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Türkei, Argentinien und Co. Wie der Entzug ausländischen Kapitals Länder in die Krise stürzt

Türkei & Argentinien: Krise durch fehlendes ausländisches Kapital Quelle: imago images

Die meisten Schwellenländer sind vom steten Zustrom ausländischen Kapitals abhängig. Versiegt der Fluss, entstehen massive Probleme - wie jetzt in Argentinien und insbesondere am Beispiel der Türkei zu beobachten ist.

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Vor kurzem wurden in der Istanbul Shopping Mall Metrocity die Rolltreppen abgebaut. Man muss dazu wissen, dass Einkaufszentren in der Türkei amerikanische Ausmaße haben. Sie sind neben Moscheen die Symbole des türkischen Booms. Selbst in entlegenen Städten im Osten des Landes sind in den vergangenen Jahren gigantische Konsumtempel gebaut worden. Der Grund für die Rolltreppendemontage waren unbezahlte Stromrechnungen. Die Verbraucherpreise waren im September um 25 Prozent nach oben geschnellt. Hinzu kommt: Viele der Mieter in den Malls müssen ihre Miete in US-Dollar bezahlen. Aufgrund der Währungsverluste haben sich ihre Kosten nahezu verdoppelt. 

Es ist verlockend, dem türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdoğan die Schuld an der türkischen Wirtschaftskrise zu geben, und wie ein Kenner des Landes einmal sagte „es trifft nicht die Falschen“. Fakt ist, dem Präsidenten und seinem Schwiegersohn, Finanzminister Berat Albayrak ist es bisher nicht gelungen, das Vertrauen internationaler Anleger wiederherzustellen. Doch die Ursachen der Krise liegen tiefer, und sie betreffen nahezu alle Schwellenländer. Die türkische Krise und der davor liegende Boom sind Folgen globalisierter Kapitalströme.  

Das türkische Wirtschaftswunder war aus einer Krise heraus geboren. Im Jahr 2001 erlebte das Land eine der stärksten Rezessionen seiner Geschichte als Folge einer Bankenkrise. Die Inflation lag vor dem Regierungsantritt der AKP bei über 90 Prozent. Im selben Jahr wurde Kemal Derviş Wirtschaftsminister. Der ehemalige Vizepräsident der Weltbank schloss überschuldete Banken und erwirkte Kredite im beim Internationalen Währungsfonds, indem er liberale Reformen anstieß. 2002 gewann erstmals die AKP unter Erdoğan die Wahlen. Derviş verließ die Regierung, doch Erdoğan setzte seinen Weg der Wirtschaftsreformen fort. Die Währung stabilisierte sich, die Staatsfinanzen wurden nach IWF-Vorgaben saniert und Wirtschaftssektoren für private Investitionen geöffnet. 

Das „türkische Modell“ machte bald Furore. Besonders in den USA gefiel die Idee von einem islamisch-konservativen, aber wirtschaftsliberalen Brückenland zwischen Ost und West, das auch als Modell für die arabische Welt dienen könnte. In der Folge floss Geld zu billigen Konditionen in die Türkei. Hinzu kam erstmals seit Jahrzehnten eine relative politische Stabilität. „Die Türkei galt Anfang der Nuller Jahre als Wachstumsmarkt mit sehr guten Voraussetzungen: Eine junge Bevölkerung, eine enge Anbindung an Europe und ein wirtschaftsfreundliches Programm“, sagt Thiess Petersen, Volkswirt und Senior Advisor bei der Bertelsmann-Stiftung. „In der Folge floss viel Geld in das Land, das - durchaus sinnvoll - für Investitionen verwendet wurde.“

Zwar zogen Mega-Projekte wie die dritte Bosphorus-Brücke, der neue Flughafen und der Ilısu-Staudamm in auch viel Kritik auf sich. Letztlich aber wurde - ganz ähnlich wie in China zur selben Zeit - massiv in die Infrastruktur des Landes investiert. Auch ärmere Bevölkerungsschichten profitierten davon in Form von neuen Krankenhäusern, Flughäfen, Straßen, Schulen und Moscheen - und sicherten der AKP so die Wiederwahl. Eine Aufwärtsspirale war in Gang gesetzt worden: die hohen Wachstumsraten - die türkische Wirtschaft wuchs zwischen 2001 und 2015 durchschnittlich mit sechs Prozent im Jahr - führten zu mehr Investitionen, die wiederum die Kaufkraft und Konjunktur stimulierten. 

Der Zustrom an internationalen Kapital beschleunigte sich nochmals nach der Finanzkrise 2008. In der Folge der Niedrigzinspolitik der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank waren institutionelle Anleger wie Pensions- und Hedgefunds auf der Suche nach riskanteren Märkten, die mehr Aussicht auf Rendite boten.  

Inhalt
  • Wie der Entzug ausländischen Kapitals Länder in die Krise stürzt
  • Ein Teufelskreis?
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