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Gummibärchen sollen die Welt erobern Die Pläne der neuen Haribo-Herrscher

Hans Guido Riegel und Michael Phiesel haben die Führung von Haribo übernommen. In ihrem ersten Interview sprechen die Chefs des Gummibärchen-Herstellers über den Abschied von Thomas Gottschalk und ihre Expansionspläne.

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Haribo investiert in China Quelle: dpa Picture-Alliance

Steht man Hans Guido Riegel zum ersten Mal gegenüber, wird man den Gedanken nicht los: Die Entscheidung über die Nachfolge an der Spitze des größten deutschen Süßwarenherstellers könnte nach dem Aussehen gefällt worden sein. Hohe Stirn, rundes Kinn, die gleiche Statur – Hans Guido Riegel sieht seinem verstorbenen Onkel, dem langjährigen Haribo-Chef Hans Riegel, verblüffend ähnlich. Ähnlicher noch als seinem Vater Paul, dem bis zu seinem Tod die zweite Hälfte von Haribo gehörte.

Nur in einem gleicht Hans Guido seinem Onkel überhaupt nicht: Es zieht ihn nicht in die Öffentlichkeit. Im Gegenteil. Ein halbes Jahr dauert es, bis Hans Guido Riegel seine Zusage zu einem Interview gibt. Als es so weit ist, stellt der neue Haribo-Frontmann sein Unbehagen offen zur Schau: skeptischer Blick, die Hände tief in den Taschen vergraben, die ersten Antworten kommen kurz und schroff. Fotos von ihm darf nur Haribos Hausfotograf schießen, im Internet lassen sich gar keine Bilder von ihm finden.

Zu den Personen

An seiner Seite in einem kleinen Konferenzraum in der Bonner Haribo-Zentrale, zwischen Hochglanzfotos von Riegels Motorsportaktivitäten und flaschenhohen Goldbären-Skulpturen auf einem Regal, sitzt Michael Phiesel: kurze Haare, rundes Gesicht, schmale Brille. Ein Schnellredner und Zahlenmensch. Seit Januar ist Phiesel als Geschäftsführer für die Finanzen im Konzern verantwortlich. Der 44-Jährige arbeitete lange als Controller unter Hans Riegel, dem Mann, der aus Haribo eine Erfolgsgeschichte machte. Nun ist es an dessen Neffen Hans Guido und an Michael Phiesel, diese Geschichte weiterzuschreiben. Was haben sie vor?

WirtschaftsWoche: Herr Riegel, Herr Phiesel, in diesen Tagen haben Schoko-Nikoläuse und Spekulatius Hochkonjunktur. Läuft das lukrative Weihnachtsgeschäft an Haribos Gummibärchen und Lakritz vorbei?

Phiesel: Natürlich nicht, wir haben auch weihnachtliche Produkte. Es gibt sogar einen Haribo-Adventskalender!

Riegel: Und wir haben eine Winteredition von Colorado mit Geschmacksrichtungen in Bratapfel, Vanillekipferl, Lebkuchen oder Karamell-Lakritz. Die war aber schon im November ausverkauft.

Wie sieht denn Weihnachten bei den Riegels daheim aus? Treffen sich alle vier Geschwister?

Riegel: Wir treffen uns um Nikolaus herum bei meiner Mutter. Da kommen wir dann alle mit unseren Kindern zusammen.

Der Expansionskurs von Haribo von 85 bis heute

Herr Riegel, Ihr Vater Paul und Ihr Onkel Hans haben jahrelang nicht miteinander gesprochen. Jetzt sind Sie als Nachfolger Ihres Vaters in der Geschäftsführung, und Herr Phiesel übernimmt das operative Geschäft, das vorher Ihr kinderloser Onkel verantwortet hat. Wie fällen Sie Entscheidungen, wenn Sie sich uneinig sind?

Phiesel: Das kommt selten vor.

Riegel: Und wenn doch, dann sollte man die Entscheidung besser überschlafen. Aber meistens sitzen wir nicht alleine am Tisch, sondern mit Fachleuten aus den Landesgesellschaften.

Feldversuch im Kindergarten

Paul und Hans Riegel waren zwei ungleiche Geschwister. Paul ein Familienmensch, zurückhaltend, öffentlichkeitsscheu. Der große Tüftler und Erfinder der Lakritzschnecken-Wickelmaschine. Hans immer im Mittelpunkt – und ewiger Junggeselle. Zu seinen Lebzeiten verantwortete Paul Riegel die Produktion, Hans Riegel den Rest: Finanzen, Vertrieb, Marketing. Und er war das Gesicht von Haribo, bei ihm liefen die Fäden zusammen. Hans, der knallharte Geschäftsmann mit einer kindlichen Freude am Experiment. Hatte er ein neues Produkt ausgeheckt, ließ er es im betriebseigenen Kindergarten testen.

Und Hans Riegel war stur. Mehr als 60 Jahre stand er an der Spitze des Unternehmens, entschied allein über Wohl und Weh. Ruhestand kam für ihn nicht infrage. Dabei drängte sich die Nachfolgefrage immer mehr auf. Schließlich war Hans kinderlos, anders als sein Bruder und Mitinhaber Paul, der seine Anteile gleich auf vier Kinder aufteilte.

Jahrelang schwelte zwischen den Familienstämmen ein Nachfolgestreit, der erst nach dem Tod von Paul Riegel und mit der Hilfe von Anwälten beigelegt werden konnte. Heute sorgen eine Stiftung und eine Holding dafür, dass Haribo in der Familie bleibt. „Für Unternehmen mit solch patriarchalischen Strukturen ist die Nachfolge ein heikles Thema“, sagt Arist von Schlippe, Professor für Unternehmensführung an der Uni Witten-Herdecke. Wo sich vorher die Entscheidungen auf einen Einzelnen konzentrierten, müssten auf einmal viele Verantwortung übernehmen. Oft herrsche in dieser postpatriarchalen Phase Orientierungslosigkeit.

Von Einstein bis Gottschalk - skurrile Fakten über Haribo
Erstes Fabrikgebäude war eine Waschküche1920 gründete der gelernte Bonbonkocher Hans Riegel Senior die Firma Haribo in einer Hinterhof-Waschküche in der Bergstraße in Bonn-Kessenich. Am 13. Dezember 1920 lässt er Haribo (als Akronym für Hans Riegel Bonn) ins Handelsregister der Stadt Bonn eintragen. 1921 heiratet Riegel, seine Frau Gertrud wird die erste Haribo-Mitarbeiterin. Quelle: Presse
Startkapital: Ein Sack Zucker und ein TopfDas Startkapital des Gründers Hans Riegel bestand übrigens aus einem Sack Zucker, einer Marmorplatte, einem Hocker, einem gemauerten Herd, einem Kupferkessel und einer Walze. Mit diesen Mitteln schuf er in besagter Bonner Waschküche ein mittlerweile weltweit bekanntes Unternehmen. Quelle: dapd
100 Millionen GummibärchenMittlerweile produziert das Familienunternehmen pro Tag 100 Millionen seiner Goldbären. Würde man die einzelnen Bären aus der Produktion eines Jahres nebeneinander stellen, hätte man eine Goldbärenkette von 160.306 Kilometer Länge. Mit der einer Jahresproduktion an Gummibärchen könnte man also vier mal die Erde umrunden. Verkauft werden die Goldbären übrigens weltweit, beispielsweise als "Gold-Bears", "Ositos de Oro" oder "Zlote Misie". Quelle: dpa/dpaweb
Fast 470.000 Kilometer LakritzWürde man übrigens die gesamte Jahresproduktion an Lakritzschnecken von Haribo aufrollen und aneinander reihen, hätte man einen Lakritzstrang von 468.000 Kilometer Länge. Damit ließe sich die Distanz zwischen der Erde und dem Mond überbrücken. Quelle: dpa/dpaweb
SloganSeit den 1930er Jahren wirbt Haribo damit, Kinder froh zu machen. Mitte der 60er ergänzte Unternehmensgründer Hans Riegel die Werbebotschaft um den Zusatz "und Erwachsene ebenso". Mit Erfolg: Laut Angaben des Unternehmens kennen 98 Prozent der Deutschen den Werbeslogan und verbinden das Unternehmen aus Bonn auch damit. Quelle: Presse
WerbepartnerschaftEbenfalls ein cleverer Schachzug des Unternehmens war die Verpflichtung des Moderators und Showmasters Thomas Gottschalk als Werbegesicht. Ab 1991 macht Gottschalk Reklame für Goldbären, Colorado und Lakritz, das ist die längste Werbepartnerschaft der Welt. Sie bescherte sowohl Gottschalk als auch Haribo neben den entsprechenden Einnahmen auch einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. 2014 kündigten Gottschalk und Haribo das Ende der Zusammenarbeit an. Quelle: obs
Berühmte FansDoch auch schon bevor Gottschalk begann, für Haribo zu werben, konnte die Marke viele Fans gewinnen. Kaiser Wilhelm II. beispielsweise schrieb aus seinem Exil in Doorn, dass die Gummibärchen aus Bonn das Beste seien, was die Weimarer Republik hervorgebracht habe. Auch Albert Einstein, Erich Kästner, Heinz Rühmann, Konrad Adenauer und Hans-Dietrich Genscher hatten immer Goldbären bei sich. Und auch in Übersee erfreuen sich Goldbären großer Beliebtheit. So sagte die US-Schauspielerin Reese Witherspoon, deren Vater sechs Jahre Militärarzt in Wiesbaden war, in einem Interview, dass Deutschland "die tollsten Süßigkeiten" habe und dass Gummibären "doch die beste Erfindung" seien. Quelle: dpa

Herr Phiesel, Sie sind seit 25 Jahren bei Haribo und haben sehr eng mit dem vor einem Jahr verstorbenen Hans Riegel zusammengearbeitet, der in der Öffentlichkeit als Mister Haribo bekannt war. Was für eine Persönlichkeit war er?

Phiesel: Herr Dr. Riegel war ein herausragender Unternehmer. Sein Leben und das Unternehmen, das war für ihn eins. Er hat alles dem Erfolg untergeordnet. Und er hatte Mut zu Entscheidungen, auch zu solchen, die man in keinem Lehrbuch findet.

Er soll sich zum Beispiel Anfang der Fünfzigerjahre bei der Sparkasse Bonn mit der Bedienung eines Kredits wenige Tage verspätet haben. Daraufhin marschierten Mitarbeiter der Sparkasse ins Werk und pfändeten Zuckersäcke. Ihr Onkel soll seitdem nie wieder einen Bankkredit aufgenommen haben?

Riegel: Ja, eine sehr weise Entscheidung.

Die noch heute gilt?

Riegel: Aber zu 100 Prozent.

Grafik dazu, wie der Süßwarenkonzern Haribo organisiert ist

Haribo hat also auch heute keine Kredite bei Banken?

Phiesel: Nein. Wir können unsere Investitionsentscheidungen am Geschäft orientiert selbst treffen. Das ist ein Riesenvorteil. Vor der Finanzkrise kamen ständig Banker auf uns zu und hielten uns vor, wir würden eine falsche Bilanzpolitik betreiben und sollten doch mehr Fremdkapital aufnehmen. Nach der Finanzkrise kam niemand mehr.

Riegel: Aber die Zeiten haben sich geändert. Heute nimmt man ja keine Kredite mehr auf, heute begibt man Anleihen...

So wie Ihr Konkurrent Katjes? Nachdem einige Papiere geplatzt sind, gilt das Segment der Mittelstandsanleihen eher als unseriös. Es wird also keine Haribo-Anleihe geben?

Riegel: Korrekt.

Bei Haribo stehen Investitionen für mehr als 500 Millionen Euro an: der Bau einer neuen Zentrale samt Produktion und Logistikzentrum im rheinland-pfälzischen Grafschaft und eine neue Fabrik in Großbritannien. Das bezahlen Sie alles aus der eigenen Kasse?

Selbstfinanzierte Expansion

Phiesel: Wir finanzieren unsere gesamte Expansion selbst.

630 000 Kubikmeter Erde sind ausgebuddelt und abtransportiert worden – für die Zukunft von Haribo. In Kürze soll mit dem Bau der riesigen Lagerhallen, der sechs Produktionslinien und der Verwaltungsgebäude in Grafschaft im Kreis Ahrweiler begonnen werden. Die neue Haribo-Zentrale steht dann 30 Kilometer von Haribos Geburtsstätte in Bonn-Kessenich entfernt.

Ein Tabubruch – schließlich steht Haribo für „Hans Riegel Bonn“. Doch es ist nicht die einzige Tradition, mit der Riegel und Phiesel in ihrem ersten Jahr an der Spitze brechen. Zur Fußball-WM in Brasilien gab es erstmals einen blauen Goldbären. Und auch beim Auslandsgeschäft geht das Duo mehr Risiken ein als seine Vorgänger.

Sie sind bei Geschäftszahlen sehr verschwiegen. Laut Bundesanzeiger von 2012 lag der Umsatz in Deutschland bei rund 650 Millionen Euro. Insgesamt wird der Umsatz bei Haribo weltweit auf mehr als 2,3 Milliarden Euro geschätzt... Sie zucken nur mit den Schultern?

Riegel: Wir veröffentlichen keine Zahlen, und wir nennen auch hier keine.

Phiesel: Ich kann ja mal eine andere Zahl nennen: Wir haben in den vergangenen vier Jahren knapp 1000 Mitarbeiter neu eingestellt. Damit beschäftigen wir nun fast 7000 Menschen weltweit.

Das heißt, Haribo wächst. Wo kommt dieses Wachstum her?

Phiesel: Wir sind 2013 zweistellig gewachsen, betrachtet man all unsere Aktivitäten in 23 Ländern zusammen. Dabei ist der Markt für Zuckerwaren – also Kaugummi, Fruchtgummi und Bonbons – in den Ländern insgesamt nur um zwei Prozent gewachsen. Wir haben die Kapazitäten in unseren Werken in der Türkei und in Ungarn verdoppelt. Und in das neue Werk in Großbritannien investieren wir knapp 150 Millionen Euro.

Riegel: Oberste Priorität hat für uns jetzt die Expansion außerhalb Europas. Mein Onkel und mein Vater haben Haribo sehr gut in Europa etabliert. Das ist für uns die Basis, um jetzt in Übersee zu wachsen.

Wo geht die Reise denn hin?

Phiesel: Wir bereiten den Markteintritt in China vor. Dazu haben wir in Shanghai eine Gesellschaft gegründet und werden dort 2015 einen zweistelligen Millionenbetrag investieren. Seit anderthalb Jahren sind wir mit einem Marktforschungsteam vor Ort. Als Nächstes werden wir unsere Produkte über einen Vertriebspartner in die Supermärkte bringen.

Riegel: Und wir werden dort mit Werbung starten – aber Schritt für Schritt. China und die USA sind die größten Wachstumsmärkte für uns. Aber wir sind vorsichtig, gerade vor China haben wir großen Respekt.

Fürchten Sie etwa gefälschte Goldbären?

Riegel: Das wird mit Sicherheit kommen. Seitdem unsere Mannschaft drüben in Shanghai ist, haben wir kaum etwas anderes gemacht, als Markenrechte zu schützen. Wir starten in China erst richtig durch, wenn unsere Marke geschützt ist.

In den USA ist Haribo schon seit 1982 mit einem Verkaufsbüro aktiv. Trotzdem sind Sie dort nicht mal in den Top 30 der umsatzstärksten Süßwarenproduzenten. Wie soll sich das ändern?

Phiesel: Unsere Goldbären sind der bestverkaufte Einzelartikel unter den amerikanischen Süßwaren – abgesehen von Schokoladenartikeln, die den Markt dort dominieren. Wir haben unseren Umsatz in den letzten drei Jahren verdoppelt, und seit Anfang des Jahres gibt es ein zweites Büro in Chicago. Darüber hinaus haben wir die Teamstärke auf das neue Geschäftsvolumen in den USA angepasst.

Riegel: Wir wachsen dort zweistellig. In zwei, drei Jahren wollen wir auch mit der Produktion vor Ort starten. Herr Phiesel und ich haben uns Anfang Dezember Standorte für eine Fabrik angeschaut.

Haribo nicht im Fokus

Auch die Russen mögen Ihre Goldbären und Lakritzschnecken. Spüren Sie die Auswirkungen der Ukraine-Krise?

Phiesel: Wir sind seit mehr als einem Jahrzehnt in Russland aktiv und dort Marktführer. Das Wachstum wird auch in diesem Jahr hoch zweistellig sein. Was uns belastet, ist die Abwertung des Rubel. Aber wir investieren weiter in Russland.

Sie spüren die Sanktionen also nicht?

Phiesel: Es ist nicht einfach. Es gibt in Moskau Beamte, die durch die Supermärkte gehen und in den Regalen westliche Produkte aussortieren. Die Händler müssen dann hohe Strafen zahlen. Unsere Produkte stehen nicht auf diesen Listen, weil sie offenbar nicht so im Fokus stehen.

Riegel: Aber sie könnten morgen draufstehen, wer weiß das schon.

Wie wichtig ist denn Ihr Heimatmarkt Deutschland für Haribo?

Phiesel: Noch ist Deutschland der wichtigste Markt für uns mit einem Umsatzanteil von fast 50 Prozent. Wir wachsen einstellig.

Haribo steht für Hans Riegel Bonn, trotzdem bauen Sie eine neue Zentrale im 30 Kilometer entfernten Grafschaft. Warum?

Riegel: Wir benennen uns jedenfalls nicht in Harigra um, falls der Witz gleich kommt.

Diese Frage verkneifen wir uns. Aber wie nimmt die Belegschaft den Umzug auf?

Riegel: Die Reaktionen waren positiv, vor allem in der Produktion. Viele haben sich gefragt, was aus dem Werk in Bonn wird. Das bleibt, die Arbeitsplätze sind sicher.

Mit dem Wechsel nach Rheinland-Pfalz ziehen Sie in eine steuergünstigere Region. Das ist doch kein Zufall, oder?

Riegel: Die Entscheidung für Grafschaft ist eine für weit mehr als die kommenden 50 Jahre. Glauben Sie, die hätten wir aufgrund einer Vergünstigung bei der Gewerbesteuer getroffen? Gibt es die in 30 Jahren überhaupt noch? Wenn ja, wie hoch ist sie dann? Ich treffe meine Entscheidungen nicht auf diesem Niveau.

Was spricht dann für Grafschaft?

Riegel: Wir haben mit externen Fachleuten mehr als 100 Standorte im Umkreis von maximal 40 Kilometern geprüft. Am Schluss dieses Auswahlverfahrens waren Grafschaft und Euskirchen übrig. Und Grafschaft ist für unsere Mitarbeiter besser zu erreichen. Die Wahl haben Aufsichtsrat und Geschäftsführung schon 2012 einhellig getroffen, als mein Onkel noch lebte.

Luxemburgs Premierminister sagte im Rahmen der Diskussion um umstrittene Steuersparmodelle, dass nicht nur Konzerne wie Amazon oder E.On von Vergünstigungen in Luxemburg profitieren, sondern auch Familienunternehmen wie Haribo.

Phiesel: Unsere Marke wurde nur genannt, weil sie bekannt ist. Luxemburg will von Haribos gutem Ruf profitieren. Das ist unverschämt.

Riegel: Wir wollen von Luxemburg aus künftig unser internationales Duty-free-Geschäft steuern. Das ist ein ganz normales Geschäft und hat nichts mit den erwähnten Steuerspartricks zu tun. Wir haben dort keine Briefkastenfirma und planen auch keine Verlagerung von Umsätzen oder Gewinnen. Die Markenrechte von Haribo liegen bei den deutschen Gesellschaften, die produzierenden Gesellschaften führen Lizenzgebühren nach Deutschland ab, und dort werden sie auch versteuert.

Haribo hat also von seinem Engagement dort keine steuerlichen Vergünstigungen?

Riegel: Sollten sich welche ergeben, nutzen wir diese selbstverständlich. Aber wir tricksen nicht. Und wir würden doch nie die neue Zentrale 17 Kilometer entfernt von Bonn in Rheinland-Pfalz bauen, wenn wir nicht in Deutschland bleiben wollten.

Der Wechsel von Gottschalk zu Bully

In der Fußgängerzone in Bremen, Ende der Vierzigerjahre: Hans Riegel hat gemeinsam mit Bruder Paul Haribo vor wenigen Jahren vom Vater übernommen. Jetzt will Hans wissen, wie bekannt die Marke ist. „Kennen Sie Haribo?“, fragt er den erstbesten Passanten. „Tut mir leid, ich bin nicht von hier“, lautet die Antwort. Riegel beschließt, konsequent für die Marke zu werben.

Die Werbung ist Haribos Erfolgsgeheimnis. Beinahe 99 Prozent der Deutschen kennen die Marke. Seit 1962 wirbt Haribo im Fernsehen, schon damals mit dem Slogan „Haribo macht Kinder froh“. Im gleichen Jahr hängt Hans Riegel das „Und Erwachsene ebenso“ an. 1991 flimmert der erste TV-Spot mit Thomas Gottschalk in den Fernsehern. Den Entertainer und Dr. Riegel verband eine enge Freundschaft. Doch die Ära ist bald zu Ende: Nach 23 Jahren und mehr als 260 Werbespots zieht sich Gottschalk zurück. 2015 übernimmt Comedian Michael „Bully“ Herbig.

Ihr Budget für Werbung ist enorm: Alleine im vergangenen Jahr haben Sie in Deutschland knapp 40 Millionen Euro für die TV-Spots mit Thomas Gottschalk ausgegeben. Wie viel sparen Sie durch den Wechsel zu Michael „Bully“ Herbig?

Phiesel: Richtig, wir sind im vergangenen Jahr unter die 20 größten Werbung treibenden Hersteller von Produkten für den täglichen Konsum in Deutschland aufgestiegen. Aber wir reduzieren unser Budget nicht, wir stocken sogar auf.

Was hat dann zur Entscheidung geführt, ein neues Gesicht zu engagieren?

Riegel: Thomas Gottschalk hat uns viel gebracht. Dieses Jahr ist er weiter zu sehen, und wir werden auch 2015 mit ihm noch Spots machen. Aber wir waren uns immer einig, dass unsere Partnerschaft nach nunmehr einem Vierteljahrhundert irgendwann enden wird.

Bevor die Zustimmungswerte sinken?

Riegel: Nein, diese Gefahr haben wir nicht gesehen. Uns allen war wichtig, dass wir als langjährige Partner und Freunde die Übergabe an ein neues Gesicht gemeinsam entscheiden und vorbereiten. Und alle Beteiligten sind mit dieser Wahl sehr zufrieden – das hat Thomas Gottschalk im Übrigen auch selbst öffentlich unterstrichen.

Warum ist Herbig der Richtige für Haribo?

Phiesel: Er ist ein Familienmensch. Und wir sind auch Familienmenschen. Er verkörpert die Werte unserer Marke durch seinen Humor und gewährleistet so die Kontinuität im Werbeauftritt von Haribo.

In der Familie Riegel gibt es sehr gute Badminton-Spieler. Herr Riegel, Sie sind Chef des Haribo Racing Teams und sitzen selbst hinter dem Steuer eines 500-PS-starken, schwarzen Porsche. Woher kommt dieses Faible für Geschwindigkeit?

Riegel: Mein Onkel hat Badminton gespielt, mein Vater, mein Bruder Hans-Jürgen und dessen Frau auch. Bei mir liegt die Leidenschaft zum Motorsport wohl an der Nähe zum Nürburgring, den man in gut 30 Minuten erreicht. Ich habe dort schon als Kind mit meinen Eltern im Privat-Pkw Runden gedreht oder bei Rennen zugeschaut.

Sind Autorennen für einen Unternehmer nicht ein gefährliches Hobby?

Riegel: Daran hat auch ständig mein Onkel herumgemosert. Zu meiner Frau hat er immer gesagt: Sorg mal dafür, dass der damit aufhört.

Brüderlicher Zwist im Familienunternehmen

Das Unternehmen lief fast immer gut. Die familiären Beziehungen nicht. Jahrelang sollen die beiden verstorbenen Brüder Hans und Paul nicht miteinander geredet haben. Und auch zwischen Hans Riegel und seinem ältesten Neffen Hans-Jürgen kam es zum Bruch. Der galt lange als Thronfolger und soll deshalb sogar von seinem Vater Paul bei der Verteilung seiner Unternehmensanteile auf seine Kinder benachteiligt worden sein. Doch 2006 warf Hans-Jürgen frustriert das Handtuch, als der Onkel immer noch keine Anstalten machte abzudanken.

Seitdem hat sich Hans-Jürgen, einziges Kind aus Pauls erster Ehe, nicht nur vom Unternehmen distanziert. Das Verhältnis zu seinem Halbbruder Hans Guido soll angespannt sein, sagt einer, der die Brüder lange kennt. Hans-Jürgen beschäftigt sich heute mit anderen Dingen: Er leitet eine Stiftung zur Förderung der Forschung an der seltenen Immunkrankheit PNH, an der auch seine Tochter erkrankt ist. Oder er kümmert sich um seine anderen Beteiligungen neben Haribo, um die österreichische Mineralwassermarke Peterquelle oder den auf Kosmetikprodukte spezialisierten Handelsmarkenhersteller Beromin. Erst Ende November ist er mit dem Segelboot zu einer Atlantiküberquerung aufgebrochen. An seiner Stelle steht jetzt Hans Guido an der Spitze. Den Aufsichtsrat der Haribo Holding leitet sein Bruder Hans Arndt. Der arbeitete bereits als Jurist im Unternehmen und leitet die Paul Riegel Holding, in der die vier Geschwister ihre Anteile bündeln.

Hans Riegel hat immer gesagt, Haribo sei unverkäuflich. Bleibt es dabei?

Phiesel: Ja, das sehen beide Seiten so: die Stiftung, in der Dr. Riegel seine 50 Prozent der Anteile gebündelt hat, und die Holding der Riegel-Geschwister, die ja auch 50 Prozent an Haribo hält. Wir haben uns gegenseitig Vorkaufsrechte gewährt, sodass das Unternehmen nachhaltig gesichert ist. Es wird in absehbarer Zeit auch keine Beteiligung von einem Investor geben.

Herr Riegel, wie ist es für Sie, von Ihrem kleinen Bruder Hans Arndt im Aufsichtsrat kontrolliert zu werden?

Riegel: Das ist kein Problem. Er ist ja auch nicht der kleine Bruder: Er ist zwar jünger, aber größer als ich. Und er macht seinen Job gut. Wir verstehen den Aufsichtsrat ohnehin nicht als ein klassisches Kontrollorgan.

Sondern?

Riegel: Als eine Beratungsinstanz. Wir haben regelmäßig geplante Zusammenkünfte, bitten den Aufsichtsrat aber auch bei Bedarf spontan um ein Gespräch. Wir haben bewusst festgelegt, dass mit Hans Arndt der Vorsitzende ein Familienmitglied ist. Aber es ist auch bewusst festgeschrieben, dass ein Teil des Aufsichtsrats mit Familienfremden besetzt ist.

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Viele Familienunternehmen setzen Kriterien für potenzielle Nachfolger an der Spitze fest. Gibt es die bei Haribo auch?

Riegel: Ja, es gibt diese Kriterien, sie sind in einer Familien-Charta festgeschrieben. Aber das ist ein reines Gesellschafterthema und hat in diesem Gespräch nichts zu suchen.

Können Sie sich Haribo auch ohne einen Riegel in der obersten Etage vorstellen?

Riegel: Selbstverständlich. Wir haben eine Struktur, bei der Familie und Fremdmanager vernünftig miteinander ein Unternehmen leiten. Bei einem Familienbetrieb ist es ein Vorteil, wenn diejenigen, die mit eigenem Kapital im Risiko stehen, das Unternehmen mit führen. Aber wenn das mal nicht möglich ist, sei es aus Altersgründen, sei es aufgrund von anderen Interessen, kann dieser Zeitraum auch mal für 10 oder 15 Jahre mit einem externen Manager überbrückt werden.

Wäre auch ein endgültiger Abschied der Familie denkbar?

Riegel: Nein, das ist nicht vorgesehen.

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