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Helden contra Corona #34 „Wir haben wieder eine Auslastung wie im Januar“

Roland Rüdinger vor einem seiner LKW: Der 58-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter der Rüdinger Spedition. Quelle: Presse

Nach dem Corona-Schock will der Spediteur Roland Rüdinger sein Unternehmen in die neue Normalität führen. Aber die ist schwer kalkulierbar. Das angepeilte Umsatzwachstum schminkt sich der Franke ab – vorerst.

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Roland Rüdinger, 58, ist geschäftsführender Gesellschafter der Rüdinger Spedition im baden-württembergischen Krautheim, nordöstlich von Heilbronn. Seine Firma beschäftigt 500 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2019 rund 50 Millionen Euro. Rüdinger ist einer von rund 100 Unternehmerinnen und Unternehmern, die die WirtschaftsWoche wegen ihrer kreativen Lösungen im betrieblichen Alltag in den vergangenen zwei Jahren als „Helden des Mittelstands“ beschrieben hat.

Seine Jahrespressekonferenz hält Roland Rüdinger Ende Mai trotz Corona nicht virtuell, sondern real ab – mit Abstand und Mundschutz. Journalisten aus der Region und von der Logistik-Fachpresse reisen nach Krautheim. In der heute noch das Tal beherrschenden Burg Krautheim ließ angeblich vor gut 500 Jahren Götz von Berlichingen den Mainzer Amtmann Max Stumpf derb auflaufen – mit dem Rat: „Er soldt mich hinden leckhenn“.

Rüdinger würde dem Coronavirus gern das Gleiche sagen. Doch der Gegner ist unsichtbar, Beschimpfungen sind ihm egal.

Der Unternehmer will dennoch der Krise trotzen. Vieles, was er zu sagen hat, klingt wie ein Kontra zur Krise. Kurzarbeit wurde Ende März, Anfang April zwar geplant. Aber Rüdinger hat das Instrument, das schlagartig die Personalkosten senken könnte, nicht in Anspruch genommen. Stattdessen hat der Unternehmer Überstundenabbau und einen Einstellungsstopp verfügt. Einige seiner 500 Mitarbeiter ließen sich dazu bewegen, schon mal Urlaub zu nehmen. Unter dem Strich ist es besser gelaufen als befürchtet.

Speditions-Chef Roland Rüdinger: Er trotzt den Folgen der Krise. Quelle: Presse

56 Auszubildende hat das Unternehmen. Diejenigen von ihnen, die 2020 fertig werden, übernimmt Rüdinger planmäßig. Die internen Hygieneregeln haben gut funktioniert. Bisher war keiner der 225 LKW- und 30 Busfahrer infiziert. Auch beim Umsatz hat Corona ein wenig von seinem Schrecken verloren. Im April 2020 lag das Minus im Vergleich zum Vorjahresmonat noch bei 13 Prozent. Für das ganze Jahr rechnete Rüdinger mit einem hohen Verlust. Nun kalkuliert er damit, etwa beim Umsatz von 2019 zu landen. Das waren 50 Millionen Euro. „Am 1. Januar war mein Ziel natürlich ambitionierter“, erinnert sich der Unternehmer. Aber „vor Corona“ war eine andere Zeit. Ein Ergebnis zu halten, sei für ein Unternehmen heute schon „eine gute Leistung“.

Zudem macht der Logistiker, der unter anderem auf den Transport von Maschinen spezialisiert ist, keine Abstriche von seinem Investitionsplan. 11,7 Millionen Euro steckt er 2020 in Zukunftsprojekte, davon sieben Millionen in neue Logistikgebäude und 4,4 Millionen Euro in neue Fahrzeuge. Ins Schwärmen gerät der Firmenchef, wenn er von den Lang-LKW des „Typ 5“ berichtet, die Rüdinger als zweites Unternehmen in Deutschland in die Flotte aufnimmt. Das Ladevolumen dieses Lang-LKW Typ 5 beträgt 20 Lademeter – ein deutlicher Zugewinn gegenüber dem bisherigen Anhänger, der auf 15 Metern beladen wird. Da das Fahrzeug aussieht, wie ein Jumbohängerzug, nennt ihn Rüdinger „Jumbozug plus“.

Die Fachsimpelei ist wirtschaftlich hoch relevant für das Unternehmen. Der Ladeflächenvorteil des Jumbozug plus beträgt laut Rüdinger gegenüber den bisherigen Anhängern bei einer Nutzlast von bis zu 22 Tonnen 30 bis 50 Prozent. „Ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz aus Osteuropa mit ihren niedrigen Fahrerlöhnen“, sagt Rüdinger. Er kündigt „ein Feuerwerk“ von 20 neuen Lang-Aufliegern verschiedener Größen an. Fünf davon sind bereits in Krautheim und präsentiert er stolz den Journalisten. Die restlichen Groß-Anhänger sollen bis Ende September über die Autobahnen rollen.

Corona bremst auch nicht die Digitalisierung des Mittelständlers. Rüdinger investiert weiter in seine „digitale Prozesskette“ mit Schnittstellen zum Lager und zum Warenwirtschaftssystem der Kunden. Die können demnächst online bei Rüdinger Preisangebote einholen und direkt in Aufträge umwandeln.

Aber natürlich hinterlässt die plötzliche Krise Spuren: Der Außendienst war ausgebremst. Bei einer der im Bau befindlichen Lagerhallen stand eine Weile die Arbeit still, weil die Bauarbeiter nicht einreisen konnten. Und insgesamt, sagt Rüdinger, „schwankt der Markt dermaßen stark, dass Prognosen unsicherer sind als je zuvor“.

Aber viele der ersten Corona-Probleme scheinen gelöst. Ende März klagte Rüdinger über die unhaltbaren Zustände für seine Fahrer: „Wir verweigern einer ganzen Berufsgruppe die Hygiene. Vor Corona war es selbstverständlich, dass die Fahrer am Zielort auch mal duschen können. Jetzt darf der Fahrer nur noch schnell seine Ware abladen – aber vor Ort mal auf die Toilette gehen? Das ist schwierig.“ Rüdingers Trucker kamen unter der Woche mindestens einmal am Firmenstandort vorbei, damit sie dort duschen konnten. Dass sie dafür Umwege fuhren, „kann ich ihnen nicht verübeln“, zeigte Rüdinger Verständnis. Inzwischen sind die anfänglich radikalen Einschränkungen und Absperrungen der Waschräume und Toiletten in den Raststätten und an den Abladestellen wieder aufgehoben, berichtet Rüdinger: „Die Lage hat sich auch dank medialer Unterstützung, wieder fast normalisiert.“ Bürokratisch geht es aber bei Kunden-Unternehmen immer noch zu: „An den Abladestellen finden die Fahrer unterschiedliche Verhaltens- und Einschränkungsbedingungen vor, sie müssen viele Verhaltensregeln unterschreiben, bevor sie abladen dürfen.“

Allerdings waren und sind die Straßen coronabedingt oft staufrei: „Unsere Ankunftszeiten sind präziser planbar als früher.“ Der Transport von Außenfassade-Bauteilen, Dachlichtkuppeln, Drehtüren – im Branchenjargon XXL-Stückgut – läuft aufgrund der weiter florierenden Baubranche aktuell gut bei Rüdinger. Vor acht Wochen sagte Rüdinger im Gespräch mit der WirtschaftsWoche: „Ich gehe ich davon aus, dass unser Umsatz in diesem Jahr rund 15 Prozent weniger sein wird. Das ist ziemlich sicher. Es können aber auch 25 Prozent sein. Das ist offen, wie bei einer Richterskala, nur in die andere Richtung.“ Heute sagt er: „Derzeit zieht es wieder an und wir gehen auf eine Auslastung zu, wie wir sie im Januar dieses Jahres hatten.“

Götz von Berlichingen hätte seine Freude an dem kantigen Spediteur, der der Krise trotzt.

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In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden Contra Corona“ finden Sie hier.

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