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Kampf gegen Alzheimer „Ich denke tatsächlich, dass wir vor einem Durchbruch stehen“

Andrea Pfeifer will eine Impfung gegen Alzheimer entwickeln. Quelle: PR

Das Schweizer Biotechunternehmen AC Immune entwickelt Medikamente gegen Alzheimer. Daran sind schon große Pharmakonzerne gescheitert. Andrea Pfeifer, Mitgründerin und CEO von AC Immune macht jedoch Hoffnung – auch auf einen Impfstoff.

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Die Münchnerin und Medizinerin Andrea Pfeifer arbeitete zunächst in der Krebsforschung und als Managerin bei Nestlé, ehe sie 2003 das Schweizer Biotechunternehmen AC Immune mitgründete. In der Branche ist ihre große Expertise und Hartnäckigkeit anerkannt. Der Biotech-Manager Alexander Schuth, der einst für Genentech eine Kooperation mit AC Immune verhandelte, bescheinigt ihr eine „unaufhaltsame Energie“. Schuth: „Wir haben damals die ganze Welt nach Kooperationspartnern abgesucht, AC Immune stach dabei heraus.“  

WirtschaftsWoche: Frau Pfeifer, seit Jahrzehnten findet die Pharmaindustrie kein Mittel gegen Alzheimer. Zuletzt gab es bei Unternehmen wie Biogen oder Roche einige Erfolgsmeldungen. AC Immune arbeitet an einem Impfstoff gegen Alzheimer. Wann ist es soweit?
Pfeifer: Wir setzen heute auf Antikörper und einen Impfstoff gegen Alzheimer. Für unser in der Entwicklung befindliches Medikament Semorinemab, ein Antikörper gegen das Tau-Protein, konnten wir vor einigen Wochen in einer Phase-2-Studie zeigen, dass es den Verlust der kognitiven Fähigkeiten von Alzheimer-Patienten, die an einer leichten bis mittelschweren Form der Erkrankung leiden, um 44 Prozent reduziert. Einen solchen Effekt hat es bislang kaum je gegeben. Bei den funktionellen Fähigkeiten, also etwa Einkaufen oder die Ausführung von Hausarbeiten, konnten wir keinen Effekt feststellen. Das kann mit der bislang erst relativ kurzen Behandlungsdauer von einem Jahr zusammenhängen. Insgesamt bin ich vorsichtig optimistisch bei der Alzheimer-Entwicklung. Schließlich wäre auf einen Impfstoff zu hoffen, der sowohl vorbeugend als auch zur Therapie eingesetzt werden kann. Wenn alles klappt, könnte es einen solchen Impfstoff gegen Alzheimer in fünf oder mehr Jahren geben.

Kürzlich hat AC Immune einen Teil des österreichischen Biotech-Unternehmens Affiris übernommen, der an einem Impfstoff gegen Parkinson arbeitet. Damit haben Sie gleichzeitig die Strüngmann-Zwillinge, die Biontech finanziell aufgebaut haben, als Investoren gewonnen. Was bedeutet das für AC Immune?
Die Strüngmann-Holding Athos, die Finanzierungsgesellschaften MIG und First Capital Partner halten gemeinsam zwölf Prozent an AC Immune. Athos und MIG waren bereits bei der Gründung von Biontech dabei und sind dort immer noch Hauptinvestoren. Dass sie nun bei AC Immune dabei sind, ist natürlich ein Segen. Wenn einer weiß, wie sich Impfstoffe kommerzialisieren lassen, dann sind es doch die Hauptinvestoren von Biontech. Dazu ist Dietmar Hopp mit seiner Biotech-Holding dievini, ein langjähriger wichtiger Investor, noch mit etwas über zwanzig Prozent beteiligt. Der Rest verteilt sich dann auf institutionelle und andere private Investoren.

Mit vereinten Kräften können sie dann loslegen. In Deutschland leben 1,6 Millionen Menschen mit Demenz; bis zum Jahr 2050 könnten es 2,3 Millionen werden. Wie groß sind die Erfolgschancen im Kampf gegen Alzheimer?
Für mich ist Alzheimer eine langsame Pandemie, die auf die Welt zurollt. Weltweit sind derzeit 55 Millionen Familien von Alzheimer betroffen, bis 2050 könnten es 150 Millionen sein. Die globalen Ausgaben für die Bekämpfung dürften weltweit innerhalb von Jahrzehnten von 1,5 Billionen auf zwanzig Billionen steigen. 70 Prozent der Alzheimer-Fälle treten in Entwicklungsländern auf. 70 Prozent der Patienten sind Frauen. Es ist eine große, gesellschaftliche Aufgabe. Ich denke aber tatsächlich, dass wir vor einem Durchbruch stehen. Es gibt interessante Ansätze für Medikamente und Impfstoffe. Es gibt, auch dank AC Immune, viel bessere Möglichkeiten der Diagnose, mit denen sich die zerstörerischen Eiweißablagerungen im Gehirn, etwa Amyloide und Tau-Proteine, besser sichtbar machen lassen.  Bei der Tau-Diangostik hat AC Immune ein führendes Diagnoseverfahren entwickelt.

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    Noch ist die Ursache für Alzheimer doch überhaupt noch nicht klar…
    Alzheimer ist keine Krankheit mit nur einer Ursache. Es geht nicht nur darum, ob die Amyloid-These oder die Tau-Protein-These zutrifft. Es gibt mehrere Gründe, warum Alzheimer auftritt. Man muss aber die möglichen Ursachen kennen, um Patienten individualisiert behandeln zu können. Dabei spielen genetische Komponenten übrigens eine untergeordnete Rolle. Dass Alzheimer erblich ist, stimmt so nicht. Das trifft nur bei etwa vier Prozent der Alzheimer-Patienten zu.

    Lässt sich vorhersagen, wer Alzheimer bekommt und wer nicht?
    Es gibt heute hat tatsächlich einen Bluttest, der vorhersagen kann, wer in zehn bis zwölf Jahren ein erhöhtes Risiko hat, an Alzheimer zu erkranken. Der Test wird bereits bei klinischen Studien eingesetzt, aber nicht in Arztpraxen. Es ist schwierig, einen solchen Test einzusetzen, wenn es keine Heilung gibt.

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    Sie haben in der Krebsforschung sowie für den Nestlé-Konzern gearbeitet, bevor Sie 2003 AC Immune mitgründeten. Wie kamen Sie da ausgerechnet auf das Thema Alzheimer?
    Mich hat es immer interessiert, Therapien für unheilbare Krankheiten zu finden, deswegen bin ich auch in die Krebsforschung gegangen. Bei Nestlé habe ich an der Entwicklung eines probiotischen Joghurts mitgearbeitet. Dass passt durchaus, denn auch eine gesunde Ernährung hat ja einen positiven Einfluss auf die Entwicklung von Krankheiten. Ich habe dann auch für den Venture Capital Fonds von Nestlé gearbeitet und darüber Kontakt zu den wissenschaftlichen Gründern von AC Immune bekommen. Für den Wechsel in die Selbständigkeit habe ich vieles aufgegeben, es aber bis heute nicht bereut.  

    Was bedeutet eigentlich das Kürzel AC Immune?
    Das steht für Alzheimer und Cancer Immuntherapie. Den zweiten Teil sind wir noch gar nicht angegangen. 

    Mehr zum Thema: Dietmar Hopp und die Brüder Strüngmann pumpen Millionen in das Biotechunternehmen AC Immune. Die Investoren hoffen auf Medikamente und einen Impfstoff gegen Alzheimer. Wird AC Immune das neue Biontech? Lesen Sie hier die ausführliche Recherche.

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