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Insolvenzen Das sind die Krisenbranchen 2020

Schon seit geraumer Zeit bekommt die Automobilzulieferer-Branche den geballten Spar- und Effizienzdruck der großen Hersteller zu spüren – die Insolvenzzahlen steigen. Quelle: Getty Images

Die maue Konjunktur in Deutschland schlägt auf die Zahl der Firmenpleiten durch. Insolvenzexperten haben für die WirtschaftsWoche analysiert, für welche Wirtschaftszweige es in den kommenden Monaten brenzlig wird.

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Nach einem jahrelangen Rückgang der Insolvenzzahlen erwartet Creditreform für 2020 wieder einen Anstieg der Unternehmenspleiten. „Der jahrelange Rückgang bei den Unternehmensinsolvenzen ist de facto beendet“, schreiben die Experten der Wirtschaftsauskunftei in ihrer Insolvenzanalyse für 2019. Doch welchen Firmen droht jetzt Ungemach? Insolvenzexperten haben für die WirtschaftsWoche die Krisenkandidaten 2020 identifiziert.

Wenig überraschend auf dem ersten Platz: Automobilzulieferer. Schon seit geraumer Zeit bekommt die Branche den geballten Spar- und Effizienzdruck der großen Hersteller zu spüren – die Insolvenzzahlen steigen. So hat an diesem Dienstag die pressmetall-Gruppe, ein Hersteller von Aluminium-Druckgusskomponenten mit mehr als 700 Mitarbeitern, eine Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Zuvor traf es bereits Unternehmen wie Weber Automotive und Avir Guss.

Aktuell seien die Branchenschwierigkeiten vor allem getrieben durch Absatzprobleme in Folge des schwächelnden China-Geschäfts der großen Autohersteller, sagt Rüdiger Wolf, Restrukturierungsexperte der Boston Consulting Group (BCG). Mittelfristig dürften durch die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten aber auch strukturelle Veränderungen auf all jene Hersteller zukommen, die im Antriebssegment tätig sind.

„Aber auch andere Branchen werden im kommenden Jahr stärker als bisher von Insolvenzen und Restrukturierungen betroffen sein“, erwartet Lucas Flöther, Sprecher der Insolvenzverwaltervereinigung Gravenbrucher Kreis. „Insbesondere wird sich vermutlich die Schwäche des Einzelhandels weiter verschärfen“, so Flöther. Gründe dafür seien etwa „die Amazonisierung des Konsumverhaltens“, sprich: die Abwanderung vieler Kunden aus dem stationären Handel ins Netz. „Wirtschaftliche Krisen im Handel ziehen aber immer auch wirtschaftliche Probleme bei Vermietern mit sich“, sagt Flöther. Gehe etwa ein Elektromarkt auf der grünen Wiese pleite, bleibe der Vermieter oft auf seiner mehrere tausend Quadratmeter großen Fläche sitzen. Die niedrigen Bauzinsen hätten zudem dazu geführt, dass Investoren teilweise am Bedarf vorbei gebaut haben. „Je weiter weg Immobilien von Innenstädten oder Tourismuszielen liegen, desto höher ist das Insolvenzrisiko“, sagt Flöther. Und schließlich gehe ich davon aus, dass sich die Insolvenzhäufigkeit bei Krankenhäusern und Touristikunternehmen fortsetzen wird.“

Großinsolvenzen wie die des Reiseveranstalters Thomas Cook, der Fluglinie Condor und der Krankenhausgesellschaft ViaSalus sorgten bereits in diesem Jahr für Aufsehen. Weniger im Fokus standen dagegen Pflegeheime. Doch auch hier deuten sich massive Verwerfungen an, warnt Tobias Hartwig, der die bundesweite Arbeitsgruppe Healthcare bei Schultze & Braun koordiniert und bereits bei mehreren Pflegeheim-Insolvenzen als Verwalter im Einsatz war. „Die Statistiken zeigen, dass einem Großteil der rund 14.500 Pflegeeinrichtungen in Deutschland Probleme drohen“, so Hartwig. „700 Pflegeheime sind akut gefährdet und faktisch insolvenzreif“, schätzt der Experte. „3500 Häuser sind mittelfristig bedroht, da sie kontinuierlich Verluste schreiben.“

„Einen sicheren Sektor gibt es nicht mehr“

Als „risikobehaftet“ gelten laut Creditreform zudem Umzugstransportunternehmen, Bars sowie private Wach- und Sicherheitsdienste. Bundesweit dürften bis zum Ende des laufenden Jahres 19.400 Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten. Das wären annähernd genauso viele wie im Jahr 2018. Damit verharrt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zwar auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren. „Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die historisch günstigen Finanzierungsbedingungen wohl auch eigentlichen Pleitekandidaten das Überleben ermöglichten und so die Fallzahlen verzerrt haben könnten“, heißt es in der Creditreform-Analyse.

Oliver Kehren von Morgan Stanley in London sieht das ähnlich. Die Kapitalstruktur vieler Firmen sei in den vergangenen Jahren derart aufgebläht worden, dass inzwischen oft schon ein „laues Lüftchen“ für Probleme sorgt. „Was aber ist“, fragt Kehren, „wenn ein Sturm aufzieht.“ Und auch Frank Grell, Leiter der deutschen Praxisgruppe Restrukturierung & Insolvenz bei der Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins, geht davon aus, dass „das billige Geld von den Unternehmen nicht immer gut genutzt wurde“. Er erwartet für 2020 zwar keine große Pleitewelle, warnt aber auch: „einen sicheren Wirtschaftssektor gibt es nicht mehr“.

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