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Trumps Wirtschaftsbilanz Ist Amerika wirklich „great again“?

Trumps Wirtschaftsbilanz: Ist Amerika

Mit Steuersenkungen, Deregulierung und Importzöllen hat Präsident Donald Trump den USA einen wirtschaftlichen Höhenflug beschert. Ökonomen warnen vor einer gefährlichen Scheinblüte.

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Es ist gerade ziemlich schwierig, ein Gespräch mit Vince Moretti* zu vereinbaren. Der Inhaber eines Unternehmens für Stahlkonstruktionen ist very busy derzeit, viel unterwegs – und er verbringt daher nicht viele Stunden in seinem Büro nahe der Stadt Wellsburg im US-Bundesstaat West Virginia. Stattdessen fährt er Tag für Tag über Baustellen am Oberlauf des Ohio River, überprüft Baupläne, kontrolliert Schweißnähte und bespricht Änderungswünsche mit seinen Auftraggebern. Vor Kurzem stellte Moretti erstmals nach vielen Jahren neue Mitarbeiter ein. Früher zweifelte er oft, ob er die Firma, die sein Vater vor 45 Jahren gegründet hatte, werde halten können. Heute macht er sich keine Sorgen mehr: „Unser Geschäft lief noch nie so gut.“

Die US-Wirtschaft boomt. Im zweiten Quartal 2018 legte die gesamtwirtschaftliche Produktion gegenüber dem Vorquartal um annualisiert 4,2 Prozent zu. Für das Gesamtjahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) ein Plus von knapp drei Prozent, weit mehr als für die Euro-Zone (2,2 Prozent). Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr, die Einkommen der privaten Haushalte eilen von Rekord zu Rekord, das Konsumklima ist so gut wie seit 18 Jahren nicht.

Wachstum durch Deregulierung

Die skandalgeplagte Regierung in Washington sieht in diesen Zahlen den Beweis dafür, dass ihr Kurs stimmt. Kaum ein Tag vergeht, an dem das Weiße Haus nicht Jubelmeldungen über die Stärke amerikanischer Unternehmen verbreitet und die Wirtschaftspolitik des Präsidenten preist.

Doch unter Ökonomen ist Donald Trumps Beitrag zu dieser exzellenten Lage umstritten. Der Aufschwung begann bereits 2009 unter seinem Vorgänger Barack Obama. Das hält den amtierenden Präsidenten freilich nicht davon ab, den Erfolg für sich zu reklamieren. Es sei seine Mischung aus Steuersenkung, Deregulierung und Schutzzöllen, der die USA auf die Gewinnerstraße gebracht habe, behauptet Trump und findet: „Wir haben eine wirtschaftliche Wende historischen Ausmaßes erreicht.“ Dazu zählt für ihn auch das Ende August neu vereinbarte Handelsabkommen mit Mexiko, dem jetzt auch Kanada beigetreten ist. Es zwingt die Nachbarn zu einem höheren regionalen Wertschöpfungsanteil in der Autoproduktion, zu höheren Löhnen – und nutzt vor allem Amerika.

Quelle: IWF

Doch wie nachhaltig ist der Aufschwung in den USA? Steuert Amerika auf einen höheren Wachstumspfad hin, oder erlebt das Land nur ein konjunkturelles Strohfeuer? Unternehmer Moretti ist optimistisch. Trumps Wirtschaftspolitik werde Amerika wieder groß machen, glaubt er: „Der Präsident ist fundamental wichtig für unseren Erfolg.“ Er hat 2016 für Trump gestimmt und es nicht bereut. Endlich würden Industriearbeitsplätze nicht mehr ins Ausland verlegt, endlich würde in Amerika wieder gebaut. „Die Handelsabkommen, die wir früher geschlossen haben, waren nicht in unserem Interesse“, sagt Moretti und: „Ich hoffe, Donald Trump hält Kurs.“

Tatsächlich ist die Wirtschaftspolitik einer der wenigen Bereiche, in denen der Präsident nicht nur von seiner Basis unterstützt wird. Rund die Hälfte der Amerikaner findet, dass Trump in diesem Bereich einen guten Job macht.

Noch lauter ist der Applaus von konservativen Ökonomen. Die Wahl Trumps habe den Unternehmen signalisiert, dass sie nicht mit zusätzlichen Regulierungen belastet würden, auf die sie sich unter einer Präsidentin Hillary Clinton hätten einstellen müssen, heißt es aus den Thinktanks im Washingtoner Regierungsviertel. Die kräftige Senkung der Unternehmenssteuer habe der Wirtschaft einen Schub verpasst. Der nominale Körperschaftsteuersatz ist zu Beginn dieses Jahres von 35 auf 21 Prozent gesunken. Allein in der Handelspolitik findet sich in den Expertenkreisen außerhalb des Weißen Hauses kaum jemand, der den Kurs des Präsidenten stützt.

Unter Trumps Anhängern wiederum ist die Begeisterung für den Präsidenten ungebrochen. Zumal der Aufschwung mittlerweile auch in einem Bereich ankommt, den Experten lange abgeschrieben hatten: im produzierenden Gewerbe. Allein im Juli wuchs die Zahl der Industrie- und Handwerksarbeitsplätze um 3,3 Prozent – ein Anstieg, wie es ihn seit 1984 nicht gegeben hat. Einer Auswertung der Brookings Institution zufolge profitiert davon vor allem die Bevölkerung in ländlichen Regionen und Kleinstädten – in Trump-Country.

Gewinner und Verlierer

Abzusehen war dies für viele Beobachter nicht. Mit welchem „Zauberstab“ Trump Industriearbeitsplätze zurück in die USA bringen wolle, spottete der damalige US-Präsident Barack Obama im Wahlkampf. Eine Antwort erhielt er nicht. Heute spielen konservative Medien den zwei Jahre alten Clip in ihren Sendungen rauf und runter. Auch der Präsident selbst schaltete sich ein. „Vermutlich habe ich doch einen Zauberstab“, lobte er sich auf Twitter.

Für Unternehmer Moretti hat der Aufschwung nichts Magisches. Es sei schlicht die Deregulierungspolitik in Washington, die seiner Firma neuen Schwung verleihe. Seit Jahren litt die Wirtschaft in West Virginia unter dem Siechtum der für den Bundesstaat wichtigen Kohleindustrie. Unter Obama verhängte die Umweltbehörde EPA strenge Grenzwerte und Auflagen – im Namen des Klimaschutzes. Das machte Kohle als Energieträger zunehmend unattraktiv, viele Förderbetriebe schrumpften oder schlossen. Trump nahm die Regelungen zurück. Gleichzeitig stieg der Weltmarktpreis für Kohle aufgrund von Lieferengpässen in China. Plötzlich stellen die Minen in West Virginia wieder Arbeiter ein.

Für Moretti eine gute Nachricht: „Nach zehn Jahren der Krise und der Sorgen geht es für uns endlich nach oben.“ Statt leerer Auftragsbücher hat er jetzt ein anderes Problem: Er muss qualifizierte Arbeitskräfte finden. „Die Löhne haben zuletzt stark angezogen. Das macht es mir nicht leichter.“ Für die Region sei das natürlich gut. Schließlich ist es lange her, dass im strukturschwachen West Virginia, wo Trump 2016 fast 70 Prozent der Stimmen holte, die Arbeitskräfte knapp wurden – und nicht die Arbeit.

Gewinner und Verlierer

Neben der Deregulierungspolitik der Regierung beflügeln auch die Strafzölle des Präsidenten auf Aluminium- und Stahlimporte, zumindest in Teilen der Industrie, die Laune. So steigerte der Stahlriese US Steel seinen Gewinn im zweiten Quartal um 38 Prozent. Aufs Jahr gerechnet, will das Unternehmen ihn sogar verdreifachen. Die Firma eröffnete daher neue Standorte.

Doch Trumps Kurs produziert auch Verlierer. Zwar schützen die Stahl- und Aluminiumzölle die heimischen Produzenten dieser Metalle. Den Firmen, die sie verarbeiten, machen die Abgaben das Leben hingegen schwerer: Ihre Kosten steigen.

Mittelfristig könnte das für Trump zu einem gravierenden Problem werden. Denn während Stahl- und Aluminiumproduzenten nur etwas mehr als 300.000 Arbeitsplätze in den USA stellen, hängen rund 6,5 Millionen Jobs an Unternehmen, die Metalle verarbeiten. Diese seien durch die Zölle akut gefährdet, warnt die Coalition of American Metal Manufacturers and Users, ein Zusammenschluss von Industrieunternehmen und Verbänden.

Die ersten negativen Auswirkungen von Trumps Handelspolitik sind bereits sichtbar. Im US-Bundesstaat Missouri etwa kämpft der größte Nagelhersteller der Vereinigten Staaten, Mid Continent Nail, ums Überleben. Durch die Zölle kann der mexikanische Mutterkonzern die Fabrik nicht mehr mit preiswertem Stahl versorgen, so Chris Pratt, der Geschäftsführer der Firma. Das Unternehmen sei nicht in der Lage, die Zusatzkosten auszugleichen. Bereits im Juni mussten 150 der ursprünglich 500 Mitarbeiter gehen. Auch für den Rest könnte es bald ernst werden. „Wenn wir jetzt nicht schnell entlastet werden, könnte es sein, dass wir vor Ende des Monats die Fabrik schließen müssen“, so Pratt.

Landwirtschaft leidet unter Zöllen

Auch für die Landwirtschaft werden die Zölle zum Problem. Seitdem China amerikanische Sojabohnen als Vergeltung für US-Zölle mit einer Einfuhrabgabe von 25 Prozent belegte, geht auf den Bauernhöfen im Mittleren Westen die Angst um. Der Sojaexport werde im kommenden Jahr um rund elf Prozent niedriger ausfallen als erwartet, prognostiziert das US-Landwirtschaftsministerium. Die Ausfuhr von Weizen brach im ersten Halbjahr 2018 um mehr als 20 Prozent ein. Die Lage ist so schlecht, dass die Regierung jüngst ein Notprogramm in Höhe von zwölf Milliarden US-Dollar auflegte, um die Folgen des Handelskriegs für die US-Bauern abzufedern.

Das Risiko, dass Stützungsaktionen auch in anderen Bereichen nötig werden, wächst in dem Maße, in dem sich die Protektionismusspirale weiterdreht. Seit Anfang der Woche gelten für Importe aus China im Wert von weiteren 200 Milliarden Dollar Strafzölle von 10 Prozent, Anfang nächsten Jahres soll der Satz auf 25 Prozent steigen. Im Gegenzug verteuert China Einfuhren aus Amerika im Wert von 60 Milliarden Dollar mit eigenen Strafzöllen.

Kollateralschäden im Handelsstreit

Die Kollateralschäden des Handelskonflikts für die Weltwirtschaft sind enorm. Auf der Suche nach kostengünstigen Standorten haben die Unternehmen in den Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten Produktionsstätten und Lieferbeziehungen über den Globus verteilt. Güter, die US-Unternehmen billig in China herstellen, werden durch Trumps Zölle nun künstlich verteuert. Darunter leiden neben der weiterverarbeitenden Industrie auch die US-Konsumenten. „Amerika schießt sich ins eigene Knie“, urteilt Andreas Rees, Ökonom bei der Bank UniCredit.

Zwar erwägen einige Unternehmen, ihre Produktion nach Amerika zu verlagern, um hinter den Zollmauern zu produzieren, weiß Johannes Schmidt, Vorstandschef der Indus AG, einer Holdinggesellschaft von mehr als 40 Mittelständlern. So überlegt die Geschäftsführung von Betek, einem Hersteller von Hartmetallwerkzeugen aus Aichhalden, ob sich der Aufbau einer eigenen Produktion in den USA lohnt. Bei M. Braun, einem Hersteller von Gasreinigungsanlagen aus Garching, der über Produktionsstandorte in Asien, Europa und Amerika verfügt, wartet man noch ab. Sollte es jedoch erforderlich werden, sei man in der Lage, die Produktion stärker auf Amerika zu fokussieren.

Auch die deutschen Autohersteller BMW und Daimler könnten sich gezwungen sehen, bald Motoren in den USA herzustellen, um so die Vorgaben der Regierung in Washington für die regionalen Wertschöpfungsanteile zu erfüllen.

Doch was betriebswirtschaftlich rational sein mag, führt volkswirtschaftlich zu großen Schäden. Denn Zölle lenken Ressourcen in verteidigte Branchen, die unter dem Schutzschirm schleichend ihre Effizienz und Innovationsfähigkeit verlieren. „Protektionismus macht ein Land langfristig ärmer“, sagt daher Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Europäischen Zentralbank (EZB). Demnach fiele die US-Wirtschaftsleistung um zwei Prozent niedriger aus, falls sich die USA und ihre Handelspartner mit Zöllen von zehn Prozent auf alle Produkte überzögen. Berechnungen des Analysehauses Oxford Economics zeigen, dass selbst ein auf China begrenzter Handelskrieg das US-Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr um bis zu einen Prozentpunkt drücken könnte. Bis 2020 stehen 700.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das träfe vor allem jene Bundesstaaten, die stark von der Industrie und der Landwirtschaft abhängen wie South Carolina, Tennessee, Indiana und Michigan – Staaten, in denen Trump eine starke Wählerbasis hat.

Bald wieder höhere Steuern?

Noch übertüncht der Konjunkturboom die wirtschaftlichen Verzerrungen durch den Protektionismus. Doch der Aufschwung währt nicht ewig. Im nächsten Jahr dürften die stimulierenden Effekte der Steuersenkungen allmählich auslaufen, erwarten Experten. Zudem werden die dämpfenden Effekte der höheren Zinsen spürbar, mit denen die US-Notenbank die Wirtschaft in ruhigeres Fahrwasser lenken will. Verschärft sich der Boom am Arbeitsmarkt und mit ihm der Lohndruck, könnte die Notenbank zu einem kräftigen Bremsmanöver gezwungen sein. Das werde „die US-Wirtschaft belasten, den Dollar stärken und die Gefahr einer Emerging-Markets-Krise erhöhen“, sagt Commerzbanker Krämer.

Geht der US-Konjunktur die Luft aus, versiegen auch die Steuerquellen. Das Loch im Staatshaushalt, das derzeit bei fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, wird noch größer und mit ihm der staatliche Schuldenberg. Aktuell belaufen sich die Staatsschulden auf 107 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In den nächsten Jahren wird die Quote nach Einschätzung des IWF auf mehr als 115 Prozent klettern.

Dass die USA auf einen Staatsbankrott zusteuern, ist allerdings unwahrscheinlich. Denn als wichtigste Reservewährung der Welt zieht der Dollar weiterhin ausländisches Geld an. Um die Zinsen auf die wachsenden Schulden zu bezahlen, muss die Regierung in den nächsten Jahren jedoch die Steuern wohl wieder anheben. Vor allem jüngere Amerikaner werden die Zeche für Trumps Politik zahlen.

An einen Kurswechsel denkt Trump trotzdem nicht. Und dass die Schwierigkeiten der verarbeitenden Industrie oder der Landwirtschaft den Präsidenten Unterstützung kosten könnten, glaubt auch sein engstes Umfeld nicht. „Das sind Patrioten, und sie wissen, dass der Schmerz vorübergehend ist“, tönt Trumps Tochter Ivanka: „Die Unternehmen können sicher sein, dass der Präsident für sie kämpft und die Probleme lösen wird – und dass wir langfristig erfolgreich sein werden.“

Zumindest in Sachen Optimismus ist Amerika „great again“.

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