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Hochwasser-Alarm Wenn der Betriebsrat um Pumpen bittet

Vom „braven Flüsschen“ zum reißenden Strom: Das Hochwasser in Bayern, Thüringen und Sachsen trifft Industriebetriebe. Die Produktion steht still, Dämme werden erhöht und Wasser abgepumpt – teils mit Betriebsratshilfe.

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Auto in Rosenheim in der Nähe der Mangfall: normalerweise ein „braves Flüsschen“. Quelle: dpa

Düsseldorf Voll gelaufene Neuwagen, Grundwasser, das mit Macht ins Werksgelände drückt und abgesagte Schichten: Das Hochwasser in Teilen von Bayern, Sachsen und Thüringen stellt Unternehmen und Mitarbeiter vor eine harte Belastungsprobe.

Neben Einzelhändlern, Gaststätten und Büros in überfluteten Innenstädten sind auch Industriebetriebe vom Hochwasser betroffen. Selbst wenn das Firmengelände nicht unter Wasser steht, ist die Produktion oft nur eingeschränkt möglich. Zulieferer können ihre Ware nicht anliefern. So auch im Werk von Volkswagen in Zwickau, in dem die Frühschicht abgesagt wurde: „Große Teile des Umlands sind nicht befahrbar“, sagt ein VW-Sprecher. „Unsere Logistiker kommen nicht ans Werk ran.“

Das VW-Werk selbst sei nicht überflutet. Ein Parkplatz am Rand des Geländes, der am Fluss Zwickauer Mulde liegt, steht aber unter Wasser. Auf einem Foto auf der Homepage des MDR sind Neuwagen zu erkennen, die bis zur Motorhaube in braunem Wasser schwimmen.

Während die Produktion still steht, wurde das Werk für rund 170 Anwohner angrenzender Gemeinden zum Hoffnungsanker. Die Evakuierten aus der Nachbarschaft sind seit dem Wochenende auf dem Fabrikgelände untergebracht und schlafen im Speisesaal. Dennoch soll die Produktion in der Nacht wieder anlaufen und dann in Zwickau wieder die VW-Modelle Golf und Passat vom Band rollen.

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    An ein Wiederanfahren der Produktion denkt auch der Abfüllanlagen- und Verpackungstechnik-Hersteller Krones. In den bayrischen Werken in Rosenheim und Raubling geht aber zumindest am Montag nichts mehr. Die Zufahrt ist nur eingeschränkt möglich. Die Fabrik des MDax-Unternehmens in Rosenheim liegt wie auf einer Insel zwischen der Mangfall, einem Nebenfluss des Inns, und dem Mangfallkanal. Daher ist die Lage dort auch besonders angespannt. Normalerweise sei die Mangfall ein „braves Flüsschen“, jetzt sei der Pegel bis auf 4,59 Meter angestiegen, sagt die Unternehmenssprecherin.

    Damit das Werk nicht absäuft, packen die 800 Mitarbeiter mit an. Gemeinsam mit der Feuerwehr wurde der Damm mit Sandsäcken und Kies um einen Meter erhöht. Von unten drückt nun zwar Grundwasser ins Werksgelände, dass jedoch abgepumpt werden könne. Der Betriebsrat hatte Mitarbeiter aufgerufen, Pumpen zum Werk zu bringen, da in ganz Rosenheim keine mehr aufzutreiben waren.


    Pegelstand bei 4,15 Meter statt 1,11 Meter

    Am gegenüberliegenden Flussufer hat die Firma Steelcase ebenfalls nur kleinere Schäden zu vermelden. Wenn die Mangfall über die Ufer treten würde, liege ein Notfallplan bereit. Der Büromöbelhersteller empfiehlt weiter entfernt lebenden Mitarbeitern, von zu Hause aus zu arbeiten, da viele Straßen in der Region gesperrt sind. Auch Lkw mit Auslieferungen können das Betriebsgelände nicht verlassen – es herrscht ein Fahrverbot für Laster.

    Auch in Thüringen leiden Menschen und Unternehmen durch die Flut. In Rothenstein vor Jena misst der Pegel am Morgen 4,15 Meter – normal sind 1,11 Meter. In Jena steht das Stadion des Viertligisten Carl-Zeiss schon seit Samstag unter Wasser. Am Montag musste auch Jenoptik mit 1100 Mitarbeitern vor dem Hochwasser kapitulieren. Die Hauptproduktion blieb geschlossen, da die Zufahrtswege durch die Feuerwehr gesperrt wurden.

    Neben der Industrie kämpfen Logistiker mit den Wassermassen. Die Schifffahrt auf dem Rhein wurde in der Nacht zum Montag an mehreren Orten eingestellt. Ein Abschnitt bei Kaub und die Strecke zwischen Speyer und Bingen sind betroffen. In Süd- und Niederbayern sind einige Strecken des Bahnverkehrs unterbrochen. So sind die Verbindungen München-Salzburg, Traunstein-Ruhpolding sowie die zwischen Weilheim und Garmisch-Partenkirchen gekappt und der Bahnhof in Rosenheim gesperrt.

    Auch der Bauindustrie macht das Hochwasser zu schaffen: „In den Überschwemmungsgebieten laufen die Baugruben voll“, sagte der Chefvolkswirt des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB), Heiko Stiepelmann. „Die Unternehmen haben Rekordauftragsbestände, aber sie können wegen den außergewöhnlichen Witterungsbedingungen nicht abgearbeitet werden“, klagte Stiepelmann.

    Mitarbeit: Martin Dowideit, Christof Kerkmann

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