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Hochtief Das Misstrauen gegenüber ACS wird noch größer

Marcelino Fernandez verunsichert Mitarbeiter und Aktionäre. Was der Hochtief-Chef als Strategie für die Zukunft verkauft, macht es der Muttergesellschaft ACS immer leichter, den deutschen Bauprimus den spanischen Interessen unterzuordnen und ihn auszuschlachten.

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Marcelino Fernandez Verdez gibt auf der Pressekonferenz die Wirtschaftszahlen für 2012 bekannt und einen Ausblick auf das Hochtief-Geschäftsjahr 2013. Quelle: REUTERS

„Ich habe das Gefühl, dass unser Geschäft nicht immer verstanden wird“, sagt Marcelino Fernandez am Donnerstagmorgen bei der diesjährigen Bilanzpressekonferenz im Tagungsbereich des Düsseldorfer Flughafens. Da hat er Recht: Weder Aktionäre von außen noch Mitarbeiter von innen verstehen derzeit, was mit Hochtief geschieht. Auch die drei Dutzend Journalisten, die Fernandez´ spanisch akzentuiertem Englisch gerade eine Stunde lang zugehört haben – beschleicht das Gefühl, dass die verbal mitgeteilten Neuigkeiten nicht die eigentlichen Botschaften sind.


So will Fernandez wie seit Wochen gemutmaßt ausgerechnet die solide-profitable Hochtief-Service-Sparte verkaufen und liefert dafür die abgedroschene Erklärung, Service passe „nicht zum Kerngeschäft“ von Hochtief. Eine willkürliche Logik. Die Strategie von Bilfinger, sich auf Servicedienstleistungen zu konzentrieren und das Baugeschäft nur noch als Glied in einer Kette von Dienstleistungen zurück zu fahren, war schon in den vergangenen Jahren weit erfolgreicher als es der baulastigere Hochtief-Konzern war. Fernandez zerstört durch den Total-Ausstieg aus dem in der Branche durchaus angesehenen Hochtief-Gebäudemanagement den bisher geltende Anspruch von Hochtief, Anbieter für den ganzen Lebenszyklus von Immobilien zu sein. Und nicht zuletzt erwirtschaftet die Hochtief-Service-Sparte immerhin eine wenigstens solide Umsatzrendite von knapp drei Prozent – im Gegensatz zum defizitär und hoch riskanten Baugeschäft, in dem nun allein die Zukunft liegen soll.


Interessenten stehen Schlange für die Hochtief-Servicesparte

120 bis 140 Millionen Euro könne Hochtief für die Servicebereiche mit fast 6000 Beschäftigten erlösen, schätzten Kenner des Unternehmens Anfang Februar. Potentielle Interessenten für die Sparte gibt es viele. Zu allererst ist das Hochtiefs alter Bau-Konkurrent Bilfinger aus Mannheim: Der vom Ex-Ministerpräsidenten Roland Koch geführte Konzern investiert entschlossen in Dienstleistungsbereiche von Kraftwerksservice über Industrieservice bis hin zur Gebäudetechnik und hatte Anfang des Jahres immer noch eine Milliarde Euro für Zukäufe in der Kasse. Davon ist erst ein Bruchteil ausgegeben. „Der Schwerpunkt der Hochtief-Dienstleistungen liegt in der Gebäudetechnik und würde prinzipiell gut zu Bilfinger passen“, sagt Jörg Hossenfelder von der Marktforschungs- und Beratungsgesellschaft Lünendonk.

In Frage kommen auch deutsche Familienunternehmen wie Dussmann, Klüh oder Piepenbrock – wobei das Investitionsvolumen bei einem von Hochtief wohl präferierten Verkauf en bloc für sie eine beachtliche Hürde darstellt. Und der expansive Branchenfünfte Wisag ist noch dabei, die jüngsten Zukäufe zu verdauen: 2009 übernahm der in Frankfurt/Main sitzende heutige Branchenfünfte die mit 12.500 Mitarbeitern damals ungefähr gleich große Einheit ThyssenKrupp Industrieservice.

ACS könnte sich über Hochtief sanieren

Wer Hochtief bereits verlassen hat

Blieben Private-Equitiy-Gesellschaften oder ausländische Wettbewerber als Mitbieter. Der österreichische Baukonzern Strabag könnte versuchen, verstärkt durch die Hochtief-Sparte an Bilfinger vorbei zur Nummer eins in der Gebäudedienstleistung in Deutschland zu werden. Berater Hossenfelder sieht aber auch ausländische Wettbewerber wie den finnischen Bau- und Dienstleistungskonzern YIT, die dänische ISS-Gruppe und den französischen Interessenten in den Startlöchern – den Bauriesen Vinci und den Dienstleister Cofely, der zum halbstaatlichen Energieriesen GDF Suez gehört. „Viele“, so Hossenfelder“, „könnten die Gelegenheit nutzen, um in Deutschland auf einen Schlag aus dem Mittelfeld der Gebäudedienstleistungs-Branche in die Spitzengruppe vorzudringen.“
Andere reiben sich also die Hände. Ob das Hochtief strategisch nutzt, ist fraglich. Es nutzt aber ganz sicher ACS, wenn die Verkaufserlöse von Hochtief-Services, Hochtief-Airports und der Hochtief-Projektentwicklung etwa über Sonderdividenden oder über Kreditgeschäfte zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft die ACS entlasten – ACS leidet unter maximaler Verschuldung und kämpft um seine Selbständigkeit.


Der Kuschelkurs der IG Bau rächt sich
Zum ersten Mal wird sichtbar, dass sich der Kuschelkurs der IG Bau gegenüber ACS in der heißen Übernahmephase Ende 2009 im Nachhinein nicht rentiert. Gewerkschaftschef und Hochtief-Aufsichtsrat Klaus Wiesehügel gehört zu den späten Verlierern der feindlichen Übernahme durch ACS. Die hat der bullige-bärtige Gewerkschafter zumindest erleichtert, als er den damals noch gegen ACS agierenden Hochtief-Betriebsräten in den Rücken fiel. Nun trafen sich die Betriebsräte aufgescheucht zu einer Klausurtagung, schrieben in dieser Woche einen offenen Brief an Fernandez und erinnern den Spanier daran, die Arbeitnehmervertretungen und die Gewerkschaft IG Bau „unverzüglich in den gesamten Prozess mit einzubinden“. „Die Hochtief-Mitarbeiter sind durch die Pläne beunruhigt“, sagt der Konzernbetriebsratsvorsitzende Ulrich Best und fordert Fernandez auf, „seine strategische Entscheidung, das profitable Segment „Service Solutions“ zu verkaufen, eingehend zu überprüfen“.


Warum reduziert Fernandez die Hochtief-Verschuldung auf Null?
Ebenso irritierend wie der Service-Verkauf ist, dass Fernandez plötzlich erklärt, er werde die Verschuldung von Hochtief auf Null reduzieren: „Wir wollen im ganzen Konzern eine positive Cash-Position haben.“ Wozu das gut sein soll, fragten die Journalisten am Donnerstagmorgen in Düsseldorf. Gemessen an Umsatz und Eigenkapitalausstattung ist die Verschuldung von Hochtief ja keineswegs hoch, gemessen an der Finanzlage von ACS ist sie luxuriös. Und die Zinsen sind derzeit so niedrig, dass andere Unternehmen derzeit eher fremdes Kapital aufnehmen. Fernandez erklärt, es würden dadurch Mittel für Investitionen in neue Geschäftsfelder frei. Doch dafür stehen – siehe oben - ja bald die Erlöse aus den Verkäufen großer Unternehmensteile bereit.

Kreditgeschäfte zu Lasten von Hochtief

Die Schwächen von Hochtief
Schwäche - Die unerwarteten Entscheidungen des GroßinvestorsACS-Präsident Florentino Perez hatte die Übernahmeschlacht eingeleitet. Ende März 2007 sagte der damalige Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel noch: „ACS hat zugesagt, seine Beteiligung von 25,08 Prozent nicht aufzustocken. Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln.“ Kurz zuvor war ACS beim deutschen Unternehmen eingestiegen - zur Erleichterung vieler. Das Bekenntnis von ACS sorgte für Ruhe. Wochenlang hatten Spekulationen über den Einstieg eines Finanzinvestors den Baukonzern gelähmt. ... Quelle: dpa
... Die Zusage hielt nicht lange. Im September 2010 stockte ACS auf, erst auf über 30 Prozent, schließlich auf über 50 Prozent. Und nun wollen die Spanier die ganze Macht. Das Problem: Der vermeintlich starke Ankeraktionär ist nicht stark. Er leidet unter hoher Verschuldung, schreibt rote Zahlen. Der spanische Heimatmarkt kollabiert. Nun ist die Unruhe des Jahres 2007 wieder da, Mitarbeiter fürchten die Zerschlagung. Ganz anders sieht die Situation bei Bilfinger aus. Zwar ist auch dort ein Großaktionär an Bord. Vor gut einem Jahr kaufte Cevian Capital 12,6 Prozent der Papiere. Doch bisher bleibt es ruhig. Konzernchef Roland Koch gelingt es offenbar gut, Cevian zufriedenzustellen. Quelle: dapd
Schwäche - Zu starker Fokus auf dem reinen BaugeschäftFür Außenstehende mutet es auf den ersten Blick skurril an, wenn Spezialisten eines Baukonzerns anrücken, um beispielsweise die Pumpen in einer chemischen Anlage zu warten. Schließlich hat das mit Bauen wenig zu tun. Doch Hochtief-Konkurrent Bilfinger macht genau das schon seit Jahren und mit wachsendem Erfolg. 80 Prozent der Konzernleistung von zuletzt 8,5 Milliarden Euro stammen mittlerweile aus Dienstleistungen - wie dem Betrieb von Gebäuden oder der Instandhaltung von Industrieanlagen. Beim Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) liegt der Anteil sogar bei gut 90 Prozent. ... Quelle: dapd
... Zwar drängt auch Hochtief in diese Geschäfte vor. Doch anders als bei Bilfinger sind es bislang vor allem Dienstleistungen im direkten Umfeld des Bauens - etwa der Betrieb von Gebäuden wie Flughäfen. Wohl auch deshalb weisen die Essener ihren Service-Umsatz nicht separat aus. Damit ist Hochtief immer noch weitaus stärker von der allgemeinen Baukonjunktur abhängig als Konkurrent Bilfinger, der konstante Umsätze durch langfristige Service-Verträge erreicht. Quelle: dapd
Schwäche - Unzuverlässigkeit des AuslandsgeschäftsDas Auslandsgeschäft von Hochtief zeichnet sich seit Jahren durch extreme Schwankungen aus. Das gilt vor allem für die australische Tochter Leighton. Die schockte im April 2011 mit einer Gewinnwarnung und massiven Problemen. Der Bau einer Entsalzungsanlage verzögerte sich, das Wetter setzte den Australiern zu und ein Flughafenzubringer wurde viel zu teuer. Mehr als ein Jahr später sieht die Welt in "Down Under" zwar wieder besser aus. Die Zahlen für das dritte Quartal 2012 sind auch deshalb so gut, weil Leighthon derzeit brummt. Quelle: dpa
... Doch die hohen Schwankungen im Geschäft der Baukonzerne werden bleiben. Konkurrent Bilfinger hat daraus bereits Konsequenzen gezogen. Der Mannheimer Baukonzern verkaufte im Dezember sein Australiengeschäft. Nicht nur das Risiko wurde damit reduziert. Der Deal sorgte darüber hinaus für einen zusätzlichen Gewinn von 160 Millionen Euro. Auch von Teilen des zyklischen US-Geschäfts hat sich Bilfinger mittlerweile getrennt - und ist damit konsequenter als Hochtief. Das Bild zeigt Wirtschaftsminister Philipp Rösler beim Besuch einer Baustelle am Ground Zero in New York. Die Hochtief-Tochtergesellschaft Turner ist an dem Projekt beteiligt.
Schwäche - Die Schulden und die RenditeEine Milliarde Euro Verlust hat Spaniens Bauriese ACS in den ersten neun Monaten erwirtschaftet. An der deutschen Tochter Hochtief hat es nicht gelegen. Sie verbuchte einen Gewinn von 92 Millionen Euro. Aber: Die Verluste der Mutter und die Querelen um die Integration färben auf die Bilanz von Hochtief ab. Gegenüber dem Krisenjahr 2009, als ACS noch willkommener Ankeraktionär war, hat sich der Nettogewinn von 192 auf 176 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr verringert. Konkurrent Bilfinger konnte im selben Zeitraum seinen Nettogewinn auf 270 Millionen Euro verdoppeln. ... Quelle: dpa

Eher wird ein Schuh aus der Null-Verschuldungs-Politik, wenn man der Erklärung des Münchener Aktienrechtlers Oliver Maaß von der Kanzlei Heisse Kursawe folgt. Der Rechtsanwalt und kritische Hochtief-Beobachter verweist darauf, dass es wiederum vor allem ACS nützt, wenn Hochtief über Bargeld verfügt: „Das ermöglicht Kreditgeschäfte zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft zu Lasten von Hochtief.“ Und es erleichtert die beginnende Zerschlagung von Hochtief, meint Maaß: “ Sollten die Hochtief-Kreditgeber versuchen, mit Hilfe der sogenannten Ringfencing-Vereinbarungen den Verkauf von Unternehmensteilen zu verhindern, kann Hochtief sie stattdessen ausbezahlen und damit ausschalten.“
Ausgerechnet Frenzel
Hochtief-Aktionäre und –Mitarbeiter suchen nach vertrauensbildenden Botschaften - und finden sie nicht. Dass nun auch noch der gescheiterte TUI-Chef Michael Frenzel bei Hochtief in den Aufsichtsrat einzieht, ist ein Treppenwitz. Frenzel hat das Mandat vermutlich seiner Spanien-Connection zu verdanken. Carmen Riu Guell, Chefin der spanischen RIU-Hotelgruppe und Eignerin eines 5-Prozent-Anteils, sorgte stets dafür, dass Frenzel trotz heftigster Kritik institutioneller und privater Aktionäre bei den Hauptversammlungen entlastet wurde. Frenzel baute zwar den Stahlkonzern Preussag zum größten Reiseveranstalter Europas um. Doch eine Erfolgsgeschichte ist das nicht. In 19 Frenzel-Jahren verlor die TUI-Aktie rund drei Viertel ihres Wertes, während sich der Dax gleichzeitig verdreifachte. Dank ständiger Strategieänderungen verlor die 74.000 Mann und Frau starke TUI-Truppe die Orientierung.

Die größten Baukonzerne Europas
Bauarbeiter arbeiten auf einem Gerüst Quelle: AP
Bauarbeiter arbeiten auf einer Baustelle des Konzerns Strabag Quelle: dpa
Platz 8: COLAS SADer französische Konzern hat sich auf Straßen- und Schienenbau spezialisiert. Der Name des Konzerns, für den 73.600 Menschen arbeiten, setzt sich aus den englischen Wörtern "cold" und "asphalt" zusammen. Umsatz 2012: 13 Milliarden Euro Quelle: dpa
Baukräne unter grauem Himmel Quelle: AP
Ein Bauarbeiter erhitzt auf einer Baustelle Rohre Quelle: APN
Bauarbeiter in einem neu gebauten U-Bahn-Schacht Quelle: dpa/dpaweb
Ein Arbeiter des Bauunternehmens Hochtief weist einen Container ein Quelle: dpa

Die Frenzel-Personalie ist für die nach Unternehmensangaben noch rund 10.000 Hochtiefler in Deutschland und die 80.000 in aller Welt also keine gute Nachricht. Klar wird das, wenn Betriebsrat Best an den personell völlig auf den Kopf gestellten und geschwächten Hochtief-Aufsichtsrat appelliert, dafür zu sorgen, dass der Vorstand Erlöse aus Verkäufen „zur Stärkung des Baugeschäfts in Deutschland“ verwendet. Diejenigen im Aufsichtsrat, die ACS wirklich noch Grenzen aufzeigen konnten und wollten, haben längst die Brocken hingeworfen.

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