Interview Siemens-Forschungschef fordert Umsteuern bei Energiewende

Der Chef der Siemens-Konzernforschung, Wolfgang Heuring, fordert Ökostrom-Anbieter künftig an den Kosten einer sicheren Energieversorgung zu beteiligen und sieht Potenzial für große Wasserstoffspeicher.

13 bittere Wahrheiten über den Strompreis
Stromzähler Quelle: dpa
Ein Mann arbeitet in der Industrie Quelle: dapd
Rauchende Schornsteine Quelle: dpa
Ein Offshore-Windpark Quelle: dpa
Ein Windpark Quelle: dpa
Vormontierte Teile von Windkraftanlagen Quelle: dpa
Solaranlage Quelle: dpa
Arbeiten an einem Strommast Quelle: dapd
Stromkabel-Stecker Quelle: dpa
Eine gelbe Blume und ein Strommast Quelle: dpa
Ein Gas- und Dampfturbinenkraftwerk Quelle: dpa
Pumpspeicherkraftwerk Quelle: dpa/dpaweb
Stromzähler Quelle: dpa
Akten in Regalen Quelle: dapd

 

Der 54-Jährige ist ein Siemensianer durch und durch. Seine Karriere bei dem Münchner Technologiekonzern startete der Physiker 1990 als Gruppenleiter der Testautomatisierung. Seit vergangenem Jahr leitet er die zentrale Konzernforschung in München.

WirtschaftsWoche: Herr Heuring, Siemens hat die Pläne der Bundesregierung zur Energiewende früh unterstützt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Fortschritt zwei Jahre nach Ausrufung der Grünstrom-Revolution?

Heuring: Die Energiewende steht an einem kritischen Punkt. Wir müssen umsteuern, sonst werden die Ziele der Energiewende verfehlt.

Das klingt alarmierend. Welche Entwicklungen beunruhigen Sie konkret?

Die Strompreise für die privaten Haushalte und die Industrie laufen aus dem Ruder. Sie zahlen heute doppelt so viel für die Kilowattstunde wie noch im Jahr 2000. Das birgt sozialen Konfliktstoff und schmälert die Wettbewerbsfähigkeit der hier produzierenden Unternehmen. Beides können wir uns nicht leisten.

Neue Technologien zur Energiegewinnung
Solarzellen gehören in der Stadt von Morgen zu den wichtigsten Technologien bei der Energiegewinnung. Die Integration in die Gebäudehüllen spart Material und verbilligt den Sonnenstrom. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Strom erzeugende Straßen gehören zu der Vision des amerikanischen Startup Solar Roadways. Die Oberfläche besteht aus einem extrem harten Glas, darunter befinden sich Solarzellen. Im US-Bundesstaat Idaho wurde so der erste Strom erzeugende Parkplatz aus Solarmodulen gebaut. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Durch transparente Farbstoffsolarzellen können zusätzlich Fassadenflächen zur Energiegewinnung genutzt werden. Das australische Solarunternehmen Dyesol und der US-Glashersteller Pilkington wollen bereits in wenigen Jahren damit beginnen, Glas mit Solarzellen aus Farbstoffen zu bedrucken. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Einzelne Haushalte können sich zukünftig durch Kleinwindräder, die sich leicht auf Hausdächern und an Balkonbrüstungen montieren lassen, mit Strom versorgen. Der Branchenverband RenewableUK rechnet damit, dass in England bis 2020 Kleinwindräder mit einer Gesamtleistung von 1,3 Gigawatt installiert sein werden - so viel wie ein großes Atomkraftwerk derzeit produziert. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Elektroautos könnten in den zukünftigen Megacities direkt am Parkplatz aufgeladen werden - durch Windenergie. Sanya Skypump heissen diese Windturbinen, die vom New Yorker Kleinwindanlagen-Startup Urban Green Energy entwickelt wurden. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Selbst Biomasse lässt sich in den Städten zur Energiegewinnung nutzen. Durch Fermentierungsanlagen wird aus dem angefallenen Müll Biogas erzeugt - womit sich wiederum gasbetriebene Fahrzeuge antreiben lassen. Zudem... Illustration: Javier Martinez Zarracina
...lässt sich das gewonnene Biogas problemlos in das Gasleistungsnetz mischen. So können auch hocheffiziente Blockheizkraftwerke betrieben werden, die dann in den Kellern von Gebäuden Wärme und Strom erzeugen. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Selbst Algen lassen sich in der Megacity zur Treibstoffgewinnung nutzen. In speziellen Tanks, die auf Dächern oder Grünflächen montiert werden könnten, werden Miniorganismen gezüchtet, die dann mit chemischen Methoden in Öl oder Gas umgewandelt werden. Wissenschaftler der Uni Bielefeld testen momentan eine Methode, bei der Algen aus Sonnenlicht und Wasser Wasserstoff produzieren. So kann umweltfreundlicher Treibstoff gewonnen werden, mit dem... Illustration: Javier Martinez Zarracina
...Brennstoffzellenautos angetrieben werden können, die in der Megacity von Morgen zum normalen Stadtbild gehören. Luftverschmutzung und Smog könnte so entgegengewirkt werden. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Auch die Wasserkraft soll in die urbanen Zentren zurückkehren - durch schwimmende Bojen, die mithilfe der Flussströmung Strom erzeugen. Das österreichische Startup Aqua Libre hat solche Strom-Bojen entwickelt - 2013 sollen sie in Serienfertigung gehen. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Ein wichtiges Kriterium beim Energie-Management der Städte der Zukunft ist es, Energie nicht nur zu erzeugen, sondern auch wieder zu verwerten. So hat das Schweizer Unternehmen Rabtherm ein Kanalrohr entwickelt, dass die Wärme des Schmutzwassers auf einen Wasserkreislauf in einer zweiten Rohrleitung überträgt. Durch einen Wärmetauscher wird die gewonnene Energie in eine nahegelegene Gebäudeheizung gespeist - 70 Prozent des Heizöls sollen somit gespart werden. Illustration: Javier Martinez Zarracina
Wärme kann sogar auf Rädern verschickt werden. So hat das Dortmunder Startup LaTherm einen Container entwickelt, der mit Wärmespeichermaterial gefüllt ist. Abwärme von Gebäuden, die bisher ungenutzt durch den Schornstein ging, kann auf diese Weise gesammelt und wiederverwertet werden. In Dortmund wird so die Abwärme einer Deponiegasanlage dazu verwendet, die Heizungsanlage eines nahegelegenen Schwimmbads zu speisen. Illustration: Javier Martinez Zarracina

Kann demnach nur noch ein radikaler Kurswechsel die Energiewende retten?

Es geht nicht um Radikalität, sondern um Vernunft. Wenn wir sie richtig neu justieren,  können wir die Energiewende bis 2030 nach unseren Berechnungen um bis zu 150 Milliarden Euro billiger haben. Dieses Einsparpotenzial müssen wir realisieren.

Wer ist schuld an den ausufernden Kosten?

Der Fehler liegt im System. Wir fördern die erneuerbaren Energien, insbesondere die Fotovoltaik, praktisch unkontrolliert. So entsteht eine teure Parallelkapazität zu den konventionellen Kraftwerken, die wir wegen der Versorgungssicherheit weiter brauchen. Denn Wind und Sonne liefern nun einmal nicht zu allen Zeiten zuverlässig ausreichende Mengen Strom.

Welche Maßnahmen schlägt Siemens vor?

Es wäre ökologisch wie ökonomisch sinnvoll, den Ökostromanteil bis 2030 nur auf 40 statt der geplanten 50 Prozent auszubauen und zugleich deutlich mehr der relativ sauberen und hoch effizienten modernen Gas- und Dampfkraftwerke an die Elektrizitätsnetze anzuschließen. Dieselbe Absenkung des Treibhausgas-Ausstoßes ließe sich so deutlich kostengünstiger erreichen, als mit einem ungebremsten Ausbau der erneuerbaren Energien.

Dieses Plädoyer hat nicht zufällig damit zu tun, dass ihr Unternehmen Turbinen für diese Art Kraftwerke baut?

Nein, wir sprechen hier nicht in eigener Sache. Gaskraftwerke sind nun einmal besonders flexibel und können daher am besten das schwankende Stromangebot der Erneuerbaren ausgleichen. Zudem ist das Ziel der Bundesregierung, den CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren, nur mit Gas als Brennstoff zu erreichen. Kohle, die derzeit vermehrt verbrannt wird, setzt im Verhältnis bis zu drei Mal so viel CO2 je produzierter Kilowattstunde frei.

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