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Trumps Wirtschaftsbilanz Ist Amerika wirklich „great again“?

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Kollateralschäden im Handelsstreit

Die Kollateralschäden des Handelskonflikts für die Weltwirtschaft sind enorm. Auf der Suche nach kostengünstigen Standorten haben die Unternehmen in den Industrieländern in den vergangenen Jahrzehnten Produktionsstätten und Lieferbeziehungen über den Globus verteilt. Güter, die US-Unternehmen billig in China herstellen, werden durch Trumps Zölle nun künstlich verteuert. Darunter leiden neben der weiterverarbeitenden Industrie auch die US-Konsumenten. „Amerika schießt sich ins eigene Knie“, urteilt Andreas Rees, Ökonom bei der Bank UniCredit.

Zwar erwägen einige Unternehmen, ihre Produktion nach Amerika zu verlagern, um hinter den Zollmauern zu produzieren, weiß Johannes Schmidt, Vorstandschef der Indus AG, einer Holdinggesellschaft von mehr als 40 Mittelständlern. So überlegt die Geschäftsführung von Betek, einem Hersteller von Hartmetallwerkzeugen aus Aichhalden, ob sich der Aufbau einer eigenen Produktion in den USA lohnt. Bei M. Braun, einem Hersteller von Gasreinigungsanlagen aus Garching, der über Produktionsstandorte in Asien, Europa und Amerika verfügt, wartet man noch ab. Sollte es jedoch erforderlich werden, sei man in der Lage, die Produktion stärker auf Amerika zu fokussieren.

Auch die deutschen Autohersteller BMW und Daimler könnten sich gezwungen sehen, bald Motoren in den USA herzustellen, um so die Vorgaben der Regierung in Washington für die regionalen Wertschöpfungsanteile zu erfüllen.

Doch was betriebswirtschaftlich rational sein mag, führt volkswirtschaftlich zu großen Schäden. Denn Zölle lenken Ressourcen in verteidigte Branchen, die unter dem Schutzschirm schleichend ihre Effizienz und Innovationsfähigkeit verlieren. „Protektionismus macht ein Land langfristig ärmer“, sagt daher Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Europäischen Zentralbank (EZB). Demnach fiele die US-Wirtschaftsleistung um zwei Prozent niedriger aus, falls sich die USA und ihre Handelspartner mit Zöllen von zehn Prozent auf alle Produkte überzögen. Berechnungen des Analysehauses Oxford Economics zeigen, dass selbst ein auf China begrenzter Handelskrieg das US-Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr um bis zu einen Prozentpunkt drücken könnte. Bis 2020 stehen 700.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das träfe vor allem jene Bundesstaaten, die stark von der Industrie und der Landwirtschaft abhängen wie South Carolina, Tennessee, Indiana und Michigan – Staaten, in denen Trump eine starke Wählerbasis hat.

Bald wieder höhere Steuern?

Noch übertüncht der Konjunkturboom die wirtschaftlichen Verzerrungen durch den Protektionismus. Doch der Aufschwung währt nicht ewig. Im nächsten Jahr dürften die stimulierenden Effekte der Steuersenkungen allmählich auslaufen, erwarten Experten. Zudem werden die dämpfenden Effekte der höheren Zinsen spürbar, mit denen die US-Notenbank die Wirtschaft in ruhigeres Fahrwasser lenken will. Verschärft sich der Boom am Arbeitsmarkt und mit ihm der Lohndruck, könnte die Notenbank zu einem kräftigen Bremsmanöver gezwungen sein. Das werde „die US-Wirtschaft belasten, den Dollar stärken und die Gefahr einer Emerging-Markets-Krise erhöhen“, sagt Commerzbanker Krämer.

Geht der US-Konjunktur die Luft aus, versiegen auch die Steuerquellen. Das Loch im Staatshaushalt, das derzeit bei fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, wird noch größer und mit ihm der staatliche Schuldenberg. Aktuell belaufen sich die Staatsschulden auf 107 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In den nächsten Jahren wird die Quote nach Einschätzung des IWF auf mehr als 115 Prozent klettern.

Dass die USA auf einen Staatsbankrott zusteuern, ist allerdings unwahrscheinlich. Denn als wichtigste Reservewährung der Welt zieht der Dollar weiterhin ausländisches Geld an. Um die Zinsen auf die wachsenden Schulden zu bezahlen, muss die Regierung in den nächsten Jahren jedoch die Steuern wohl wieder anheben. Vor allem jüngere Amerikaner werden die Zeche für Trumps Politik zahlen.

An einen Kurswechsel denkt Trump trotzdem nicht. Und dass die Schwierigkeiten der verarbeitenden Industrie oder der Landwirtschaft den Präsidenten Unterstützung kosten könnten, glaubt auch sein engstes Umfeld nicht. „Das sind Patrioten, und sie wissen, dass der Schmerz vorübergehend ist“, tönt Trumps Tochter Ivanka: „Die Unternehmen können sicher sein, dass der Präsident für sie kämpft und die Probleme lösen wird – und dass wir langfristig erfolgreich sein werden.“

Zumindest in Sachen Optimismus ist Amerika „great again“.

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