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Wahlen in schwierigen Zeiten Oktober ist für Brasilien ein Schicksalsmonat

Brasiliens Präsidentschaftswahl steht in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit an. Quelle: dpa

In Brasilien wird im Oktober der Präsident neu gewählt. Die Anspannung ist groß. Anleger befürchten ein Wahlchaos, denn der Umgang mit notwendigen Reformen scheint ungewiss und der Real könnte weiter abwerten.

Brasilien steht am Scheideweg. Die Präsidentschaftswahlen könnten das Land noch tiefer in die Krise schlittern lassen. Misswirtschaft, Korruption in großem Stil und eine Abwertung des brasilianischen Real von rund 20 Prozent in diesem Jahr machen Investoren zunehmend nervös. „Die Verwundbarkeit Brasiliens liegt vor allem in der Ungewissheit, wie die Wahlen ausgehen werden“, sagen die Analysten des Vermögensverwalters Pictet.

Schmiergeld-Skandale begleiten Brasilien seit Jahren. Anfang des Jahres verhängte ein Gericht eine Gefängnisstrafe gegen den langjährigen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva, der deswegen nicht wie geplant erneut kandidieren konnte. Viele Brasilianer machen seine von hohen Ausgaben und Skandalen geprägte Politik für den Absturz des Landes verantwortlich - doch er hat auch glühende Anhänger. Das hatte ihm in den Umfragen bis zur Aufgabe seiner Kandidatur Mitte September die Spitzenposition beschert.

Jüngsten Prognosen zufolge hat derzeit der Rechtspopulist Jair Bolsonaro die besten Chancen auf einen Sieg in der ersten Runde am 7. Oktober. Der Kandidat polarisiert mit provozierenden Aussagen zu Homosexuellen, Schwarzen oder ethnischen Minderheiten. Vor wenigen Wochen war er bei einer Wahlkampfveranstaltung mit einem Messer angegriffen worden. Knapp hinter ihm liegt der frühere Bürgermeister von Sao Paulo, Fernando Haddad. Ihn schickte die Arbeiter-Partei nach dem Aus für Lula ins Rennen. Favorit bei Investoren ist Geraldo Alckmin von der Partei der Brasilianischen Sozialen Demokratie (PSDB) - er steht für einen wirtschaftsliberalen Kurs. Der einstige Herausforderer Lulas in einer Stichwahl 2006 kommt den Umfragen zufolge allerdings nur auf rund acht Prozent der Stimmen.

Wer das Rennen macht, wird wohl erst nach der zweiten Wahlrunde am 28. Oktober feststehen. „Doch ganz gleich, wer es ist: Die neue Regierung muss bei ihrer Wirtschaftspolitik einen solideren Kurs einschlagen“, fordert Angel Ortiz, Fondsmanager für Lateinamerika-Aktien bei Fidelity International. Rund zwei Jahre nach der schweren Rezession wächst die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas zwar langsam wieder. Der IWF geht für 2018 von einem inflationsbereinigten Wachstum von 1,8 Prozent aus.

Problematisch ist den IWF-Experten zufolge aber die hohe Staatsverschuldung. Diese dürfte nach Berechnungen des Währungsfonds im Jahr 2023 mit mehr als 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ihren Höhepunkt erreichen. „Während des Rohstoff-Superzyklus hat die brasilianische Regierung die Haushaltsdisziplin stark vernachlässigt“, sagt Ortiz. Nun rückten diese Risiken auch wegen der Krisen in den Nachbarländern Argentinien und Venezuela wieder stärker in den Fokus. „Die Glaubwürdigkeit der nächsten Wirtschafts- und Finanzminister wird daher noch wichtiger sein als die Frage, wer neuer Präsident wird.“ Die Experten von Pictet sind der Ansicht, dass das Thema Verschuldung von der neuen Regierung in jedem Fall angegangen wird. „Der Umfang von Reformen wird jedoch vom politischen und persönlichen Profil des Gewinners abhängen.“

Stark in Dollar verschuldeten Schwellenländern macht derzeit generell die Aufwertung der US-Devise nach der Zinswende der amerikanischen Notenbank zu schaffen. Auch die türkische Währungskrise hinterlässt bei den aufstrebenden Volkswirtschaften insgesamt ihre Spuren.

Moody's sieht Gefahren für Häuslebauer und Airlines

Sollte der brasilianische Real in Folge der Wahlen weiter abwerten, könnte das an den Firmengewinnen nagen. Die Ratingagentur Moody's sieht unter anderem für die Luftfahrt Gegenwind, da der Löwenanteil der Umsätze in heimischer Währung verbucht werden - sich die Fluggesellschaften aber stark in US-Dollar verschuldet haben.

Im Fokus steht Moody's-Analystin Marianna Waltz zufolge auch der Immobiliensektor. Zwar habe keiner der Kandidaten Änderungen an dem staatlichen Förderprogramm signalisiert. Eine Verschlechterung des Verbrauchervertrauens oder der öffentlichen Finanzen werde die Branche, allen voran Lateinamerikas größten Häuslebauer MRV, jedoch besonders hart treffen.

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