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Gefälschte Medikamente Apotheken im Visier der Pillen-Mafia

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Die Zahl von Fälschungen nimmt zu

Die zunehmende Zahl von Fälschungen – in Apotheken und ebenso bei dubiosen Versandhändlern im Internet – hat inzwischen auch die Politik wachgerüttelt.

Bei der Justizministerkonferenz der Länder am 6. November will die Hamburger Justizsenatorin Jana Schiedek (SPD) eine Bundesratsinitiative gegen Produktpiraterie vorstellen, bei der gefälschte Arzneimittel im Mittelpunkt stehen. „Wir müssen die abschreckende Wirkung des Strafrechts erhöhen und die Ermittlungsmöglichkeiten der Staatsanwaltschaften verbessern“, fordert Schiedek. So sollen Fahnder auch bei Arzneimittelfälschern die Möglichkeit bekommen, Telefone anzuzapfen.

Arzneihersteller in Aufruhr

Die gefälschten Arzneien in Apotheken haben die Hersteller in helle Aufregung versetzt. Global ist keine der Branchengrößen vor den Fakes gefeit. „An einer gefälschten Handtasche ist noch niemand gestorben, an gefälschten Medikamenten jedoch schon“, wettert Karl-Ludwig Kley, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck. Produkte des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns wurden ebenso gefälscht wie Mittel von Bayer, Boehringer Ingelheim oder Pfizer.

Spricht sich herum, dass Patienten oder Ärzte bei einem Präparat nicht sicher sein können, dass es echt ist, drohen den Unternehmen Imageschäden und Umsatzverluste. „Ich habe schon Anrufe von Ärzten und Apothekern bekommen, die nach Bekanntwerden der Fälle lieber auf Präparate anderer Hersteller ausweichen wollten“, sagt der Chef eines großen Pharmaunternehmens.

Zwar gaben die Behörden kürzlich eine teilweise Entwarnung. Nach den Arzneimitteldiebstählen in italienischen Kliniken im Frühjahr seien Medikamente, die nach dem 1. Juli nach Deutschland exportiert wurden, vor Fälschungen sicher, erklärte die italienische Arzneimittelbehörde AIFA kürzlich.

Zahl der beschlagnahmten Tabletten und Ampullen am Frankfurter Flughafen

Mafia und osteuropäische Banden

Doch beruhigend klingt das nicht. Für viele Krebsmittel, die an die Krankenhäuser der Apennin-Halbinsel geliefert wurden, empfiehlt die AIFA weiterhin die „Abklärung der Legalität“. Und das Paul-Ehrlich-Institut in Langen bei Frankfurt rät, Ärzte, Apotheker und Patienten sollten weiterhin auf mögliche Manipulationen, etwa an der Verpackung, achten.

Für Fahnder ist klar, dass die Mafia und osteuropäische Banden den Handel mit gefälschten Arzneimitteln für sich entdeckt haben. Denn die Profite, die sich daraus schlagen lassen, sind gigantisch. „Die Gewinnspannen im Handel mit illegalen Arzneimitteln liegen häufig bei mehreren Hundert bis über Tausend Prozent. Sie sind ein lukratives Geschäft, das die Gewinne aus der Rauschgiftkriminalität bei Weitem übertrifft“, sagt Norbert Drude, der Präsident des Zollkriminalamtes in Köln.

Anteil der Medikamenten-Fälschungen am Gesamtmarkt nach Regionen, Zahl der Medikamenten-Diebstähle in italienischen Krankenhäusern

Feld für das organisierte Verbrechen

„Medikamente sind leicht, sauber, gut zu transportieren und bringen eine Menge Geld“, sagt Michele Riccardi, Projektmanager bei Transcrime, einem Institut für Kriminalitätsforschung in Mailand. So kostet eine Packung mit 150 Milligramm des Brustkrebsmittels Herceptin von Roche, das in Italien gestohlen wurde und in deutschen Apotheken auftauchte, hierzulande rund 850 Euro.

Die Wirkung des verschobenen Mittels ist beeinträchtigt, weil die Hehler kaum die erforderliche Temperatur beim Transport von minus 20 Grad eingehalten haben dürften.

Dass gefälschte Arzneimittel mit dem Bestimmungsort Apotheke zum Feld für das organisierte Verbrechen geworden sind, schließen Ermittler aus Erkenntnissen über diese und andere unsaubere Importe aus Italien. Die haben eine gewaltige Dimension und liefern tiefe Einblicke in die Methoden der Verbrecher.

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