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Gewinnwarnungen Die Krise erreicht deutsche Konzerne

Mehrere deutsche Konzerne mussten ihre Ertragsprognosen nach unten korrigieren. Auch in den USA ist nach einigen Gewinnwarnungen die Sorge groß. Die jüngsten Symptome wecken böse Erinnerungen.

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Ein Siemens-Mitarbeiter arbeitet im Görlitzer Turbinenwerk an einem Rotor. Auch der deutsche Großkonzern bleibt von der Krise nicht verschont. Quelle: dpa

Düsseldorf Fast schien es, als ob Deutschland unverwundbar wäre, ein Bollwerk, seltsam entkoppelt vom Rest der Welt. Während in Europa ein Staat nach dem anderen in die Rezession rutschte, trotzten deutsche Konzerne dem Abschwung, auch weil sie ihre Erträge fernab der Krisenländer erwirtschaften. Doch mit dieser Herrlichkeit ist es vorbei.

Zuletzt kam Salzgitter mit einer Gewinnwarnung. Der Unternehmensbereich Stahl werde das laufende Jahr wohl mit Verlust abschließen. Grund ist die Schuldenkrise, derentwegen sich Händler mit Bestellungen zurückhalten. Das beschert weniger Umsätze und Gewinne. Bislang hatte Salzgitter ein ausgeglichenes Ergebnis erwartet. Die Aktie verlor fünf Prozent.

Zuvor hatte Siemens am Dienstag seine Anleger auf schlechtere Zeiten vorbereitet. „Unglücklicherweise haben wir in den letzten acht Wochen im kurzzyklischen Geschäft eine deutlich schwächere Entwicklung gesehen, als wir ursprünglich gedacht hatten“, sagte Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser der Nachrichtenagentur Bloomberg. Er bezog sich ausdrücklich auf die besonders konjunkturempfindlichen Sparten Industrieautomation und Antriebstechnik.

Der Dämpfer des nach Börsenwert größten deutschen Konzerns verheißt für die Industrie nichts Gutes. Vor allem Maschinenbaufirmen sind Kunden bei den von Siemens genannten Sparten. Sie dürften als Nächstes unter der Nachfrageschwäche leiden. Der Maschinenbau ist das Rückgrat der heimischen Wirtschaft. Prompt verschlechterte sich gestern das Geschäftsklima der deutschen Zulieferindustrie. Die Mehrheit der Firmen schätzt die Aussichten mit Blick auf sechs Monate negativ ein.

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    Am meisten schockierte die Märkte aber die Gewinnwarnung von Infineon. Die Aktie brach um 13 Prozent ein. Der Chiphersteller teilte mit, dass die Umsätze gegenüber dem Vorquartal sinken und die Profitabilität nicht mehr die Erwartungen erfüllen werde. Noch Anfang Mai hatte sich Infineon zuversichtlich zur Umsatz- und Ergebnisentwicklung geäußert.


    Aus dem Abwarten der Kunden entsteht schnell eine Rezession

    All das erinnert an die Talfahrt von 2008. So wie die Unternehmen diesmal gegen die Schuldenkrise immun und gut vorbereitet schienen, so waren sie es damals angeblich gegen die Bankenkrise. Doch wie schnell aus einer abwartenden Haltung der Kunden eine Rezession entstehen konnte, zeigte sich vor vier Jahren. Da halfen auch alle Krisenpläne nicht.

    Der damalige Vorstandschef des weltgrößten Chemieherstellers BASF, Jürgen Hambrecht, meinte noch im September 2008, dass von einer Rezession keine Rede sein könne. Er ging davon aus, den Betriebsgewinn vor Sondereinflüssen gegenüber dem Boomjahr 2007 nochmals steigern zu können. Zu diesem Zeitpunkt liefen die Geschäfte gut. Nur drei Monate später reagierte BASF auf die plötzliche Krise mit Kurzarbeit und legte große Anlagen vorübergehend still. Der Betriebsgewinn sank 2008 um zehn Prozent.

    Hambrecht hatte die Realität nicht geschönt, um gute Stimmung zu verbreiten und so Anleger in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Er konnte nicht ahnen, dass die Kunden mit einem Mal in eine kollektive Schockstarre verfallen würden.

    „Eine Talfahrt wie damals ist nicht in Sicht“, beruhigt der Chefvolkswirt der Hamburger Privatbank M.M.Warburg, Carsten Klude. Doch er hat eine Einschränkung: Sollte Griechenland die Euro-Zone verlassen und eine Kettenreaktion in Europa auslösen, dann wäre ein Absturz wie 2008 möglich. Damals waren die Konzerngewinne der Dax-Unternehmen um fast die Hälfte eingebrochen.

    Davon geht bislang kaum jemand aus, doch die Analysten senken ihre Gewinnprognosen für das laufende Jahr und berufen sich auf die wachsende Skepsis in den Unternehmen. So müssen Infineon und Volkswagen 2012 mit Gewinnrückgängen von mehr als 30 Prozent gegenüber 2011 rechnen. Das signalisieren die Daten von Finanzspezialisten wie Ibes und Factset, wo die Analystenstudien zusammenlaufen.

    Für die Lufthansa senkten die Analysten seit Jahresanfang ihre Gewinnprognosen um gut 40 Prozent. Für Metro und K+S kappten sie die Erwartungen um ein Fünftel.


    Asien ist für die Konzerne weniger wichtig als gedacht

    Grund für die wachsende Skepsis ist die schwache Konjunktur in Euro-Land und die Zurückhaltung der Verbraucher sowie von Firmen, die Investitionen geplant hatten. Gut die Hälfte der Länder ist in die Rezession gerutscht - worunter die exportstarken deutschen Firmen leiden. Denn trotz aller Erfolge in Asien erwirtschaften die 30 Dax-Konzerne nach Handelsblatt-Berechnungen jeden dritten Euro im europäischen Ausland. Das ist mehr als in allen anderen Regionen.

    Diese Abhängigkeit belastet. Das signalisieren der Ifo-Index mit der monatlichen Befragung von gut 7000 Unternehmen und der ZEW-Index mit den Prognosen der Analysten an den Finanzmärkten.

    Negative Stimmung kommt zudem aus den USA, wo die Konzerne bislang von einem Rekord zum nächsten eilten. Zuletzt schockierten aber der Logistiker Fedex, der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble und der Tabakhersteller Philip Morris mit herabgesetzten Ertragsprognosen. Ursache ist die schwache Konjunktur in Europa.

    Vor allem Fedex versetzte die Märkte in Alarmstimmung. Der Logistiker transportiert Waren aus vielen Branchen in alle Welt und gilt als gutes Konjunkturbarometer. Verstärkt wird die Skepsis durch die hohe Arbeitslosigkeit, die eine Erholung des wichtigen Konsums verhindert.

    Bevor in den USA die Berichtssaison zum zweiten Quartal beginnt, rechnen die Analysten der internationalen Finanzhäuser damit, dass die Nettogewinne der 500 größten US-Konzerne gegenüber dem Vorjahr um ein Prozent sinken. Tendenz fallend.

    Noch im Mai hatten die Experten mit einem Zuwachs gerechnet. Es wäre der erste Rückgang seit drei Jahren. Die Vergangenheit aber lehrt, dass sich die deutschen Unternehmen einer Trendwende in den USA noch nie entziehen konnten. Danach sieht es auch diesmal nicht aus.

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