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Handelsblatt-Energietagung Großmann mahnt europäische Energiepolitik an

RWE-Chef Jürgen Großmann mahnt eine gemeinsame europäische Energiepolitik an. Da liegt es nah, auch Spitzen gegen Günther Oettinger und Philipp Rösler zu verteilen. Doch der Wirtschaftsminister wehrt sich.

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Der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers RWE, Jürgen Großmann. Quelle: dapd

Berlin Das konnte RWE-Chef Jürgen Großmann so wirklich nicht auf sich sitzen lassen. In der vergangenen Woche regte EU-Energiekommissar Günther Oettinger doch tatsächlich eine Fusion der beiden größten deutschen Energiekonzerne Eon und RWE an.

Diese, stichelte Oettinger, spielten doch im Weltmaßstab nur Regionalliga. Großmann nahm den Ball auf der Handelsblatt Jahrestagung „Energiewirtschaft 2012“ in Berlin dankbar auf. Die Tagung sei auch nicht mehr das, was sie einmal gewesen sei, rief er den 1200 Managern beim größten Branchentreffen in Deutschland zu. „Hier wird dritte Liga geboten. Früher kamen an dieser Stelle wirklich einflussreiche europäische Energieversorger zu Wort. Heute bin ich da. Der vom Regionalligaclub RWE.“

Aber, die Anwesenden könnten beruhigt sein. „Bevor der HSV mit St. Pauli, 1860 mit den Bayern oder Hertha mit Union fusioniert, fällt den Verantwortlichen vielleicht doch noch was anderes ein.“ Doch es ging Großmann auch ganz ernsthaft um die Sache: Der RWE-Chef, der wie kein zweiter Energiemanager im vergangenen Jahr für die Zukunft der Kernenergie gekämpft hatte, bekannte sich grundsätzlich zur Energiewende, die die Bundesregierung im vergangenen Sommer nach dem Reaktorunglück von Fukushima eingeleitet hat  „Wir akzeptieren selbstverständlich das Primat der Politik“, sagte Großmann. „An RWE wird die Energiewende ganz sicher nicht scheitern.“

Die Energiewende sei auch machbar. „Im Jahr 2050 kann die deutsche Stromversorgung klimaneutral sein“, sagte Großmann, „das Ziel ist aber sehr ehrgeizig – einfach wird das nicht.“

Großmann warnte aber vor den Risiken für die Netzstabilität, vor den ausufernden Kosten der Förderung erneuerbarer Energien und vor der fehlenden Harmonisierung der europäischen Energiepolitik.

Bundeswirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) sah dies anders und rief seinerseits die Wirtschaft zur Umsetzung der Energiewende auf. „Die Politik setzt den Rahmen, die Wirtschaft wird ihn ausfüllen müssen“, sagte der Minister zum Auftakt der Tagung.


Streit um Netzausbau

Nach Überzeugung Röslers hat die Bundesregierung bereits die entscheidenden Weichen gestellt. Der Minister verwies auf die Beschlüsse zur Beschleunigung des Netzausbaus. Mit dem Bundesbedarfsplan für den Ausbau der Übertragungsnetze, der am 3. Juni vorgelegt wird und später vom Bundestag beschlossen werden soll, leiste man einen wesentlichen Beitrag zur Verkürzung und Vereinheitlichung von Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Rösler wehrte sich gegen den Vorwurf der Netzbetreiber, Investitionen in neue Netze lohnten sich nicht. Die Bundesregierung habe bereits im vergangenen Jahr für verbesserte Investitionsbedingungen gesorgt. Die Netzbetreiber beklagen, sie erhielten die Rückflüsse für Investitionen in neue Netze in Form von Netzentgelten nur mit bis zu zwei Jahren Zeitverzug. Das drücke die Renditen. Diesen Missstand hat die Bundesregierung nun abgestellt.

Auch hier hielt Großmann dagegen: Die Netzexperten des Übertragungsnetzexperten Amprion, an dem RWE im vergangenen Jahr 75 Prozent veräußerte, seien „den ein oder anderen Tag ins Schwitzen gekommen“  – und Großmann mit ihnen. „Schließlich hätte es bei jedem Flackern der Glühbirne geheißen: Das macht der doch extra, dieser Atomboss.“

Deutschland sei bisher zum einen von einem Blackout verschon geblieben, weil intelligente Reserven in den Kraftwerken bereit gehalten würden. Zum anderen aber auch, weil die europäischen Nachbarn mithelfen.  „Insbesondere aus dem Atomland Frankreich haben wir 2011 unsere Bezüge gesteigert.“

Dies zeige, dass in der Energiewirtschaft Europa Realität sei, sagte Großmann. In der Energiepolitik sei dies aber leider nicht so. „Wir haben einen Rückfall in national geprägtes Handeln erlebt, ohne Rücksicht auf Nachbarn, Partner, Märkte und ohne Rücksicht auf Verluste“, kritisierte er den deutschen Sonderweg. „Doch politische und unternehmerische Antworten dürfen heute nicht mehr nur auf den eigenen Kirchturm gerichtet sein.“ Ohne europäische Solidarität und ohne eine europäische Energiepolitik lassen sich die angestrebten Ziele nicht erreichen – zumindest nicht ohne exorbitante Kostensteigerungen.“

So müssten auch die Stromverbraucher anderer Länder die Kosten der Energiewende tragen. „So war unmittelbar nach Abschaltung deutscher Kernkraftwerksleistung ein deutlicher Anstieg der Großhandelspreise an den Börsen zu besichtigen.“ Energiekommissar Oettinger habe die Bundesregierung deshalb klar davor gewarnt, weiterhin in nationalen Alleingängen Energiepolitik auf Kosten Europas zu betreiben.


Wind an der Küste, Sonne im Süden

Großmann klagte auch über die Förderung der erneuerbaren Energien in Deutschland, die seiner Meinung nach die falschen Akzente setzt.  „Die Förderung der Erneuerbaren ist in Deutschland zu einer unglaublichen Umverteilungsmaschine geworden – sozial wie regional“, sagte Großmann, „allein es fehlt der Sinn. 2011 seien über das Erneuerbare-Energien-Gesetz knapp 17 Milliarden Euro von den Stromverbrauchern eingesammelt und an die Anlagenbetreiber ausgeschüttet. „So finanziert der Minijobber aus Berlin-Moabit die Solaranlage auf dem Praxisdach meines Zahnarztes im Chiemgau.“

Besonders die Förderung der Solarenergie, kritisierte er scharf. Gemessen an der hohen Förderung – 2011 8,1 Milliarden Euro - und dem geringen Beitrag zur Produktion – nur drei Prozent - sei Strom aus Photovoltaik  viermal so teuer wie Strom aus Wind. Eine Kilowattstunde Strom aus Photovoltaik koste 41 Cent, während es bei Wind nur neun Cent seien. Zum Vergleich verwies er auf den Spotpreis an der Börse, der im Jahresdurchschnitt 2011 gut 5 Cent pro Kilowattstunde für Grundlaststrom und knapp 6 Cent pro Kilowattstunde für Spitzenlaststrom betragen haben.

„Die Kosten der Energiewende in Deutschland bewegen sich in einer Größenordnung von 250 bis 300 Milliarden Euro. Zusätzlich zu den Kosten der Finanz- und Schuldenkrise.“, mahnte Großmann.

Bereits bei der gegenwärtigen EEG-Umlage komme ein privater Haushalt auf bis zu 150 Euro Mehrkosten im Jahr. Ein typischer Gewerbekunde, etwa ein Metall verarbeitender Betrieb mittlerer Größe, müsse sogar über 50.000 Euro mehr ausgeben. Ein energieintensiver Kunde komme – trotz bestehender Vergünstigungen bei der EEG-Umlage – auf etwa 1 Million Euro.

Nach Großmanns Worten wäre auch bei den erneuerbaren Energien ein europäischer Ansatz richtig. Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss vorrangig an den Standorten erfolgen, an denen die besten Voraussetzungen bestehen. „In anderen Lebensbereichen akzeptieren wir das ja auch: So gilt der Italiener als feuriger Liebhaber, die Franzosen haben die beste Küche, die Österreicher die talentiertesten Skifahrer, die Niederländer können die besten Deiche bauen und wir Deutschen haben den strengsten TÜV. Kaum jemand von Ihnen würde die Italiener Deiche bauen und die Briten kochen lassen. Es sei denn, es ist Jamie Oliver.“ Er verwies auf eine Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln. Dies hatte errechnet, dass rund 170 Milliarden Euro bis 2020 gespart werden könnten, wenn nur die ertragreichsten erneuerbaren Technologien an den jeweils besten Standorten Europas genutzt würden. Das heißt:  Windkraftwerke an die Küste, Sonnenkollektoren in den Süden.

 

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