Kraft.

Ende 2017 erhielt Fresenius anonyme Hinweise zu Akorn, nach meiner Kenntnis am 5. Oktober sowie am 2. November. Darin ging es um die Manipulation von Zulassungsdaten für künftige Akorn-Produkte. Sie selbst sprachen von einer „vielversprechenden Pipeline an neuen Medikamenten, die in den nächsten Jahren auf den Markt kommen werden“. Warum? Wie passt das zusammen? Wenn Daten sich als gefälscht erweisen, bekommen Sie auch die entsprechenden Zulassungen nicht, zumindest nicht so schnell.
Anonyme Hinweise sind nichts Ungewöhnliches, gerade bei Übernahmen nicht. Häufig stellt sich heraus, dass da nichts dran ist. Aber natürlich gehen wir solchen Vorwürfen nach – auch bei Akorn. So lange wir keine Belege hatten, dass die Vorwürfe berechtigt sind, standen wir zu Akorn und den Möglichkeiten, die wir in der Übernahme gesehen hatten. Bei uns zählen nicht Vermutungen, sondern die Fakten.

Bis zur Bilanz-Pressekonferenz im Februar vermittelten Sie noch den Eindruck, den Akorn-Deal trotz aller Probleme durchziehen zu wollen. Was hat Sie so kurzfristig zum Umdenken gebracht?
Schon Wochen vor unserer Bilanzpressekonferenz hatten wir von Akorn Informationen verlangt, um die erhobenen Vorwürfe prüfen zu können – und zwar ergebnisoffen und unabhängig. Über unbewiesene anonyme Anschuldigungen zu berichten hätte zweifellos für erhebliche Verunsicherung gesorgt und sich möglicherweise als irreführend herausgestellt. Die Untersuchung hätte ja durchaus ergeben können, dass die Vorwürfe unbegründet sind. Als sich abzeichnete, dass unsere Untersuchung wohl länger dauern würde als die Kartellfreigabe – mit entsprechenden Auswirkungen auf den Vollzug der Übernahme – haben wir die Anleger darüber informiert.

Wie sehen Sie die Erfolgschancen der Akorn-Klage?
Wir spekulieren nicht, und wir greifen dem Gericht nicht vor. Wir haben starke Argumente vorgebracht. Und wir sind davon überzeugt, mit der Kündigung das einzig Richtige getan zu haben.
Laut aktuellem Quartalsbericht könnte ein negativer Ausgang für Fresenius zu „erheblichen Belastungen des Ansehens und der finanziellen Situation von Fresenius führen“. Wie setzt sich der finanzielle Schaden zusammen? In welcher Höhe ist ein möglicher finanzieller Schaden zu erwarten?
Wir machen jetzt nicht den zweiten Schritt vor dem ersten. Unsere Konzentration gilt zunächst dem Gerichtsverfahren. Wenn es da eine Entscheidung gibt, sehen wir weiter. Klar ist jedenfalls, dass es eines erheblichen Aufwands bedürfte, um bei Akorn aufzuräumen und die Strukturen und Abläufe dort auf unser hohes Qualitätsniveau zu heben. Das wäre nichts, was über Nacht zu bewerkstelligen wäre.

Sehen Sie auch Ihre eigene Reputation gefährdet? Dies legen ja auch Äußerungen von Analysten nahe. Wenn ich das richtig sehe, war Akorn – neben den Merck-Biosimilars - Ihr erster eigener Deal als CEO. Die Übernahme von Quironsalud haben Sie verkündet, doch nach meiner Kenntnis wurde diese noch unter der Ägide Ihres Vorgängers, Herrn Schneider, in Angriff genommen. 
Aus meinen zahlreichen Gesprächen mit Analysten und Investoren habe ich den Eindruck gewonnen, dass unsere Motive für die beabsichtigte Übernahme genauso geteilt wurden wie die für unsere Absage. Wir sind vorsätzlich getäuscht und betrogen worden. Es ist unter den gegebenen Umständen die einzig logische Konsequenz, von dem Kauf zurück zu treten. Hier handle ich in der Verantwortung gegenüber unseren Aktionären, Mitarbeitern und vor allem auch der Patienten, die auf unser Qualitätsversprechen vertrauen.
Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Auch wenn ich als Vorstandsvorsitzender besondere Verantwortung trage, sind Übernahmen bei Fresenius seit jeher Teamarbeit. Das war schon bei den Rhön-Kliniken so, wo wir im zweiten Anlauf letztlich erfolgreich zum Zug gekommen sind. Das galt für die Quirónsalud-Übernahme. Die hat mein Kollege Francesco De Meo aufgesetzt und dann mit mir gemeinsam unter Dach und Fach gebracht. Und das war bei Akorn und den Biosimilars mit meinen Kollegen von Fresenius Kabi ganz genauso der Fall. Mit der Entwicklung von Quirónsalud und unserer Biosimilars sind wir übrigens sehr zufrieden.

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