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Freytags-Frage

Gibt es doch Interesse an einer sauberen FIFA?

Der Weltfußballverband wird von einem Korruptionsskandal erschüttert. Dieses Mal könnten sich etwas bei der FIFA ändern. Denn einige der Akteure, die bisher kein Interesse an Besserung hatten, scheinen langsam nervös zu werden.

Fifa Skandal Quelle: dpa

Bei dem Weltfußballverband geht es drunter und drüber. Unmittelbar vor Beginn des Weltkongress der FIFA, auf dem auch die Präsidentenwahl stattfinden wird, hat die Schweizer Polizei einige namhafte bzw. notorisch bekannte Funktionäre verhaftet und Ermittlungen wegen Korruptionsvorwürfen gegen die FIFA eingeleitet. Dahinter stehen offenbar vor allem die Vereinigten Staaten, deren Regierung im Zusammenhang mit der Vergabe der Copa America 2016 in den Vereinigten Staaten Ermittlungen einfordert.

Gewohnt kaltblütig begegnet der FIFA-Präsident Sepp Blatter der Lage. Da er nicht betroffen ist, so kann man die Aussagen aus der FIFA-Chefetage verstehen, wird es keine Änderung des Zeitplanes für den heutigen Freitag geben. Die Wiederwahl des Herrschers über den Fußball soll wohl nicht gestört werden.

Es ist in der Tat erstaunlich: Seit der Kolumnist sich für Sport interessiert (also den frühen 1970er Jahre), ist Sepp Blatter eine zentrale Figur. Obwohl es im Weltfußball eine Reihe von Korruptionsskandalen und anderer Verfehlungen gab, ist es niemandem gelungen, die Strukturen in der FIFA nennenswert zu ändern.

Interpol schreibt FIFA-Bosse zur Fahndung aus
In Zürich haben Schweizer Behörden am 27. Mai 2015 eine Razzia gegen hohe Fifa-Funktionäre durchgeführt. Am frühen Morgen wurden im Auftrag der US-Justiz neun Fußballbosse festgenommen. Das bestätigte das Schweizer Bundesamt für Justiz. Das gelang, weil alle Personen zum großen Kongress des Weltfußballverbandes nach Zürich gereist waren. Quelle: AP
Die Verdächtigen wurden in Auslieferungshaft genommen. Ihnen droht die Abschiebung in die USA. Den Personen wird von amerikanischen Ermittlern Betrug, Erpressung und Geldwäsche vorgeworfen. Laut Schweizer Behörden geht es um Bestechungszahlungen von über 100 Millionen Dollar. Dies sind die Verdächtigen. Quelle: Reuters
Jeffrey WebbIn Auslieferungshaft: Webb ist seit 2012 CONCACAF-Präsident und Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. Inzwischen zählt er als Fifa-Vizepräsident zu den Stellvertretern von Joseph Blatter. Seine Verhaftung kam überraschend, hatte er sich innerhalb der Fifa doch für ein striktes Vorgehen gegen Korruption und Missmanagement stark gemacht. Zudem hatte er sich für die Veröffentlichung des Garcia-Berichts ausgesprochen. Quelle: dpa
Eugenio Figueredo Quelle: dpa
José Maria Marin Quelle: dpa
Rafael Esquivel Quelle: dpa
Julio Rocha Quelle: Reuters

Warum ist das so?

Die erste Antwort dürfte eng mit der Kommerzialisierung des Sports zusammenhängen. Es geht nicht mehr um erster Linie um den Spaß und den sportlichen Wettbewerb – Fußball ist ein extrem umsatzstarkes und ertragreiches Business geworden. Die jährlichen Budgets der größten Vereine bzw. deren gewerblicher Träger liegen im mittleren dreistelligen Millionenbereich (in Euro, wohlgemerkt), und die Ablösesummen für Top-Spieler oder solche, die man in Madrid dafür hält, sind auf über 100 Millionen Euro gestiegen.

Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass dieses Geschäftsmodell eine professionelle Verwaltung mit gutbezahlten und kompetenten Funktionären voraussetzt. Das Ehrenamt des Sportfunktionärs – ob auf Vereins- oder Verbandsebene – findet man nur noch in der Provinz und auf Landes- oder Bezirksebene, also im Amateurbereich. Viele Vereine und Verbände sind professionell und erfolgreich gemanagt, man denke nur an Bayern München oder Werder Bremen, um nur zwei zu nennen.

Es leuchtet aber auch ein, dass die enormen Summen, die der Fußball generiert, auch weniger professionelle, dafür aber eher kriminelle Akteure anzieht – dies scheint bei der FIFA regelmäßig der Fall zu sein. Einige der in dieser Weise Verhafteten haben eine Reputation als durch und durch korrupt vorzuweisen. Dieses Mal geht es um Bestechungen bei der Vergabe der beiden Weltmeisterschaften. Man darf gespannt sein, was die Untersuchungen zutage fördern werden.

Das reicht aber noch nicht aus. Es gibt sehr viele Sektoren, in denen die Umsätze hoch und die potentielle Gewinne groß sind, ohne dass diese Sektoren von Korruption durchdrungen oder gar zerfressen zu sein scheinen.

Möglicherweise liegt die Erklärung in der enormen Bedeutung, die der Fußball in der Öffentlichkeit heutzutage genießt. Er beherrscht die Medien, sogar bisweilen das Feuilleton, er bestimmt die Seminarpläne an Universitäten, er diktiert die Gespräche auf privaten Feiern. Es scheint bisweilen so, dass Fußball Opium der Massen geworden ist – Brot und Spiele! Das würde erklären, warum die Öffentlichkeit zwar die Korruption beklagt, ihr Nachfrageverhalten aber nicht ändert. Zu wichtig ist die WM, sind die Bundesligaspiele!

Aus der Sicht der Politik

Aus Sicht der Politik könnte diese öffentliche Bedeutung des Fußballs hochwillkommen sein. Denn wenn es gelingt, dass es eine schlechte Geldpolitik in der Öffentlichkeit unkommentiert bleibt und sich alle Welt auf die schwache Form der Bayern oder die Krise beim BVB konzentriert, müssten die Regierungen weniger Kritik und Widerstand gegen politische Fehler fürchten. Es war bestimmt kein Zufall, dass z.B. während der Fußball-Europameisterschaft 2012 wichtige Entscheidungen auf dem Euro-Gipfel (und zwar genau während eines deutschen Spiels) getroffen wurden.

Die Fakten zum FIFA-Skandal

Vor diesem Hintergrund ist es auch nachvollziehbar, dass die FIFA – insbesondere in Lateinamerika und Europa, wo der Fußball besonders wichtig ist – jahrelang unbehelligt von Strafverfolgungsbehörden ihren offenbar korrupten Geschäften nachgehen konnte. Man stelle sich vor, ein wichtiger Manager aus der Industrie hätte einen ähnlich zweifelhaften Ruf wie die Führungsriege der FIFA: Hätten sich die Regierungschefs aus der ganzen Welt mit ihnen so oft ablichten lassen? Die Politik hatte dieser Interpretation zufolge nur wenig Neigung, den Leuten ihr liebstes Hobby durch allzu genaue Untersuchungen der Korruptionsvorwürfe zu verderben.

Auch die Sponsoren haben offenbar zu wenig Interesse an einer sauberen Sportorganisation gezeigt. Solange die Leute zum Fußball gehen und sich der Werbung aussetzen und solange die FIFA lukrative Exklusivverträge mit den Hauptsponsoren schließt, spielt das Verhalten der Funktionäre dem Anschein nach nur eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt.

In Arbeit
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Dieses bequeme Gleichgewicht ist nun ernsthaft gestört worden. Die US-Initiative gegen die Korruption im Sport sorgt für Aufsehen – die Verbände reagieren bereits mit der Forderung nach einer Verschiebung der Wahl, allen voran der britische Fußballverband. Man kann in der Tat nur hoffen, dass die Vorgänge in dieser Woche zu drastischen Veränderungen im Weltfußball führen. Es kann nicht sein, dass eine korrupte Dachorganisation leichtfertig Turniere an Diktaturen vergibt, in denen die Arbeiter aus Entwicklungsländern misshandelt werden, oder dass diese Dachorganisation sich Kritiker dadurch vom Leibe hält, dass sie Berufsverbote für diese ausspricht. Politik und Wirtschaft in Europa sollten sich der Initiative der USA ohne Abschwächung anschließen.

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