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Kampf der Branchen Wenn Chemie mit Bio im Clinch liegt

Warum sich die beiden Branchen nicht zusammen tun, sondern durch ihren Konkurrenzkampf die Zukunft des Standorts Deutschland gefährden.

Das Zeitalter der Petrochemie neigt sich aufgrund der Ressourcenknappheit dem Ende entgegen - Die Zukunft gehört der Biotechnik Quelle: dpa

Sie glauben nicht, dass Essen aus Erdöl oder Erdgas hergestellt werden kann? Dann liegen Sie falsch. Was heute angesichts versiegender Rohstoffquellen geradezu grotesk klingt, war einst ein Mega-Hit in der petrochemischen Industrie – und technisch gar kein Problem.
So bauten die Branchengrößen BP, Shell, ICI und Amoco Ende der 1960er Jahren riesige Produktionsanlagen, die aus Erdgas und Erdölbestandteilen nahrhafte Eiweiße herstellten. Bis in die späten 1970er Jahre dienten solche petrochemischen Proteine nicht nur zum Teil als Kraftfutter für Fische und Schweine. Es diente sogar auch als Ersatz für Magermilchpulver etwa in Lebensmitteln wie Käse, Backwaren oder Schokolade.

1965 – in ihrer Jubiläumsschrift zum hundertsten Geburtstag – frohlockten die Lenker der zum Weltkonzern BASF angewachsenen Badischen Anilin- & Soda-Fabrik sogar, dass solch eine Petro-Diät die Welternährung sichern könne.
Doch es kam ganz anders. Die steigenden Preise für fossile Rohstoffe wie Erdöl und Gas machten diesen Nahrungs- und Futtermittelersatz unerschwinglich – und den Allmachtsfantasien der Chemieindustrie einen Strich durch die Rechnung.

Diese Lebensmittel sollten Sie besser Bio kaufen
Saftig, knackig, gesund? Obacht, meint die Umweltorganisation Greenpeace, denn frisches Obst und Gemüse enthält nicht nur viele Vitamine, Ballast- und Mineralstoffe, sondern bringt auch unerwünschte Substanzen auf den Tisch. Das ergab eine aktuelle Auswertung von mehr als 22.000 Proben der deutschen Lebensmittelüberwachung aus den Jahren 2009 und 2010. Die Ergebnisse, in einem Einkaufsratgeber für Obst und Gemüse zusammengefasst, sind nicht immer appetitlich... Quelle: AP
PaprikaAuch wenn momentan darüber diskutiert wird, dass Bio-Lebensmittel nur wenig gesünder als konventionelles Essen sind: Sicher ist, dass sie bei der Belastung mit Pestiziden deutlich besser abschneiden. Die Auswertung von Greenpeace hat ergeben, dass vor allem Paprika aus der Türkei die gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen besonders häufig überschreitet. Über 20 Pestizide fanden die Experten in dem Gemüse. Das Online-Magazin „Utopia“ berichtet davon, dass beim Paprikaanbau oft die gefährliche Chemikalie Ethephon verwendet wird, um das Gemüse schneller einzufärben. Im menschlichen Körper soll Ethephon wie ein Nervengift wirken. Quelle: dpa
TafeltraubenAuch Tafeltrauben aus der Türkei enthalten im Schnitt zu viele Pestizide. Darauf weist neben Greenpeace auch das Bundesamt für Verbraucherschutz hin. Nicht selten lassen sich Spuren von zehn Pestiziden in den Trauben nachweisen. Bei Tafeltrauben aus Deutschland sind es im Schnitt weniger als fünf. Quelle: dpa
BirnenUnd auch in Birnen, die aus der Türkei importiert werden, finden sich Substanzen, die den Umweltschützern Sorgenfalten auf die Stirn treiben. In ihrer Analyse konnten die Greenpeace-Experten im Schnitt zehn Pestizide finden. Quelle: ZB
GrünkohlAuch wenn das Wintergemüse Grünkohl nicht jedermanns Sache ist: spätestens wenn man sich die Belastungen mit Pestiziden ansieht, kann einem der Appetit vergehen, denn häufig werden die gesetzlichen Höchstmengen für Pflanzenschutzmittelrückstände überschritten. Quelle: dpa
WeinblätterOb türkisch, griechisch oder orientalisch: Weinblätter bereichern die mediterrane Küche. Allerdings sind auch sie besser mit Vorsicht zu genießen. Darauf weist die Zeitschrift „Ökotest“ hin. Das Fazit ihrer Untersuchung: Häufig lauern in den grünen Blättern so viel chemische Stoffe, dass sie den unbeschwerten Genuss völlig verderben. Die Zeitschrift sprach ein vielen Fällen sogar eine Nicht-Kauf-Empfehlung aus. Wer trotzdem darauf zurückgreifen möchte, sollte es auf jeden Fall Bio kaufen. Quelle: dpa
Kirschen Hohe Rückstände von Pflanzenschutzmitteln tauchen regelmäßig auch in Süß- und Sauerkirschen auf. Von Kirschen aus konventionellem Anbau sollte man lieber die Finger lassen und sie statt dessen aus Nachbars Garten oder vom Biomarkt naschen. Quelle: gms

Dem biochemische Werkzeugkasten gehört die Zukunft
Zugegeben, das ist schon fast 50 Jahre her. Doch eigentlich will die Chemiebranche bis heute nicht recht wahr haben, dass sich das Zeitalter der Petrochemie mit dem Versiegen der Erdölquellen allmählich dem Ende zuneigt.
Die Zukunft gehört der Biotechnik. Sie wird die gesamte Herstellungstechnik umkrempeln. Mit möglichst umweltverträglichen und ressourcenschonenden Produktionsmethoden versuchen Biotechnologen sowohl von fossilen als auch essbaren Rohstoffen weg zu kommen. Und sie verleihen den Produkten ganz neue Eigenschaften. Dabei erobern sie gerade ganz neue Anwendungsfelder und machen der Petrochemie zunehmend Konkurrenz.

Der große Unterschied: Biotechniker setzen anders als Chemiker nicht auf einzelne, kleine Schritte chemischer Synthesen, um mit Hilfe von geschicktem Mischen, Erhitzen, Kühlen, Rühren oder unter Druck Setzen zum gewünschten Endprodukt – oft einem riesigen Molekül wie etwa einem Kunststoffpolymer – zu gelangen. Sie bauen statt dessen auf die Hilfe von Mikroorganismen wie Hefen oder Bakterien, die meist im Labor noch gentechnisch verändert und optimiert werden. Deren biochemischer Werkzeugkasten erledigt mit Hilfe eines ganzen Sets von Enzymen, den so genannten Biokatalysatoren, oft viele sonst mühsam zu bewerkstelligenden Einzelschritte in einem Aufwasch.
Obwohl sich klassisch chemische und biotechnische Produktionsweisen oft ideal ergänzen könnten, stehen sich Chemiker und Biologen meist noch feindselig gegenüber. Tatsächlich konkurrieren die beiden Branchen in vielen Fällen um die selben Märkte.

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