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Hauptversammlung im Internet Bayer trotzt der Coronakrise

Quelle: REUTERS

Als erster Dax-Konzern führte das Traditionsunternehmen sein Aktionärstreffen komplett online durch. Das schützte zwar die Teilnehmer vor Ansteckung mit dem Virus. Aktionärsschützer hatten dennoch einiges zu mäkeln.

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Keine Protestaktionen vor der Versammlungshalle, keine kritischen Aktionäre am Rednerpult – sondern nur sechs Bayer-Manager in einer sorgsam choreographierten Video-Übertragung. Als erster Dax-Konzern nutzte der Leverkusener Pharma- und Agrarchemie-Konzern Bayer am Dienstag angesichts der Corona-Pandemie die Möglichkeit, seine Hauptversammlung komplett online durchzuführen. Bei Aktionärsvertretern stieß das Modell aber auf wenig Begeisterung.

„Ich muss zugeben, dass dies eine ganz besondere Situation für uns alle hier ist. Einerseits sind wir damit digitaler Pionier – andererseits fehlt uns der direkte Austausch mit Ihnen“, sagte Bayer-Chef Werner Baumann gleich zu Beginn seiner Rede an die Aktionäre gewandt. Nach Bayer-Angaben nutzten zeitweise fast 5000 Teilnehmer die Möglichkeit, die Online-Hauptversammlung im Livestream zu verfolgen.

Was unübersehbar fehlte bei der Online-Hauptversammlung: Das direkte Aufeinandertreffen zwischen Management und Aktionären. Gerade einmal sechs Vorstände und Aufsichtsratsmitgliedern saßen mit weitem Abstand zueinander im großen Übertragungsstudio. Die Aktionäre hatten ihre Fragen schon Tage vor der Versammlung einreichen müssen. Nun wurden sie von Bayer-Chef Werner Baumann, Finanzvorstand Wolfgang Nickl und Aufsichtsratschef Werner Wenning der Reihe nach beantwortet.

Bayer zufolge gingen 245 Fragen von 40 Anteilseignern ein. Das waren eigentlich nicht viel weniger als bei der „normalen“ Hauptversammlung 2019, als sich 69 Aktionäre mit 276 Fragen zu Wort meldeten.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Marc Tüngler, fand dennoch wenig Gefallen an der Premiere. „Es ist richtig für die Corona-Zeit, aber auch nur dafür“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Über die Krise hinaus tauge das Modell nicht. „Es ist definitiv kein Gewinn für die deutschen Aktionäre“, meinte Tüngler. Zwar habe sich Bayer viel Mühe gegeben. „Aber es ist nicht vergleichbar mit einer normalen Veranstaltung. Es fehlt der Dialog zwischen Eigentümern, Vorstand und Aufsichtsrat.“

Die Coronakrise bestimmte aber nicht nur die Form der Hauptversammlung, sondern war auch selbst eines der wichtigsten Themen. Zwar hat die Pandemie Bayer bisher wenig anhaben können, dennoch sieht Konzernchef Werner Baumann Risiken für die Zukunft. Für den Konzern komme es in den nächsten Monaten entscheidend darauf an, die „Lieferketten so widerstandsfähig wie möglich zu halten“ und damit den Geschäftsbetrieb zu sichern.

Zu den Unsicherheiten, mit denen sich Bayer in den nächsten Monaten konfrontiert sehe, gehörten nicht zuletzt die Fragen, wie sich die Krise auf die Finanzmärkte oder auf die Zahlungsfähigkeit der Bayer-Kunden auswirke. Auch die Folgen der Pandemie für die Nachfrage nach Bayer-Produkten ließen sich schwer prognostizieren.

„Es kann sein, dass sich die Nachfrage nach einigen unserer Pharmaprodukte verringert, wenn Patienten nicht zum Arzt können und geplante Behandlungen verschoben werden“, sagte Baumann. Die Zulassung neuer Medikamente aus der Bayer-Pipeline könne sich durch die Krise verzögern. Und bei den rezeptfreien Produkten sei noch ungewiss, ob es sich bei der derzeit hohen Nachfrage vor allem um Vorratshaltung handele oder tatsächlich um einen erhöhten Verbrauch.

In der Landwirtschaft sei angesichts der Unsicherheiten ebenfalls offen, wie sich die Nachfrage entwickle. Eine realistische Bewertung der positiven und negativen Effekte der Pandemie werde „erst im weiteren Jahresverlauf möglich sein“, sagte Baumann. Ausgebremst hat die Pandemie auch die Bemühungen um eine schnelle Einigung im US-Rechtsstreit um angebliche Krebsrisiken glyphosathaltiger Unkrautvernichter.

Für Bayer-Aufsichtsratschef Werner Wenning war die ungewöhnliche Hauptversammlung der Schlusspunkt seiner mehr als 50-jährigen Karriere beim Leverkusener Konzern. Seine Amtszeit endete mit der Veranstaltung. Mehr als 20 Jahre hatte der Manager im Vorstand und Aufsichtsrat die Geschicke des Konzerns wesentlich mitbestimmt.


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