Hannover Messe Europa investiert zu wenig

Wie die EU-Kommissarin für Industrie, Elzbieta Bienkowska, der Manager-Elite auf der Hannover Messe den Marsch blies.

Elzbieta Bienkowska Quelle: dpa

"Business Opportunities for the Smart Service World" - zu dieser Podiumsdiskussion sollte EU-Kommissarin Bienkowska den in Halle 6 versammelten Ingenieuren und Kaufleuten warme Einführungsworte mit auf den Weg geben. Stattdessen rechnete die Kommissarin mit der digitalen Lahmheit der europäischen Manager ab. "Ich soll hier über neue Geschäftschancen reden. Aber die scheinen sich derzeit noch weit entfernt anzufühlen", eröffnete sie ihr Lamento. Erstens: "Die europäische Industrie investiert zu wenig!"  Noch immer lägen die Investitionen zwanzig Prozent  unter dem Stand vor der Finanzkrise. Das entspräche einer Lücke von 500 Milliarden Euro. In einigen Branchen hätten die CEOs Investitionen innerhalb Europas seit sieben oder acht Jahren gleich ganz eingestellt. Und sämtliche Brachen sparten bei den neuen Technologien. In Forschung und Entwicklung legten die EU-Unternehmen gerade mal 40 Prozent der vergleichbaren US-Budgets an. Und am allerschlimmsten: "Weniger als zwei Prozent der EU-Unternehmen nutzen alle Möglichkeiten, die sich aus mobilen Anwendungen, social media, cloud computing und big data ergeben", zürnte Bienkowska. 41 Prozent nutzen gar nichts von alledem. Das kostete Europa im Vergleich zu Amerika rund 1,5 Millionen Jobs.

Kollege Roboter lässt grüßen
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schäkert bei der Eröffnung der Hannover Messe in Hannover mit indischen Maskottchen. Schon vor der Eröffnung hat sich Merkel für intensivere Handelsbeziehungen zum diesjährigen Messepartnerland Indien ausgesprochen. „Der Handel zwischen Deutschland und Indien kann noch verbessert werden, obwohl Deutschland schon der größte europäische Handelspartner Indiens ist“, sagte Merkel am Sonntagabend. Quelle: dpa
Merkel eröffnete die Messe am Abend gemeinsam mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi. Dabei mahnte sie zur Wachsamkeit: „Wir müssen in Europa einfach einen Zahn zulegen, genauso wie wir auch in Deutschland einen Zahn zulegen müssen“, sagte sie am Sonntag zur Eröffnung der weltgrößten Industrieschau . „Wir müssen uns jeden Tag ändern“, forderte Merkel mit Blick auf das Zukunftsthema vernetzte Produktion. Auch Modis Land will sich in Hannover als fortschrittliches Technologieland präsentieren. Modi versprach Reformen in seinem Land, um Handel zu erleichtern. „Für uns hat es außerdem höchste Priorität, eine Weltklasse-Infrastruktur zu schaffen“, sagte er. Quelle: dpa
Obwohl beide Länder ihre Beziehungen seit der Öffnung Indiens für Europa durch diverse Reformen ab 1991 intensivieren wollen, hat der bilaterale Handel wegen der Wachstumsschwäche der indischen Wirtschaft zuletzt abgenommen. So schrumpfte das Handelsvolumen in der Saison 2013 -2014 im Vergleich zur Vorperiode um 7,4 Prozent auf 16,1 Milliarden Euro. In der Rangfolge der deutschen Handelspartner steht Indien auf Platz 24, bei Ein- und Ausfuhren auf Platz 25. Umgekehrt steht Deutschland in Indien als Lieferant an 9. Stelle und als Abnehmer indischer Waren an 8. Stelle. In Indien werden vor allem Investitionsgüter nachgefragt, also Maschinen, die etwa ein Drittel am Gesamtexport nach Indien ausmachen, sowie Elektrotechnologie, Metallwaren, Chemie, Automobile. Nun will Indien wieder in di Offensive gehen und selbst als Handelspartner attraktiver werden. Mit seiner Milliardenbevölkerung will in diesem Jahr China als wachstumstärkstes Schwellenland überholen. Quelle: dpa
Nach Dampfmaschine, Fließband und Elektronik soll der Wirtschaft nun die vierte Revolution bevorstehen: die Vernetzung von Produkt, Maschine und Werkzeug in der Industrie 4.0. Quelle: dpa
Doch nur schleppend nimmt die nächste Entwicklungsstufe der Produktion in Deutschland Fahrt auf: Nur etwa die Hälfte der großen Unternehmen und 43 Prozent der Mittelständler messen der Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung bei, ergab eine aktuelle Umfrage des Digitalverbands Bitkom. Quelle: dpa
Ein Grund ist laut Bitkom, dass viele Unternehmen die Chancen der Industrie 4.0 unterschätzen. Bei der Hannover Messe sollen ihre Möglichkeiten Gestalt annehmen. Schon zum dritten mal verschreibt sich die Hannover Messe damit demselben Thema, dieses Mal unter dem Titel „Integrated Industries – Join the Network“. Quelle: dpa
Mensch-Maschine-Kooperation ist ein zentrales Thema bei der diesjährigen Ausgabe der Messe. Die nächste Generation Roboter soll nicht mehr hinter Gittern, sondern Seite an Seite mit dem Facharbeiter werken. Ein Beispiel ist das Greifsystem des Herstellers Schunk. Quelle: dpa
Messe-Star aus dem Bereich ist der Kleinroboter der Firma ABB. Kurz bevor die ersten Besucher die Messehallen erobern, bereitet ein Ingenieur YuMi auf seinen großen Auftritt vor. Quelle: dpa
An der Seite von Messe-Vorstand Jochen Köckler hatte YuMi schon vor dem Veranstaltungsbeginn seinen ersten großen Auftritt. Bei der Eröffnungs-Pressekonferenz führte er auf der Bühne seine gelenkigen Arme Form. (Foto: Hannover Messe) Quelle: Handelsblatt Online
Die Firma Kuka will sich mit ihren Leichtrobotern ebenfalls in dem Feld positionieren und liefert bereits Modelle etwa an die großen Autobauer. So bedient eine Softwareentwicklerin auf der Hannover Messe am Stand von Volkswagen einen Kuka-Roboter. Quelle: dpa
„eMotion“ heißt es am Messestand der Firma Festo. Das Unternehmen für Steuerungs- und Automatisierungstechnik stellt in Hannover unter anderem ultraleichte Flugobjekte in Gestalt von Schmetterlingen vor, die ihr Flugverhalten im Kollektiv koordinieren. Quelle: REUTERS
Und Festo hat weitere Technologien im Angebot, die Vorbilder in der Natur haben. Für die Roboterameisen „BionicANTs“ hat sich die Firma nicht nur die filigrane Anatomie der natürlichen Ameise zum Vorbild genommen. Sie hat auch das kooperative Verhalten der Insekten mittels komplexer Regelalgorithmen in die Welt der Technik übertragen. Quelle: dpa
Indien ist in diesem Jahr erneut Partnerland der Hannover Messe. Rund 400 Aussteller aus dem Land sind vertreten und eine hochkarätig besetzte Delegation reist nach Deutschland. Mit dabei ist auch der neue Premierminister Narendra Modi. Quelle: dpa

Zusammengefasst: Die europäische Industrie verschlafe den Wettbewerb, vor allem den um die so genannten Smart Services, den neuen digitalen Dienstleistungen rund um die alten Geschäftsmodelle. Und das sei tödlich: "Es gibt keine nicht-digitalen Geschäftsmodelle mehr".

Und woran liegt das europäische Beharrungsvermögen? Die EU-Kommissarin nennt vier Gründe. Es sei schwer für europäische Unternehmen an frisches Geld zu kommen. Eher gingen außereuropäische Banken und Investoren ins Risiko als einheimische. Noch immer fehle es zudem an digitalen Standards. Das und mangelnde Datensicherheit und Patentschutz ließe die Betriebe am Nutzen industrieller Plattformen zweifeln. Aber selbst, wer sich digitalisieren wolle, dem mangele es an den richtigen Mitarbeitern. "Wir haben rund eine halbe Millionen offene Stellen in der EU für Digital Professionals", summierte sie. Obenauf herrsche noch immer Rechtsunsicherheit und nationale Teil-Lösungen.

 

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Da nickten die ermahnten Profis im Auditorium und fragten sich: Ja, wer soll das denn ändern, wenn nicht die EU und die zuständige Kommissarin?

Die gelobte denn auch vollen Einsatz der EU für ihre Industriebetriebe: Klare Regeln für angehäufte Daten, Investitionen in digitale Industrie-Plattformen, eine Initiative zur digitalen Mitarbeiterfortbildung. Die Kommissarin schwärmte, doch Teile des Auditoriums schien an ihrem Tatendrang zu zweifeln. Vor allem bei Bienkowskas richtiger Analyse: "Unternehmen sind frustriert von tausenden Verwaltungsvorgaben, die zu lange dauern, zu teuer und ineffizient sind und noch dazu kaum zu verstehen." Stimmt genau. Bitte ändern, EU!

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