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Heimliche Herrscher Ex-SAP-Chef Kagermann trommelt für Deutschland

Über unzählige Aufsichtsrats- und Kommissionsposten wirbt der Ex-Chef des Softwarekonzerns SAP Henning Kagermann für den Industriestandort Deutschland.

Kagermann Quelle: AP

Es gibt wenig, was Henning Kagermann mehr nervt als das unausrottbare Gerücht, er sei Heavy-Metal-Fan. „Ich mag Deep Purple, ja, aber das ist eine normale Rock-Band der Siebzigerjahre“, versichert er freundlich. Auch wenn er hin und wieder noch Deep-Purple-Konzerte besuche, ein Headbanger, der Körper und Haare exstatisch durch die Luft wirbelt, sei er nicht, so sehr die Akkorde von „Smoke on the water“ auch hämmern.

Des Hinweises hätte es kaum bedurft. Kagermann, inzwischen 64 Jahre alt, fällt allenfalls noch durch sein manchmal leicht zerzaustes weißgraues Haar auf. Und wenn der Deep-Purple-Fan für etwas bekannt ist, dann für ruhigere Töne. Die zurückhaltende und integrierende Art hat ihn, ganz anders als manchen autoritären Brocken seiner Riege, zu einem gemacht, auf den Deutschlands Mächtige immer lieber hören – nicht trotz, sondern wegen seiner Art.

Mister Elektroauto

Als vor ziemlich genau zwei Jahren die Bundesregierung im Frühjahr 2010 einen unabhängigen Experten sucht, um die Verbreitung von Elektroautos in Deutschland voranzutreiben, fällt die Wahl auf Kagermann. Lange galt der einstige BMW-Chef Joachim Milberg als Favorit. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel und vielen anderen Unternehmenschefs ist der Ex-Autoboss seinem früheren Arbeitgeber zu nah und kein Mann von morgen. Den Blick auf die Zukunftsfähigkeit der wichtigsten deutschen Branche, ja, der deutschen Exportwirtschaft trauen die Regierenden in Berlin Milberg nicht zu. Also drängt die Kanzlerin, Kagermann zum Chef der von ihr geschaffenen Nationalen Plattform Elektromobilität zu machen. Seitdem ist ihr Mann Deutschlands „Mister Elektroauto“.

Deutschlands heimliche Herrscher
Ralph Wollburg Quelle: Picture-Alliance/dpa
Ann-Kristin Achleitner Quelle: dpa
Henning Kagermann Quelle: dpa
Michael Vassiliadis Quelle: AP
Michael Hoffmann-Becking Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche
Gerhard Cromme Quelle: dpa
Manfred Schneider Quelle: Picture-Alliance/dpa

Kagermanns Erfolgsrezept ist ebenso einfach wie erstaunlich. Was für andere als Schwäche gilt, münzt er in eine Stärke um: eine Kompromisslösung zu sein. Das zieht sich als Muster durch seinen gesamten Weg an die Spitze und in die Machtzirkel der Republik. Im Jahr 1998, mitten im Börseneinbruch infolge der damaligen Asienkrise, rückt der analytische und bedächtige Physiker als gleichberechtigter Vorstandssprecher an die Spitze des deutschen Softwarekonzerns SAP. Im Vergleich zu seinem Gegenpart, dem SAP-Mitgründer Hasso Plattner, der stets die Show liebt und für seine Temperamentausbrüche bekannt ist, wirkt Kagermann eher blass. Doch das ändert sich fünf Jahre später.

„Die Krise bringt die Kassenwarte an die Macht“, nörgeln die Medien. Als der gebürtige Braunschweiger im Mai 2003 nach dem Rückzug Plattners in den Aufsichtsrat allein ans Steuer von SAP rückt, sind die kritischen Stimmen längst verstummt. Dank seiner integrativen Art steuert Kagermann den Walldorfer Softwaretanker unbeschadet durch diverse wirtschaftliche Untiefen. „Er war es, der den Laden zusammengehalten hat“, erinnert sich ein Weggefährte.

Gleichzeitig aber streckt Kagermann seine Fühler in die deutsche Wirtschaft aus und legt damit die Basis für sein heutiges Netzwerk. 1999 rückte er in den Aufsichtsrat des heutigen Versicherungskonzerns Munich Re, ein Jahr später in das Kontrollgremium der Deutschen Bank. Mit Institutschef Josef Ackermann und Versicherungsboss Nikolaus von Bomhard zählen dadurch seit Jahren zwei der zentralen Figuren der deutschen Wirtschaft zu Kagermanns Personen-Portfolio. Das baut er nach dem Ausscheiden als SAP-Chef im Mai 2009 aus, indem er durch Aufsichtsratsjobs bei der Deutschen Post deren Chef Frank Appel und bei BMW den Vorstandschef Norbert Reithofer mitüberwacht.

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