Inflationsausgleich: Ein Sieg für die Tarifautonomie

Ein Beschäftigter des Industrieparks Höchst (im Hintergrund) nimmt an einer Protestaktion der Gewerkschaft IG BCE auf der Leunabrücke teil.
Foto: dpaWenn Gewerkschafter lyrisch werden, ist die Lage ernst. Man wolle den Arbeitgebern „eine Brücke über das Tal der Unsicherheit bauen“, hatte Ralf Sikorski, Verhandlungsführer der Chemie-Gewerkschaft IG BCE, versprochen. Und er hielt Wort: Der jetzt vereinbarte Deal für die 580.000 Beschäftigten der deutschen Chemieindustrie ist nicht nur volkswirtschaftlich verantwortungsbewusst. Er ist auch ein Sieg der Tarifautonomie, der zeigt, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber den Staat nicht brauchen, wenn es ökonomisch brenzlig wird.
Angesichts von Ukraine-Krieg, Sanktionen, Energiekrise und Rezessionsrisiken haben die Tarifpartner die Verhandlungen erst einmal bis Oktober ausgesetzt. Bis dahin gibt es keine tabellenwirksame Lohnerhöhung, sondern nur eine einmalige „Brückenzahlung“ zwischen 1000 und 1400 Euro. Ein Kurzläufer, der die Arbeitnehmer am Betriebserfolg beteiligt, aber die Arbeitskosten der Unternehmen nicht dauerhaft erhöht: So sieht gute Tarifpolitik in Krisenzeiten aus.
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Allerdings ist die von vielen Ökonomen befürchtete Lohn-Preis-Spirale in Deutschland damit noch lange nicht vom Tisch. Im Herbst stehen die schwierigen Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie an, der wichtigsten deutschen Industriebranche. Ende des Jahres laufen dann auch noch die Verträge im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen aus.
Wie die unter Mitgliederschwund leidende IG Metall agieren wird, ist unsicher. Das gilt erst recht für die vom Öffentlichen Dienst dominierte Gewerkschaft Verdi, deren Mitglieder angesichts ihrer weitgehend sicheren Jobs vehement eine Kompensation für die auf 7,3 Prozent gestiegene Inflationsrate verlangen dürften. Die deutschen „Wirtschaftsweisen“ jedenfalls rechnen in ihrem aktuellen Konjunkturgutachten spätestens 2023 mit Lohnsprüngen von im Schnitt 4,4 Prozent.
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