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Impfstoffe Drei Lehren aus dem AstraZeneca-Debakel

Quelle: imago images

Keine Woche vergeht mehr, ohne dass AstraZeneca für negative Schlagzeilen sorgt. Das Vertrauen in den Impfstoff – nun unter dem neuen Namen Vaxzevria – schwindet. Für die Zukunft lassen sich aus diesem Chaos drei Dinge lernen. Ein Kommentar.

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Lehre 1: Die Pharmaindustrie muss sich besser erklären

Hat irgendjemand Pascal Soriot gesehen, den Chef von AstraZeneca? Er ist seit Wochen von der Bildfläche verschwunden. Dabei gäbe es viel zu erklären – angesichts der ständigen Volten um den Impfstoff. Man hätte schon gern gewusst, wie der CEO zu den Vorwürfen und zu den Diskussionen um gefährliche Hirnvenenthrombosen steht. Und warum nur die EU über ausbleibende Lieferungen klagt, Großbritannien aber nicht. Doch wenn es eng wird, ducken sich viele Pharma-Manager eben weg.

Das war schon so bei Diskussionen über zu hohe Medikamenten-Preise. Oder, wenn es darum geht, wie korrupt die Pharmabranche ist. Solche Diskussionen werden meist von NGOs dominiert. Die Chefs der Medikamenten-Hersteller sehen es nicht als ihre Kernaufgabe, sich vor Kameras oder Mikrofone zu stellen. Dabei ist es genau das – ihr Kerngeschäft.

Lehre 2: Kleinere Hersteller verdienen mehr Vertrauen

AstraZeneca hatte es ja gut gemeint und wollte einen Corona-Impfstoff für die Welt in großen Mengen zu niedrigen Preisen herstellen. Als erstes schloss die EU folglich im vergangenen Jahr einen Vertrag mit AstraZeneca ab. Der britisch-schwedische Pharmakonzern hatte ja schon erfolgreich viele Medikamente auf den Markt gebracht. Was man von Biontech und Moderna nicht behaupten kann.



Deswegen waren ja auch viele EU-Mitgliedsländer skeptisch und blockierten eher die Bestellungen bei Biontech. Eine falsche Einschätzung: Kein Vakzin wird inzwischen häufiger verimpft. Biontech setzte früh auf Pfizer als Kooperationspartner – und gilt als zuverlässiger Lieferant. AstraZeneca dagegen hat nach vielen selbstverschuldeten Fehlern Vertrauen verspielt. Klein schlägt groß – in diesem Fall ist das  so. Kleinere, innovativere Unternehmen verdienen mehr Respekt – in Politik und Öffentlichkeit.

Lehre 3: Auf Behörden und  Kontrolleure ist Verlass

Ein Gutes hat das AstraZeneca-Debakel dann doch. Es zeigt, wie schnell und gut die Kontrollbehörden arbeiten. Vor zwei Wochen reagierte das Paul-Ehrlich-Institut rasch auf die ersten Fälle von Hirnvenenthrombosen. Nun fällte die Ständige Impfkommission dieses Mal innerhalb von Stunden ihre Entscheidung, das Mittel künftig nur noch an über 60-Jährige zu verimpfen.

Die Meldungen über Nebenwirkungen kommen an – und werden sehr, sehr  ernst genommen. Auch wenn es immer noch deutlich wahrscheinlicher ist, an einer Corona-Infektion zu sterben als an einer Hirnvenenthrombose. Als AstraZeneca kürzlich in den USA eine Zulassungsstudie für seinen Impfstoff mit schon etwas älteren Daten unterlegte, reagierte das Data Safety Monitoring Board, ein unabhängiges Expertengremium, sofort und verlangte nach neuen Daten. Die stellte AstraZeneca dann innerhalb von 48 Stunden bereit.

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Gut aufgepasst! Es stimmt eben nicht, dass Medikamenten-Hersteller den Behörden alles unterjubeln können. Die Arzneibehörden und Kontrollgremium bleiben wachsam. Das System funktioniert. In solch turbulenten Zeiten ist das sehr beruhigend.

Mehr zum Thema: Der Beschluss der Gesundheitsminister ist das nächste Kapitel im Wirrwarr um AstraZeneca. Biontech dagegen erweist sich als zuverlässiger Partner. Und das Unternehmen hat noch viel Potenzial, wie aktuelle Zahlen zeigen.

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