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Heinrich Hiesinger Der ThyssenKrupp-Chef als Getriebener

Heinrich Hiesinger hat viele Geschäftsbereiche von ThyssenKrupp nach vorn gebracht. Einen Milliardenverlust und eine Kapitalerhöhung kann er aber nicht verhindern.

Heinrich Hiesinger Quelle: dpa

Die gute Nachricht zuerst: Der Stahlkonzern ThyssenKrupp mit seinem angehängten Industriegeschäft verzeichnet ein Plus von 8 Prozent im Aufzugsgeschäft. Das ist der zur Zeit am meisten geliebte Geschäftsbereich des Revierkonzerns, denn beim Stahl gab es einen Auftragsrückgang von zwölf Prozent. Bedrohlich jedoch ist etwas anderes: ThyssenKrupp hat in den ersten neun Monaten 1,2 Milliarden Euro Verlust erwirtschaftet und die Kapitaldecke schmilzt weiter. Gilt gemeinhin eine Eigenkapitalquote von 20 Prozent als gesund, meldete das Unternehmen im Mai eine bedrohlich niedrige Quote von 9,5 Prozent. Gestern gab Hiesinger bekannt, dass die Eigenkapitalquote auf acht Prozent gesunken ist.

Hiesinger muss verkaufen

Grund dafür sind die nahezu unverkäuflichen Stahlwerke in Brasilien und Alabama (USA). Benjamin Steinbruch, der brasilianische Unternehmen, den Hiesinger nur "this guy" in der Telefonkonferenz mit Investoren und Analysten nannte, treibt ein unangenehmes Spiel mit ThyssenKrupp. Mal will er beide Stahlwerke kaufen, dann nur eines. Und das brasilianische Stahlwerk will er nur haben, wenn ThyssenKrupp unabsehbare Folgekosten übernimmt. Das ist sein gutes Recht. Aber Hiesinger muss bis zum Ende des Geschäftsjahres, also bis zum 30. September, die Stahlwerke verkauft haben, will er weitere Abschreibungen auf den Buchwert der Stahlwerke (zur Zeit: 3,4 Milliarden Euro) verhindern. Das muss er unbedingt, denn nur das verhindert einen weiteren Jahresverlust des Konzerns von zwei oder drei Milliarden Euro.

Die großen Krupp-Krisen
Gussstahlfabrik Fried. Krupp in Essen um 1905 Quelle: dpa
Arndt von Bohlen und Halbach, sein Vater Alfried Krupp und der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz posieren vor der Villa Hügel in Essen Quelle: dpa
Der Schah von Persien, Retter von Krupp: Im Herbst 1976 schlitterte Krupp in eine bedrohliche Liquiditätskrise. Der Konzern litt unter gigantischen Überkapazitäten in der europäischen Stahlproduktion. Krupp-Generalbevollmächtigter Beitz fand in den märchenhaft reichen Schah von Persien einen neuen Investor, 25 Prozent von Krupp übernahm und eine Milliarde Dollar in den wankenden Konzern pumpte. Außerdem winkten Krupp Großaufträge des Kaisers aus Teheran. Es war mal wieder ein Kaiser, von dem sich Krupp abhängig machte. Im 19. Jahrhundert war dies der deutsche Herrscher Wilhelm II, der Krupp mit Kanonenaufträgen versorgte. Im Bild: Berthold Beitz Quelle: dpa
Gerhard Cromme Quelle: dpa
 Ekkehard Schulz Quelle: dapd

In dieser Situation ist Hiesinger ein Getriebener. Die Kaufinteressenten, in Alabama sollen es auch der indische Stahltycoon Lakshimi Mittal und Nippon Steel sein, haben ihn und das Schicksal von ThyssenKrupp in der Hand. Hiesinger selbst kann sich dabei zurücklehnen, seine Pensionsansprüche an ThyssenKrupp betragen jetzt schon 630 000 Euro im Jahr, als Schuldiger oder Mitschuldiger kommt der ThyssenKrupp-Chef nicht in Frage. Ganz im Gegenteil: Je schlimmer die Lage, desto aussichtsloser ist sein tapferer Rettungsversuch. Die Misere haben ihm der frühere ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz eingebrockt und dessen langjähriger Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Cromme.

Das Ende der allmächtigen Stiftung

Drei Dinge hat Hiesinger jetzt schon geschafft: Er hat sich Cromme entledigt, indem teure Reisen ans Licht kamen und das Band zwischen Beitz und Cromme zerschnitten wurde. Damit hatte er nun keinen mehr, der seine Rettungsanstrengungen als eigene Erfolge ausgeben kann, das hätte Cromme getan und sich selbst im Licht des Sanierers gesonnt. Außerdem hat Hiesinger das Selbstbewusstsein der Stiftung kräftig beschnitten, in dem er öffentlich erörterte, dass Privatvergnügen und Dienstobliegenheiten des Stiftungschefs künftig auf "eine andere Basis gestellt" werden.  Das zielte auf Berthold Beitz, der dann mitten in diesem schmerzlichen Prozess verstarb. "Ich verneige mich vor der Lebensleistung von Berthold Beitz", sagte Hiesinger in einer Traueransprache in der Konzernzentrale. Damit schloss er aber auch ein Kapitel ab, das der allmächtigen Stiftung, der er im Nacken hat.

Schließlich hat sich Hiesinger schon vorher von einer Traditionssparte des Konzerns getrennt, dem Edelstahl. Der ging an den finnischen Konzern Outokumpu und entlastete ThyssenKrupp spürbar, wenn auch nicht ausreichend.

In Arbeit
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Was nun kommt, kann Hiesinger nicht mehr allein steuern. Er hängt von den Kaufinteressenten ab und von deren Preisvorstellungen. Diese Faktoren allein bestimmen sein weiteres Schicksal bei ThyssenKrupp. Gelingt es ihm mit viel Glück, wird er als Retter des Revierkonzerns in die Geschichte eingehen. Ist ihm kein Glück beschieden, kann er die Hände heben und ThyssenKrupp in die geordnete Insolvenz entlassen. Was dann folgt ist eine Aufteilung des Konzerns in gute und schlechte Teile. Diesen Arbeitsschritt kann er noch einleiten.

Dann könnte Hiesinger, als 52-Jähriger für Vorstandsposten nicht zu alt, noch eine andere Top-Position in der deutschen Wirtschaft erklimmen.

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