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Globalfoundries-Chef „Die Angebotslücke bei Chips wird 2023 geschlossen sein“

Thomas Caulfield ist seit 2018 Vorstandschef von Globalfoundries Quelle: Presse

Globalfoundries ist der weltweit drittgrößte Chip-Auftragsfertiger. Im Interview erklärt CEO Tom Caulfield, was er mit Wirtschaftsminister Peter Altmaier besprochen hat und wie er es mit dem Konkurrenten Intel hält.

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Tom Caulfield ist seit 2018 Vorstandschef von Globalfoundries. Zuvor arbeitete er für IBM. Er studierte Ingenieurwissenschaften unter anderem an der Columbia University.

WirtschaftsWoche: Herr Caulfield, Sie haben erst vor wenigen Wochen Dresden besucht, wo Globalfoundries die größte einzelne Chipfabrik Europas betreibt. Wie waren Ihre Reiseeindrücke?
Tom Caulfield: Dresden ist mir ans Herz gewachsen. Wir haben in Dresden einst die Fab [Chipfabrik, Anmerkung der Redaktion] von AMD übernommen. Das war quasi die Geburtsstunde von Globalfoundries. Abgesehen davon ist Dresden eine wunderschöne Stadt, die eingebettet in die Kultur Europas ist. Und natürlich bietet Dresden die Infrastruktur, die die Chipindustrie benötigt.

Sie waren auf Ihrer Reise auch in Berlin und Brüssel, wo Sie unter anderem Wirtschaftsminister Peter Altmaier und EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager getroffen haben. Worüber haben Sie gesprochen?
Mein Vorhaben war, den Politikern in Europa die sehr komplexe Chipindustrie etwas näher zu bringen. Ich konnte etwa erklären, in welchen Bereichen wir eine weitere Zunahme der Nachfrage erwarten und woher das Wachstum in der Branche generell kommt. Unser Standort in Europa ist für Globalfoundries ein Schwerpunkt in unserem globalen Geschäft. Es macht wenig Sinn für uns, Investitionen in Ländern zu tätigen, in denen wir nicht präsent sind. Allein der Aufbau einer Infrastruktur würde eineinhalb bis zwei Jahre dauern. Deshalb setzen wir darauf, unsere bereits bestehenden Standorte auszubauen. Das wollen wir in Partnerschaft mit unseren Kunden, mit Sachsen, Deutschland und der EU machen. Unser klares Ziel ist der Ausbau unseres Standortes in Dresden.

Gab es denn schon konkrete Förderzusagen für Dresden oder wurde über die Höhe einer möglichen Förderung gesprochen?
Nein, so weit sind wir noch nicht. Zuerst einmal muss nun das Förderprogramm offiziell gestartet werden. Dann beginnt der förmliche Prozess, bei dem die Unternehmen sich bewerben und ihre Vorschläge einbringen können.

Warum soll der deutsche und europäische Steuerzahler überhaupt ein hochprofitables Unternehmen wie Globalfoundries subventionieren?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Und sie wird rund um den Globus gestellt. In einem freien Markt bedarf es keiner Förderung für profitable Konzerne, keine Frage. Was passiert aber, wenn manche Regionen in der Welt beschließen, keine Chips mehr zu exportieren, weil sie diese Produkte als zu wertvoll für ihre eigene Wirtschaft und ihre Sicherheit erachten? Es gibt keine Industrie mehr, die ohne Halbleiter funktioniert. Wenn ein Land seine industriellen Lieferketten stärken will, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als eine Strategie für die Produktion von Halbleitern zu entwickeln.

Zuletzt hat Globalfoundries in Singapur investiert. In welcher Höhe fördert Singapur Ihren dortigen Standort?
Exakte Zahlen nenne ich nicht, sie sind vertraulich. Es ist eine Kombination aus unserem Cash mit Zuschüssen und langfristigen Krediten der EDB [Wirtschaftsförderung in Singapur, Anm. d. Red.] sowie der finanziellen Beteiligung unserer Kunden.

Bietet Singapur denn höhere Fördermittel als die EU?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich noch nicht weiß, wie hoch die Fördermittel in Europa im konkreten Fall ausfallen werden. Aber lassen Sie mich kurz ausholen, wenn es um das Thema staatliche Förderung geht. Die Halbleiterindustrie setzt jährlich eine halbe Billiarde Dollar um und treibt fast die gesamte Weltwirtschaft an. Man kann sich ausrechnen, welche Folgen ein Stocken der Halbleiterindustrie für die Weltwirtschaft hätte. In den kommenden acht bis zehn Jahren wird sich der Bedarf an Halbleitern voraussichtlich verdoppeln. Für diesen Bedarf müssen frühzeitig entsprechende Kapazitäten aufgebaut werden. Das ist mit unseren eigenen Mitteln alleine nicht möglich. Deshalb geben wir etwa unseren Kunden die Möglichkeit, sich an solchen Investitionen zu beteiligen, damit deren Chipnachfrage sichergestellt ist. Auch staatliche Förderungen in die Chipindustrie sind als Investitionen zu betrachten, die das Wachstum vieler anderer Industrien erst ermöglichen.

Der Chipgigant Intel will nun ebenfalls ins Foundry-Geschäft einsteigen und lotet Investitionen in Europa aus. Beunruhigt Sie das?
Nein. Dass Intel ins Foundry-Geschäft einsteigt, bestätigt ja nur, wie gefragt unsere Industrie ist. Wir betrachten Intel zudem nicht als Konkurrenten, Intel ist ein großer Kunde von uns. Wir überschneiden uns auch nicht mit unseren Produktionsschwerpunkten. Globalfoundries fertigt ab 12 Nanometer aufwärts, Intel die Chipgrößen darunter.

Nun möchte Intel aber genauso wie TSMC offenbar nach Europa kommen und konkurriert mit Ihnen um Förderungen. Was spricht für Globalfoundries?
Darf ich Ihnen eine Gegenfrage stellen? Benutzen Sie auf Ihrem Handy Bezahlfunktionen? Globalfoundries fertigt die Chips für diese Anwendungen. Steuern Sie Ihr Handy über einen Touchscreen? Die Chips dafür kommen von Globalfoundries. Verbindet sich Ihr Handy automatisch mit dem nächsten Mobilfunkmasten? Die Chips dafür kommen von uns. Globalfoundries ist führend in Märkten, in denen wir tätig sind. Das ist der erste Punkt, der für uns spricht. Zum zweiten sind wir mit unserem Werk in Dresden schon lange in die europäische Halbleiterlandschaft integriert. Bei Konkurrenten, die eine solche Fabrik und ein solches Umfeld noch nicht haben, wird es wie gesagt bis zu zwei Jahre länger dauern, bis sie produzieren können.

Es gibt anhaltende Gerüchte, dass Globalfoundries an Intel verkauft werden könnte. Werden wir so einen Verkauf bald sehen?
Ich kann das Interesse an Globalfoundries verstehen. Aber es ist nur ein Gerücht.

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Wie lange wird der Chipmangel Ihrer Meinung nach andauern?
Ich glaube es wäre naiv zu denken, dass dieser Mangel bald vorbei ist. Warum es so schwer ist, die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auszufüllen, liegt daran, dass immer neue Nachfrage nach Halbleitern entsteht. Im Bereich Automotive könnte die Lücke aber früher als an in anderen Bereichen geschlossen werden, da dieser nur einen relativ geringen Prozentsatz der Produktion ausmacht. Ich gehe davon aus, dass der Chipmangel in der Autoindustrie 2022 zurückgeht und die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot 2023 geschlossen sein wird. Der lange Chipmangel liegt eben auch daran, dass sämtliche Kapazitäten, die wir zusätzlich aufbauen, eben eineinhalb Jahre brauchen, bis sie beim Konsumenten ankommen. Wer also davon ausgeht, dass der Mangel bereits in diesem Jahr behoben sein könnte, kommt eindeutig nicht aus der Branche.

Mehr zum Thema: Viele Menschen sind während der Pandemie ins Homeoffice gewechselt. Das löste einen Nachfrage-Boom in der Chipindustrie aus – und globale Lieferengpässe.

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