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Impfstoff-Desaster Was bei der CureVac-Studie schieflief

Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität zu Tübingen, hat die weltweite CureVac-Impfstoffstudie mit insgesamt etwa 40.000 Probanden geleitet. Quelle: imago images

Das Tübinger Biotechunternehmen CureVac begräbt seinen ersten Corona-Impfstoff. Es ist das bittere Ende einer langen Leidensgeschichte: Probleme gab es bereits während der Studie – Probanden klagen etwa darüber, dass die Meldung der Nebenwirkungen nicht funktionierte. Studienleiter Peter Kremsner sieht vor allem einen anderen Grund für das Scheitern.

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Als die schlechte Nachricht kam, erhielt er sie als einer der ersten: Peter Kremsner, ein angesehener Infektiologe, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität zu Tübingen, hat die weltweite CureVac-Impfstoffstudie mit insgesamt etwa 40.000 Probanden geleitet. Am Ende stand ein enttäuschendes Ergebnis: Der CureVac-Impfstoff CVnCoV wirkte nur bei 48 Prozent der Patienten gegen eine Corona-Infektion, deutlich schlechter als bei Biontech und Moderna, teilte das Unternehmen bereits Ende Juni mit.

Woran es lag? „Es war die niedrige Dosierung“, erklärt Kremsner vor wenigen Tagen im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Mit 12 Mikrogramm war der CureVac-Impfstoff deutlich niedriger dosiert als die Konkurrenzpräparate von Biontech (30 Mikrogramm) und Moderna (100 Mikrogramm). „Wir konnten mit der Dosis nicht weiter hinaufgehen, anders als bei Biontech und Moderna.“ Dies lag wohl vor allem an der Beschaffenheit des Impfstoffs: „Alles über 12 Mikrogramm war zu unverträglich.“

Diese Erkenntnis bedeutete dann auch das endgültige Aus: Am Dienstag teilte CureVac mit, die Arbeit an CVnCoV einzustellen und den Antrag bei der europäischen Arznei-Zulassungsbehörde zurückzuziehen. Die bisher produzierten Dosen werden vernichtet. Nun ruhen die Hoffnungen vor allem auf einem Nachfolgepräparat, das CureVac gemeinsam mit dem britischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline entwickelt.

Ärger mit der Nebenwirkungs-App

Immer klarer wird jedoch, dass bei der CVnCoV-Studie zuvor einiges schief gelaufen ist. Die Probanden sollten etwa mögliche Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit über eine App melden. Inzwischen klagten aber mehrere Teilnehmer der Studie gegenüber der WirtschaftsWoche, dass die Meldung der Nebenwirkungen nicht funktionierte. Die Nebenwirkungs-App sei schwer zu bedienen gewesen, sagt einer von ihnen, die Studie insgesamt schlampig verlaufen. Auch bei Studienleiter Kremsner kam der Ärger an: „Wir haben von Probanden häufig die Rückmeldung bekommen, dass es schwierig ist, die unerwünschten Wirkungen in die App einzupflegen. Wir haben aber versucht zu helfen, soweit es möglich war.“

Welche Auswirkungen dies habe, lasse sich nicht abschätzen, so Kremsner: „Wie viele Meldungen von Nebenwirkungen dadurch unterblieben sind, vermag ich nicht zu sagen, hoffentlich wenige.“ Die Nebenwirkungen hätten auch anders erfasst werden können, etwa auf Papier. CureVac habe sich jedoch für die App-Variante entschieden, „was eigentlich besser ist, wenn es denn funktioniert.“

CureVac bestätigt indirekt die Probleme. Die Schwierigkeit „wurde im Studienverlauf adressiert sowie optimiert, um jeglichen potenziellen Verlust an Daten zu verhindern“, erklärt das Unternehmen auf Anfrage. Nebenwirkungen würden allerdings nicht nur elektronisch erfasst, sondern ebenso „im Austausch mit den behandelnden Prüfärzten festgehalten und die Erkenntnisse in die Datenbank eingepflegt.“ Das Unternehmen betont: „Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst, und die Gesundheit unserer Probandinnen und Probanden hat für uns oberste Priorität.“

Ein weiteres Problem der Studie: Viele Teilnehmer sprangen wieder ab. Denn während CureVac noch testete, waren die Impfstoffe von Biontech, Moderna, AstraZeneca sowie Johnson & Johnson bereits auf dem Markt. Etliche CureVac-Probanden bevorzugten dann doch lieber einen sicheren Impfschutz. Bei den 18- bis 60jährigen soll die sogenannte Drop-Out-Rate bei 32 Prozent gelegen haben; bei noch älteren Probanden flossen wohl 70 Prozent der zunächst Teilnehmenden nicht in die Endauswertung ein. Studienleiter Kremsner sagt dazu: „Wir haben es unseren Probanden natürlich freigestellt, sich mit den zwischenzeitlich verfügbaren Vakzinen impfen zu lassen.“

Bei CureVac hoffen sie nun, dass es mit dem nächsten Impfstoff besser läuft. In Telefonkonferenzen mit Journalisten und Investoren redete CureVac-Chef Franz Werner Hass dann auch lieber über die guten Aussichten für die Corona-Impfstoffe der zweiten Generation statt über die CVnCoV-Pleite. Für ein gemeinsam mit GlaxoSmithKline entwickeltes Vakzin soll 2022 die Zulassung beantragt werden; die ersten Ergebnisse sind durchaus vielversprechend. Völlig erfolglos war die Strategie nicht: Am Nachmittag zog die CureVac-Aktie sogar wieder leicht an.

Mehr zum Thema: Mediziner bezweifelten schon vor Wochen, dass CureVac den Coronaimpfstoff auf den Markt bringen kann. Gründer sind enttäuscht, Mitarbeiter frustriert – und langsam wird klar, was alles schief lief.

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